2014: Trügerische Sicherheit

11. März 2011 - 11. März 2014 Fukushima in Nordostjapan
Süddeutschen Zeitung, Aussenpolitik, 15.04.2014

Trügerische Sicherheit
Von Christoph Neidhart

Koizumi.-
Masahito Abe kämpft gegen die Mauer. 14,7 Meter hoch soll sie werden, sie wird die Bucht seines Dorfes Koizumi gegen das Wasser verteidigen, aber auch das Meer hinter sich verbergen. Abe führt einen einsamen Kampf. In den anderen Gemeinden, die der Tsunami zerstört hat, zucken die Menschen nur frustriert mit den Schultern: "Shoganai", sagen sie - man kann nichts machen. 

Die Regierung in Tokio will etwa vierzig Dörfer und Städte mit solchen riesigen Tsunami-Mauern schützen. Von den 1800 Einwohnern Koizumis sind 55 in dem Tsunami vom 11. März 2011 umgekommen oder werden noch vermisst. Etwa 500 der 860 Wohnhäuser wurden vollständig zerstört, 56 blieben als Ruinen stehen. Mit dem neuen Schutzwall werde sich das nie mehr wiederholen, verspricht die Regierung. Anfangs begrüßten viele Überlebende in den zerstörten Gemeinden die Pläne. Inzwischen aber scheint eine deutliche Mehrheit die Mega-Bauwerke abzulehnen. 

Der Tsunami vor drei Jahren kostete etwa 18 000 Menschen das Leben. Dabei hat er die Sanriku-Küste keineswegs unvorbereitet getroffen. Die Erinnerung an ähnliche Tsunamis 1896 und 1933 war noch lebendig, ihretwegen hatte Tokio den Küstenstädtchen sieben Meter hohe Tsunami-Mauern hingebaut. Nur kleinere Orte, die Küste weiter im Süden und das Atomkraftwerk Fukushima 1 waren ohne Schutzmauern geblieben. 

Von den alten Wällen hielt allerdings kein einziger dem Tsunami stand, im Gegenteil: Sie machten die Katastrophe noch schlimmer. Einerseits wiegten sie die Bewohner in falscher Sicherheit, die Fluten schwappten über die Mauern und unterspülten sie, sodass sie vielerorts zusammenbrachen. Teilweise hatte bereits das Erdbeben den Boden unter ihnen verflüssigt, die Mauern also instabil gemacht, bevor die Flutwelle die Küste erreichte. Die Wucht des Tsunamis sprengte die Schleusentore auf und schob große Betonplatten vor sich her, die wie Abrissbirnen gegen die Häuser krachten. Hinterher verhinderten die Wälle oder ihre Trümmer den Abfluss des Wassers. Nun fürchtet man, das könne sich auch mit den neuen Schutzmauern wiederholen. Die Mauer zerstöre noch mehr, als der Tsunami ohnehin zerstört hat, sagt der Mittelschullehrer Masahito Abe, der mit dem gleichnamigen Premier nicht verwandt ist. 

Der Mittvierziger will, "dass auch meine Kinder und Enkel stolz sein können auf ihr Heimatdorf". In mehr als zwanzig Versammlungen haben die Bewohner von Koizumi einen Plan ausgearbeitet. Sie haben gemeinsam entschieden, weiter oben am Hang neu zu bauen. Und das Ufer der Natur zu überlassen, eventuell mit Lehrpfad. Deshalb forderten sie die Regierung in Tokio in einem Brief auf, den Wall nicht zu bauen. Eine Antwort haben sie nicht erhalten. 

Über eine Karte gebeugt zeigt Abe, dass der Wall von Koizumi, die höchste aller geplanten Tsunami-Mauern, nicht mehr als eine Gewerbezone schützen wird. Oder eher Brachland, weil Koizumi keine Gewerbezone braucht. Wohnen wird man hinter der Mauer nicht dürfen. Gleichwohl will der Staat für die 14,7 Meter hohe, 90 Meter breite und 927 Meter lange Mauer 1,6 Millionen Kubikmeter Erde herankarren. Das entspricht der Ladung von 326 000 Lastwagen. Rollte alle fünf Minuten ein Laster heran, würde der Bau vier Jahre beanspruchen. Die Kosten sollen sich auf 1,7 Milliarden Euro belaufen. Dabei ist der Schutzwall von Koizumi nur einer von etwa 40 - und bei Weitem nicht der längste. In Rikuzentakata etwas weiter nördlich wird die Bauzeit mit zehn Jahren angegeben. Doch selbst die Ingenieure auf der Baustelle sagen, es werde länger dauern. 

Der Bau aller Tsunami-Wälle wird von Tokio bezahlt, die Megaprojekte lassen Japans Wirtschaftszahlen besser aussehen. Aber den teuren Unterhalt wird die Präfektur bestreiten müssen. Sie kündigt jetzt schon, sie habe dafür kein Geld. 

In Japan gibt es zahlreiche ältere Megabauprojekte, die über Jahrzehnte nie fertiggestellt wurden. An der Sanriku-Küste fürchtet man, die Wälle würden auch zu solchen Bauruinen. Zumal es in Japan an Bauarbeitern fehlt und Tokio auch für Olympia 2020 bauen will. Deshalb will die Regierung mit sogenannten Ausbildungsvisa Gastarbeiter ins Land holen. 

Wo über Jahre an einer Tsunami-Mauer gebaut wird, verharrt die Gemeinde dahinter in einem Provisorium. Neue Unternehmen und damit Arbeitsstellen wird es in diesen Provisorien kaum geben. Vor allem junge Familien werden wegziehen, sie können nicht warten. So zerstören die Tsunami-Mauern auch die Sozialstrukturen, fürchtet Abe. "Aber in Nagatacho", so heißt das Regierungsviertel in Tokio, "denkt man nicht an Menschen, sondern in Bauwerken." