11. März 2011 - Fight, Flight, or Freeze?

Prof. Dr. Mira Sonntag berichtet aus Tokyo/Osaka

In Vorbereitung eines Vortrags für eine Konferenz, die ich aufgrund der neuesten Ereignisse inzwischen abgesagt habe, las ich in den letzten Wochen viel über neuronale Bedingtheiten menschlichen Verhaltens. Ich wollte herausfinden, ob Hirnforschung uns Erklärungsansätze für kulturell verschiedene Handlungsmuster geben kann. Dabei ging es mir insbesondere um den Zusammenhang von moralisch-ethischen Vorgaben und bestimmten Religiösitätskonzepten, denn ich bin Religionswissenschaftlerin. Welche Schlussfolgerungen hat das japanische Konzept âreligiösen Sentimentsâ für das moralisch-ethische Handeln der Japaner? Und lässt es sich auf eine kulturell bedingte Prioritätensetzung in der Nutzung unserer Hirnkapazitäten zurückführen?

Über der Lektüre diverser moralpsychologischer, neurobiologischer und sogenannter neurotheologischer Literatur rätselte ich, ob man âreligiöses Sentimentâ einfach nur als Ausdruck der bereits mit âöstlichem Denkenâ in Verbindung gebrachten, bevorzugten Nutzung der rechten Gehirnhälfte erklären sollte, oder ob sich vielleicht doch differenziertere Diagramme (so ähnlich wie Nährstoff- oder Zufriedenheitsdiagramme) in Bezug auf die Gewichtung der neuronalen Vorgaben des R-Komplexes, des limbischen Systems und des Neocortex bei verschiedenen Religionskonzepten erstellen ließen.

Im R-Komplex, dem Teil unseres Gehirns, den wir mit den Reptilien teilen, werden, so heißt es, alle für die unmittelbare Selbsterhaltung wichtigen Informationen emotional kodiert und als Stressreaktionen in Handlungsimpulse umgesetzt. Die drei wichtigsten dieser Handlungsimpulse sind Angriff, Flucht und Schreckstarre (siehe Titel oben). Die schlagartige Freisetzung von Adrenalin in einer Gefahrensituation führt zur Erhöhung von Herzschlag, Körperkraft (Muskeltonus) und Atmungsfrequenz, die insbesondere Angriff und Flucht erleichtern. Im Falle der Schreckstarre werden zusätzlich schon einmal Opioide (Schmerzstiller) ausgeschüttet für den Fall, dass die Schreckstarre den Angreifer nicht abschütteln kann. Diese Stressreaktionen erfolgen beim Menschen weitgehend unbewusst.

Über diesem R-Komplex befindet sich das Limbische System, welches wir wiederum mit den meisten Säugetieren teilen. Es heißt, hier entstehen unsere individuellen Identitäten durch die Ansammlung und unablässige Neusortierung von Erfahrungserinnerungen. Auch hier entstehen wichtige Handlungsimpulse zum Überleben. Mit dem Mandelkern werden vor allem Aktivitäten in Verbindung gebracht die der Selbsterhaltung dienen, während das Septum Aktivitäten zur Erhaltung der Art kontrolliert. Für Menschen liegt hier der Schlüssel zur Bezogenheit auf Andere. Hier entstehen die Grundinstinkte der Aufzucht, des Lehrens und des Spielens, d.h. das, was wir unter dem Stichwort Altruismus (Nächstenliebe) zusammenfassen.

Und erst darüber breitet sich die graue Masse des Neocortex der Primaten, die analytisches Denken und symbolischen Ausdruck ermöglicht, wobei die linke Hemisphäre allgemein für Analytik (schrittweises Folgern) und die rechte für Kreativität (simultane Imagination) verantwortlich gemacht wird. Dabei spricht die linke Hemisphäre eine âausdrückliche Spracheâ, die jedoch immer durch die âemotionale Spracheâ der rechten Hemisphäre kontrolliert wird. Diese Ausführungen sind natürlich in jeder Hinsicht zu grob für eine angemessene Darstellung der komplexen Wirkungsweise unseres Gehirns. Ich will sie mit dem Hinweis beenden, dass auf einem solchen Verständnis des Gehirns als âdreieinigem Gehirnâ die sogenannte Theorie der âdreieinigen Ethikâ beruht, die ethische Grundmotivationen wie Sicherheit, Engagement und Imagination mit den genannten drei Gehirnarealen in Verbindung bringt. Und nun ahnen Sie vielleicht schon, wozu ich Sie mit all dieser Theorie belastet habe.

Über eben jene Theorie der dreieinigen Ethik (TET auf Englisch) las ich und kochte mir zwischendurch einen Tee. Dann reinigte ich die Katzentoilette, die wie immer fürchterlich stank. Da begannen die Schwingungen im Haus, sehr unheimlich. Ich öffnete das Fenster für den Notfall und, als ich die Schwingungen in der Küche nicht mehr ertrug, die Haustür. Das hatte auch meine Nachbarin gegenüber schon getan. Ich hatte extrem weiche Knie und hielt mich trotz oder wegen des plötzlichen Adrenalinstoßes kaum aufrecht. Aber sie rief immer wieder: âDas ist schon o.k.! Sie haben ja Nachbeben angekündigt. Das ist schon o.k.!â Meine Katze kam entsetzt die Treppe herunter. Ich wollte sie auf den Arm nehmen, aber sie verschwand sofort wieder. Ich sah voller Verwunderung die uralten Häuser ringsum, doch sie blieben stehen. Ein Nachbar kam sehr gelassen die Straße entlang geschlendert und verschwand dann in seinem wankenden Haus. Angesichts dessen, dachte ich, mit meiner Wahrnehmung müsse irgendetwas nicht stimmen. Aber da war das Adrenalin. Vielleicht war es der Satz der Nachbarin oder vielleicht auch das immer noch relativ gleichmäßige Schwingen des Hauses, das mir sehr deutlich machte, dass das Epizentrum sehr weit entfernt sein musste. Mir wurde schwindlig bei dem Gedanken, was sich dort gerade abgespielt haben musste. Sobald es ruhiger wurde, kehrte ich zu meinem PC zurück, die Haustür immer noch geöffnet, mit festen Schuhen an den Füßen und in Jacke. Unter http://typhoon.yahoo.co.jp/weather/jp/earthquake/ kann man binnen weniger Minuten genaueste Daten zu den letzten 200 Erdbeben abrufen. Ich suchte nach einem Nachrichtenkanal auf meinem Fernseher. Doch zum Lesen bzw. Hinschauen kam ich gar nicht, da rumpelte es schon wieder. Ich rannte wieder runter zum Hauseingang. Oben hörte ich ein zweites Mal meine Backbleche auf dem Boden landen. (Warum hatte ich sie auch an die gleiche Stelle zurück gelegt?) Als ich zum Nachdenken kam, fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass meine Tochter gerade auf dem Weg von der Schule in den Hort gewesen sein musste. War sie dort sicher angekommen? Überhaupt, wie sah es im Rest von Tokyo aus? Doch dann kam auch schon die Nachricht übers E-Mail-Notfallsystem, dass alle Kinder und Lehrer wohlauf und in den Schulhof evakuiert worden seien, von wo man sie später nach Hause schicken werde. Da diese Nachricht keine Aufforderung zur Abholung enthielt, entschied ich, dass meine Tochter in der Schule vorerst besser aufgehoben sei. Eine Stunde später musste ich feststellen, dass sie gar nicht dort war und auch niemand genau sagen konnte, ob sie im Hort schon angekommen sei. Inzwischen hatten schon viele Menschen im Ausland die Nachricht vom Beben und dem folgenden Tsunami gesehen. Mein Skype-Account lief heiß vor lauter Anfragen von Freunden, wie es uns gehe. Dabei konnte auch ich eigentlich nicht viel mehr sehen als sie selbst, denn die eigentliche Tragödie verfolgte ich genauso wie sie nur auf dem Fernsehschirm.

Mit dem Beben waren die meisten Handyverbindungen ausgefallen. Zuhause hatte ich zwar durchgehend Internet und Strom, aber mit dem Handy kam man nur sehr begrenzt durch. (Das Gas schaltete sich automatisch ab.) Eine Freundin, mit der ich mich am Morgen für das Abendessen verabredet hatte, war einfach nicht erreichbar. Eine andere hatte das Beben im Bus ereilt.

Auf der Suche nach meiner Tochter traf ich die Mutter einer ihrer Freundinnen, die ihrerseits per Handy herauszufinden versuchte, wo ihre Tochter momentan war. Es stellt sich heraus, dass die 9-Jährige nach dem Ausfall der Bahnen einfach allein quer durch Tokyo in Richtung Zuhause losgelaufen war. Ich fand meine Tochter schließlich im Hort auf einer Matratze unter einer Decke. Die Kinder hatten auf dem offenen Dach des Hortes warten müssen, bis die Beben nachließen, und waren entsprechend durchgefroren. So gingen wir ca. 2 Stunden nach Beginn des Dramas nach Hause und wollten noch schnell am Supermarkt vorbei, um Milch und Knabbereien zu kaufen. Da war die Hälfte der Regale schon leergefegt, keine Fertiggerichte, kein Brot, kein Reis und auch keine Chips. Ich konnte es einfach nicht fassen, machte Fotos, traf eine chinesische Studentin aus dem Tomisaka-Wohnheim, die eine der letzten Instantnudelsuppen im Korb hatte.

Zuhause versuchten wir weiter, Freunde zu erreichen. Dass es in Tokyo materiell wenig Schaden gegeben hatte, war inzwischen klar. Aber viele mussten sich zu Fuß auf den Heimweg machen, oder nach einer Notunterkunft suchen, wenn die Strecke zu lang war. Yumi war in Yokohama gestrandet und schockiert, dass selbst die sonst rund um die Uhr geöffneten Familienrestaurants schlossen und Hotels keine neuen Gäste aufnahmen. Sie konnte die Herzlosigkeit ihrer eigenen Landsleute nicht fassen. Vermutlich gab es eine polizeiliche Anordnung, doch selbst eine entsprechende Erklärung oder Entschuldigung blieb aus. Miki ist die 4 Bahnstationen nach Hause mit dem Helm auf dem Kopf gelaufen und erschien doch noch mit ihrer Tochter zum Abendessen. Wegen der immer wiederkehrenden Erschütterungen schlangen wir die Miso-Suppe möglichst schnell hinunter. Miki und Tochter nahmen den Helm den ganzen Abend nicht ab.

Wir sahen die Bilder vom Tsunami im Fernsehen, froh, dass wir keinen überdimensionalen Fernsehschirm hatten. Sprachlos ob der Verwüstung. Verständnislos ob der niedrigen Zahlen für Todesfälle, wo doch von Anfang an klar war, dass an die Hälfte der 20.000 Einwohner von Minamisanriku beim Tsunami umgekommen sein musste. (Die Homepage der blühenden Stadt ist immer noch online. Nur das Abbrechen neuer Nachrichten am 10. März verweist auf die Katastrophe, die dort geschehen ist.)

Die chronologische Reihenfolge dessen, was sich danach ereignete, ist mir inzwischen kaum präsent. Ständig schaute ich nach neuen Nachrichten, insbesondere nachdem bekannt wurde, dass der Tsunami das AKW Fukushima I beschädigt hatte. Nach der Beschädigung hatte es über eine Stunde gedauert, bis diese Nachricht in die Medien kam. Und diese Nachricht war der eigentliche Auslöser für die Hamsterkäufe in den Tokyoter Supermärkten gewesen. Während Tausende nach dem Stillstand der Bahnen einen Weg nach Haus suchten, packte ich eine Nottasche mit Wasser, etwas Nahrung und Wäsche und unseren Pässen. Die kam neben das Bett. Aus Angst im Notfall halb blind dazu stehen, schlief ich mit Brille. Immer wieder gab es Nachbeben und jedes Mal erklang die Sirene meines Handys mit einer gleichzeitigen Fluchtaufforderung. Bis dahin wusste ich gar nicht, dass mein Handy überhaupt so eine Funktion hatte. Für alle Beben über Stärke 5, die landesweit geschahen, erscholl die Sirene, auch wenn man sie nicht in Tokyo spürte. Ich war jedoch nicht geistesgegenwärtig genug, den Ton einfach abzuschalten.

