17. August 2014


In der Hyakunincho-Gemeinde

Eine etwas seltsame Gemeinde, gänzlich unüblich in Japan. Die Struktur der japanischen evangelischen Gemeinden ist überall ziemlich dieselbe, lässt sich auch mit den Strukturen von Kirchengemeinden in anderen Ländern vergleichen. Sogar unsere kleine Japanische Evangelische Gemeinde in Frankfurt am Main hat die Grundstruktur beibehalten und mit ein paar Akzenten aus Deutschland angereichert. So fällt auch der Gottesdienst der Hyakunincho-Gemeinde  aus diesem Rahmen, ist nicht angepasst.

Der derzeitige Pfarrer der Gemeinde, Herr KA Jeon-Sun, ist Koreaner: eine Gemeinde, die einen koreanischen Pfarrer beruft, war damals die Ausnahme. Er hat viele Jahre in Tomisaka, dem Grundstück der DOAM im Bunkyo-Ku, mit seiner Familie gelebt und dort mitgearbeitet. Schon seit über 30 Jahren bat er immer wieder darum, dass ich in seine Kirche komme und auch die Predigt halten möge. Es hat sich nie ergeben. Dieses Mal hat er gleich, als er von unserer geplanten Japanreise hörte, darauf bestanden, dass ich am 17.8.2014 in „seine“ Kirche komme.

Die Gemeinde wurde 1970 von Laien gegründet. Lange hatte sie keinen Pfarrer, war auch nicht Mitglied im Kyodan, der Vereinigten Kirche Christi in Japan. Zu der alle früheren Gemeinden der Ostasienmission gehören und die Partnerkirche von DOAM, EMS und BMW ist. Ich werde heute nicht ausführlich auf die Geschichte dieser Gemeinde eingehen, aber vom Gottesdienst, wie ich ihn vorfand, muss ich reden.  Herr KA schrieb mir schon bei der Einladung, dass sie kein eigenes Kirchengebäude hätten und erst kürzlich umgezogen seien:  In die Nähe des Takadanobaba-Bahnhofs auf der Yamatelinie. Von da dann drei Häuser weiter, im ersten Obergeschoß versammle man sich jetzt. Um 10:30 Uhr beginne der Gottesdienst. Takadanobaba ist auch der Bahnhof für die Studierenden der berühmten, privaten Waseda-Universität, mit der die DOAM lange Jahre ganz gute Beziehungen hatte.

Im zweiten OG treffe ich auf zwei Personen, einen Herrn im fortgeschrittenen Alter, der die Tische und Stühle zurechtrückt, die Liederbücher und Bibel bereitlegt, den Airconditioner einschaltet. Und eine Frau im mittleren Alter, die sich mir als Frau Bae vorstellt, die zu meiner Zeit im NCCJ gearbeitet und dann ein paar Jahre auf den Philippinen und in Afrika gelebt habe. Sie hatte sich über Facebook schon bei mir gemeldet und geschrieben, sie freue sich auf diese Begegnung und auch darauf, in diesem Gottesdienst das Harmonium spielen zu dürfen. Erst als ich sie jetzt sah wusste ich, wer sie war, dass wir uns schon über 30 Jahre kennen und jetzt nach 30 Jahren uns wieder sehen. Die Freude war uns beiden wohl anzusehen. Nach 10-15 Minuten kamen dann auch nacheinander die anderen Gemeindeglieder. Heute sollten es 25 werden.

Das Programm (Liturgie) für den Gottesdienst liegt gedruckt für jeden vor. Großformat: DIN A3. Die obere linke Hälfte enthält die Liturgie, auf der rechten Seite die Abkündigungen. Da steht z.B. auch, dass am vergangenen Sonntag 11 Frauen und 6 Männer anwesend waren und eine Kollekte von 14.800 Yen zusammenkam. In der unteren Hälfte des Blattes steht links das „Gebet für den Frieden in Ostasien“ und rechts jeweils ein kurzer Tagebuch-Bericht eines Gemeindegliedes (jeweils ein anderes Gemeindeglied).

Nach dem Vorspiel (auf einem uralten, sehr einfachen Harmonium-ähnlichen Instrument, gestiftet vor langer Zeit von Prof. Kida, der in Deutschland Altes Testament studiert hatte, in diesem Frühjahr verstorben http://www.doam.org/index.php/ueber-uns/1873-in-memoriam-kida-kenichi) das Eingangslied „Höre unser Gebet“ und die Verlesung des Predigttextes (1. Kor. 3, 9-15). Dem folgt das Eingangsgebet an das sich das „Gebet für den Frieden in Ostasien“ anschließt. Dann Kollekte und Danksagung.

 Verschiedene Berichte von Gemeindegliedern und ein weiteres Lied „Was Gott will...“ Hier ist nun der Ort der Predigt, die hier aber nicht Predigt heißt, sondern Zeugnis. Nicht nur weil auch Nicht-Pfarrer hier reden dürfen/sollen, sondern weil der Begriff der Predigt zu hoch gehängt wird. Mehr als ein Zeugnis (unter vielen anderen) kann eine Predigt nicht sein und darum ist man konsequent und nennt sie „Zeugnis“ (Heute zum Thema: „Was bleibt uns am Ende“). Mir gefällt das. Die Predigt wird mit einem Gebet beschlossen.

Es folgt das Lied, das uns aus dem EG bekannt ist: „Ist Gott für mich so trete...“

Und dann kommt die Überraschung des Tages:  Das gemeinsame Mittagessen. Alle packen ihr Mitgebrachtes aus, einige müssen noch schnell im Laden nebenan ein Vesper kaufen gehen. Aber dann wir gegessen und gesprochen, Gedanken und Erlebtes ausgetauscht, ein Mahl in der Gemeinschaft der Glaubenden. Es gehört zum Gottesdienst! Das gibt es so wohl nirgends sonst in Japan. Mir hat jemand freundlicherweise ein jap. Obento (Vesper) mitgebracht.  – In vielen jap. Gemeinden gibt es ein Mittagsmahl, aber immer in Anschluss an den Gottesdienst. Man ist dann freilich schon halb auf dem Heimweg bzw. mit dem nächsten Tagesordnungspunkt der Familie beschäftigt, die „Predigt“ oft schon vergessen.

Sind alle satt und Ruhe kehrt ein folgt ein wichtiger Teil dieser Gottesdienste in der Hyakunincho-Gemeinde, „response“ genannt. D.h. die Gemeindeglieder reagieren auf die Predigt: theologisch, praktisch, soziologisch, medizinisch, juristisch – je nach dem aus welchem Kontext der oder die Betreffenden kommen und was sie gerade bewegt. Das sind keine Fragen nach in der Predigt/Zeugnis unverständlich Gesagtem, sondern es findet ein Diskurs statt, ein Dialog zwischen allen Anwesenden. So etwas habe ich mir in meiner Gemeinde in Weingarten immer gewünscht, aber trotz mancher Anläufe ist es nie gelungen. Bier findet das Gespräch ganz selbstverständlich statt. Gewiss, nicht alle kommen zu Wort, aber der Zeitrahmen kann überschritten werden (wenigstens heute).

Gegen 13:15 wird dann von einem Gemeindeglied das Schlussgebet gesprochen und mit dem Orgelnachspiel wird der Gottesdienst beschlossen. Wer meint, man gehe jetzt nach Hause oder zum nächsten Termin, der irrt. Die meisten treffen sich wieder im nächsten Café, wo das Frage- und Antwortspiel bei einer Tasse Kaffee fortgesetzt wird.

Ein denkwürdiger Gottesdienst. Das gemeinsame „Gebet für Frieden in Ostasien“ werde ich versuchen, in meiner kleinen Frankfurter Gemeinde einzuführen und aus der Predigt wird künftig auch ein „Zeugnis“ im ausgedruckten „Programm“. Den Zuspruch des Segens am Ende des Gottesdienstes werde ich wohl beibehalten:  In der Hyakunincho-Gemeinde entfällt der vom Pfarrer zugesprochene Segen. Der Zuspruch des Segens hebt den Pfarrer aus der Schar der Gläubigen ungerechtfertigterweise heraus, also  verzichtet die Gemeinde  auf diesen Zuspruch. So die Begründung von Pfarrer KA. Die Gemeinde weiß sich allezeit als unter dem Segen stehend, den eben auch kein Pfarrer schaffen kann.

Über die Geschichte der Gemeinde werde ich später noch auf der Homepage berichten.








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