2014: Unter Strom

11. März 2011 - 11. März 2014 Fukushima in Nordostjapan
Quelle: Süddeutschen Zeitung, Aussenpolitik, 08.11.2014 

 

Unter Strom
Von Christoph Neidhart

Nach anderthalb Japan ohne Atomstrom kann Japan zwei Reaktoren wieder anfahren. Dem haben der Gouverneur und das Parlament der Präfektur Kagoshima für das Kernkraftwerk Sendai am Freitag zugestimmt. Damit ist die letzte politische Hürde überwunden. Dennoch muss die Regierung von Premier Shinzo Abe, der sich energisch für die Atomenergie einsetzt, mit Protesten rechnen. Nach den jüngsten Umfragen sind weiterhin zwei Drittel der Japaner gegen die Kernenergie.

Die Abe-Administration behauptet, die neue "Nukleare Regulierungsbehörde" (NRA) habe Japan die strengsten Sicherheitsnormen der Welt auferlegt. Hirohiko Izumida, der Gouverneur von Niigata, der Präfektur mit dem weltweit größten Atomkraftwerk, widerspricht dem vehement. Er wirft Shunichi Tanaka, dem Chef der NRA, vor, die neuen Normen seien so formuliert, dass die NRA möglichst wenig Verantwortung treffe. Als Ingenieur habe Tanaka sich um viele Details gekümmert, aber das Ganze nicht gesehen. Nach wie vor sei nicht festgelegt, wer im Falle eines schweren Atom-Unfalls was entscheide, und wie vorgegangen werden müsse. Im Widerspruch zu den Vorgaben der internationalen Atomenergiebehörde IAEA habe Japan weiterhin keine Notfallpläne für Atomunfälle der Stufe 5 und höher auf der bis 7 gehenden Skala.

Die NRA befasste sich damit nicht, selbst ihre Regeln für Unfälle der Stufe 4 seien diffus und ungenügend. In Fukushima verlor man wertvolle Zeit, weil die Kompetenzen nicht klar zugeordnet waren. Izumida bemängelt weiter, die NRA habe sich nie mit den Standortbehörden zusammengesetzt. Neu ist, dass für eine 30-Kilometer-Zone Evakuierungspläne vorgeschrieben sind. Kritiker halten diese jedoch für unrealistisch, sie sind nur am Computer simuliert worden. Das AKW Sendai liegt in einer Gegend mit aktiven Vulkanen. Der renommierte Vulkanologe Toshitsugu Fujii warnt: "Vulkanausbrüche kann man nur Stunden oder im besten Falle Tage vorher voraussagen. Mehr ist unmöglich."

Nach dem Ausbruch des Ontake im Oktober tauchte die Frage auf, ob die AKWs Vulkan-sicher seien. Am Ontake legte Vulkan-Asche alles lahm. Kyushu Electric, die Betreiberfirma von Sendai, beeilte sich zu garantieren, ihre Arbeiter würden die Reaktoren selbst durch eine 15 Zentimeter dicke Schicht Vulkanasche erreichen. Das sei höchstens mit Panzern möglich, hält Fujii entgegen. Und Vulkanasche würde auch Stromleitungen und andere Installationen beschädigen.

Abes Regierung tut solche Bedenken als Panikmache ab. Sie will Atomkraftwerke ins Ausland verkaufen, also müssen sie sicher sein. Zudem erklärt sie die Schwäche der Wirtschaft teilweise mit dem Fehlen von Atomstrom. Japan importiert derzeit 84 Prozent seiner Energie. Nach Zahlen der Regierung entsprach das 2013 zwei Dritteln des Handelsbilanzdefizits. Rechnet man aber nur Öl, Gas und Kohle, die zusätzlich importiert wurden, weil die Kernkraftwerke stillstehen, dann reduziert sich der Wert auf 29 Prozent. Seither ist der Ölpreis gefallen, die Handelsbilanz dagegen noch schlechter. Japans Wirtschaft wird das Wiederanfahren einiger Reaktoren kaum helfen.

Abe dürfte das AKW Sendai irgendwann um Neujahr starten lassen, wenn die Japaner mit ihren Familien feiern. Zudem liegt dieses erste AKW, das ist kein Zufall, weit weg von den großen Zentren. Die Gemeindeversammlung von Satsumasendai, dem Standortstädtchen, hat den Neustart akzeptiert: Sie hängt finanziell von der Betreiberfirma ab, die ebenfalls Druck ausübt. Sie hat vor einigen Jahren, wie sie später zugeben musste, sogar die Bürgerversammlung manipuliert, indem sie ihre Leute inkognito als Anwohner auftreten ließ.


Christoph Neidhart ist der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Tokio, wo er seit neun Jahren lebt. Zuvor war er vier Jahre "Visiting Scholar" am Russland-Institut der Harvard University und fast acht Jahre Korrespondent in Moskau. Neidhart hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt "Museum des Lichts, Petersburger Lieben" und "Die Nudel, eine Kulturgeschichte mit Biss".








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