Am folgenden Samstag konnte ich Freunde wieder übers Handy erreichen. Wir tauschten Informationen aus, ermunterten einander. Meine alleinstehende Freundin Yumi gestand, dass sie bei aller Beschwerlichkeit des Aufenthaltes in einer Notunterkunft in Yokohama doch froh gewesen war, diese Nacht nicht allein zu Haus verbracht zu haben. Das Chaos, welches sie dort am Samstag begrüßte, war ein großer Schock gewesen. (Den konnte ich erst am Montag richtig nachvollziehen, als ich zum Aufräumen in mein Universitätsbüro ging. In 30 cm Höhe lag dort die Hälfte des Inhalts der Regale auf dem gesamten Zimmerboden vermischt.) Eine andere Freundin vermisste ihren Mann. Er war irgendwo im Nordosten zum Ski gefahren. Und auch dort gab es nach dem Hauptbeben große Folgestöße. Gleichzeitig machte sie sich Sorgen um eine 96-jährige Schweizerin, die nach einer OP in einem Pflegeheim lag und nicht erreichbar war.

Der Informationsaustausch beruhigte einerseits, andererseits schürte er neue Ängste. Eigentlich hätte an diesem Tag die Abschlußzeremonie des Hortes stattfinden sollen, für die die Kinder über Wochen ein Programm einstudiert hatten. Die Veranstaltung wurde aus Sicherheitsgründen abgesagt. Da meine Tochter einen hartnäckigen Husten hatte, entschieden wir uns für einen Arztbesuch. Es dauerte eine Ewigkeit, bis wir dran waren. Offensichtlich wollten sich auch alle Pollenallergiker sicherheitshalber noch mit Medikamenten versorgen. Derweil wurde die Lage im AKW Fukushima immer dramatischer und zurück im Haus beschlossen wir, vorerst nicht mehr hinauszugehen. Der Fernseher lief die ganze Zeit, dazu die Nachrichten in verschiedenen Internet-Newstickern. Die Atmosphäre war entsetzlich gespannt und so sehr ich mich auch bemühte, rational zu bleiben, brodelte doch die Panik in meinen Adern. Obwohl es mich doch gar nicht getroffen hatte, verspannte meine Muskulatur immer mehr und meine Reaktionen auf die Unbedachtheiten meiner Tochter wurden immer gereizter.

Diese enorme innere Spannung war auch den Nachrichtensprechern anzumerken. Es kam zu Falschinformationen, verbalen Flutwarnungen über den Bildschirm für Gebiete, in denen es ohnehin zu diesem Zeitpunkt keine Fernsehübertragung gab. Am Samstag glichen manche Pressekonferenzen chaotischem Wirrwarr, aus dem sich die Zuschauer entnehmen konnten, was sie wollten. Es schien, als ob die Organisatoren vergessen hatten, dass sie vor laufender Kamera standen. Dazwischen wurden unablässig die immer gleichen Bilder vom Tsunami und der Schwemmlandschaft danach wiederholt. Menschen in den Notunterkünften wurden befragt, was ihnen am meisten fehle, gerade so, als ob schon die Frage den Mangel beseitige. Als ich irgendwann, alle Medien abschaltete, war das eine enorme Erleichterung.

Jetzt, erst jetzt, nachdem wir Tokyo verlassen haben, ist mir klar geworden, worin der Unterschied zwischen den ersten beiden Stufen (Beben und Tsunami) und der dritten Stufe (Gefahr eines Super-GAUs) der Katastrophe in Japan heute besteht. Die ersten beiden trafen die Menschen ohne Vorwarnung. Und so makaber das auch klingen mag, sie mussten nicht bangen, was kommt. Sie müssen bewältigen, was in wenigen Augenblicken und weitestgehend ohne menschliches Zutun geschehen ist. Die Möglichkeit eines Super-GAUs hingegen stellt die Menschen wie Christa Wolfs Kassandra in die Situation vor der Katastrophe. Und die Angst vor der Katastrophe ist oft größer als die Katastrophe selbst.

Die Berichterstattung der japanischen Medien ist seit Sonntag zunehmend ârationalerâ geworden. Man könnte auch sagen, je mehr sich das Risiko in Fukushima erhöht, desto ruhiger und kontrollierter erfolgt die Berichterstattung. Es hat bisweilen den Anschein, dass die Menschen in Japan die Angst der Kassandra ebenso wie ihre Wut und Schuldgefühle kaum teilen. Ein Deutscher, der schon seit 13 Jahren in Japan lebt, erklärt das mir gegenüber mit der langen Geschichte von Katastrophenerfahrungen in Japan. Wenn man bedenkt, dass Neurobiologen vermuten, dass die Evolution des menschlichen Gehirns in ein rationales Denkorgan auf einschneidende Katastrophenerfahrung in der Frühzeit der Menschheit zurückzuführen sein könnte, dann verwundert die âkühle Gelassenheitâ der Japaner angesichts einer Situation, in der in Deutschland auch auf über 10.000 km Entfernung viele Menschen panisch reagieren, nicht mehr. Dennoch haben auch sie ihre Grenzen bald erreicht.

Der Fernsehsender TBS hatte bereits am Samstag einen Psychologen, einen Spezialisten für Traumata nach Großbeben, in sein Nachrichtenpodium eingeladen. Viele Menschen könnten ihren Gefühlen noch keinen Ausdruck geben, doch die Schmerzgrenze liege bei ca. 4 Tagen, erklärte er. Und in der Tat sieht man seit gestern immer mehr Bilder von weinenden Menschen. Und als gelte es, ein emotionales Gegengewicht zu der freigewordenen Kraft der Verwüstung und des Todes zu schaffen, zeigt man nun Bilder von Neugeborenen im Krisengebiet. Auch Interviews mit Menschen, die ihrer Heimat im Norden ein für alle mal den Rücken kehren und per Bus in den Süden aufbrechen, signalisieren âDas Leben geht weiter!â und âWir wollen ihm eine Chance geben.â

Die historisch einmalige Ansprache des japanischen Kaisers an seine Nation beschwört den Zusammenhalt des japanischen Volkes und gegenseitige Solidarität. Diese sind an vielen Stellen zu beobachten, doch gleichzeitig auch gegenteilige Tendenzen, denen diese Ansprache sicher auch entgegen wirken sollte. Der als rechtsorientiert bekannte Bürgermeister von Tokyo Ishihara Shintarô spricht deutlichere Worte: âDie Identität der Japaner besteht in Selbstsucht. Mithilfe dieses Tsunami muss die Selbstsucht durch eine Großreinigung abgewaschen werden. Das ist eindeutig eine Strafe des Himmels.â Ishihara hat sich inzwischen für diese Aussage entschuldigt, aber die Nachricht an das japanische Volk ist klar. An Flucht darf niemand denken.

So kommt es denn auch, dass sich japanische Freunde, die Ausweichmöglichkeiten im Landessüden haben, dennoch nur schwer zum Verlassen der Gefahrenregion Tokyo überreden lassen. Sie sehen es als Ausdruck des Mangels an âechtem Japanerseinâ. Auch den Deutschen, die schon lang in Japan leben, fällt es schwer zu gehen. Man will Japan an sich und seinen persönlichen Freunden beistehen, nicht einfach davon laufen. In einer Mailingliste von und für Japanologen kommentierte ein Teilnehmer die Empfehlung der Deutschen Botschaft in Tokyo, zu prüfen, ob die eigene Anwesenheit vor Ort unbedingt nötig sei, mit den Worten: âDie Ratten verlassen das sinkende Schiff zuerst.â Flüchten ist also uncool. Was hat mich dennoch am Montagabend bewogen, unsere Abreise zu organisieren?

Die Einsicht, dass die eigenen Nerven nicht mehr lange durchhalten. Die Äußerung einer Japanerin: âWohl denen, die in der glücklichen Lage sind, eine Zufluchtsort außerhalb des Krisengebietes zu haben.â Auch die ungläubigen Gesichter der Japaner in der U-Bahn auf dem Heimweg von meiner Dienstelle am Abend, die ich als Indiz genommen habe, dass ich im Ernstfall hier nicht wirklich erwünscht sein würde. Die Erkenntnis, dass Ausharren in Tokyo letztlich für das japanische Krisenmanagement nur eine zusätzliche Belastung ist. Wenn Lebensmittel und Strom rationiert werden müssen, ist jeder Verbraucher weniger ein Gewinn. Natürlich auch die Tatsache, dass alle Verwandten und Freunde in Übersee unglaublich erleichtert sein werden, wenn sie uns außerhalb des Gebietes wissen. Und die Hoffnung, dass man von Deutschland aus vielleicht mehr tun kann für Japan als direkt vor Ort.

Seit Dienstag sind wir in Osaka. Einen bezahlbaren Flug haben wir für Freitag, den 18. gefunden. Es ist schwer zu akzeptieren, dass das Leben hier normal verläuft. Die Regale in den Geschäften sind voll, die Straßen und Plätze gefüllt. Im Zug und auch in unserem Hotel waren viele japanische Familien mit Kleinkindern. An allen Ecken stößt man auf Ausländer, die hier die Tage bis zum Abflug überbrücken. Nach Stadtbesichtigung ist wohl kaum einem zumute.

Per Telefon helfe ich Freunden in Tokyo, die vor Panik teilweise völlig handlungsunfähig geworden sind, eine Unterkunft in Osaka und einen Flug ins Ausland zu reservieren. Auffallend ist, dass alle ein enormes Mitteilungsbedürfnis haben und Reden fast dringender erscheint als das Fällen einer Entscheidung. Wir lassen Yukis Vater zurück in Tokyo, der als Physiker einerseits wohl den Sieg der ratio beweisen, andererseits noch möglichst vielen Deutschen die Ausreise erleichtern möchte. Er sitzt im Krisentelefonpool der Deutschen Botschaft zusammen mit anderen freiwilligen Helfern. Wir können nur hoffen, dass diesen Freiwilligen im Ernstfall auch noch geholfen wird. Desweiteren Freunde verschiedener Nationen sowie unsere Katzen in der Hoffnung, dass wir sie alle bald gesund wiedersehen werden.

Kommen wir nun noch einmal auf die Theorien am Eingang dieses Berichts zurück. Der Grundimpuls für Reaktionen aller Menschen im Krisengebiet auf die Herausfordungen ihrer jeweiligen Situation, kommt mit Sicherheit aus dem R-Komplex ihrer Hirne. Ob Angriff (Kampf mit der Situation) oder Flucht, beide tragen in diesem Fall zum Überleben bei. Die Schreckstarre scheint mir nicht sonderlich nützlich, weil das AKW Fukushima ja blind dafür ist. Wie diese Grundimpulse aber auf der Ebene des Limbischen Systems in Engagement füreinander -- und das gilt nicht nur für Japaner untereinander -- übertragen werden und gleichzeitig die zukünftige Identität aller Menschen mit bilden können, darin besteht jetzt die große Herausforderung. Nicht nur Japan kann auf Atomenergie verzichten. (Christa Wolfs âKassandraâ war nicht zuletzt eine Warnung vor der nuklearen Katastrophe.) Und dafür bedarf es weiterhin der analytischen Kraft unserer gesamten grauen Masse, der Schritt für Schritt abwägenden und in Worten sprechenden, linken Hälfte ebenso wie der emotional im Ganzen erfassenden und in Bildern sprechenden, rechten Hälfte.

In den japanischen Medien hat sich bisher keine der vielen religiösen Gruppierungen zu Wort gemeldet. Das heißt natürlich nicht, dass sie sich von der Katastrophenhilfe ausschließen würden. Doch es scheint mir ein Hinweis darauf zu sein, dass die Rede vom âreligiösen Sentimentâ, das sich auf eine nicht konfessionell-dogmatisierte âEhrfurcht vor übermenschlichen Kräftenâ bezieht und als Basis moralischen Handeln gesehen wird, für Japan durchaus plausibel ist. Nur lernt man diese Ehrfurcht nicht in der Schule, sondern in Katastrophen wie der jetzigen. Was dazu in den Schulen zu vertiefen wäre, ist die rationale Evaluation, wie der Mensch verantwortungsbewusster mit seinen eigenen Grenzen umgehen kann.

Osaka, 17.3.2011, 2:19

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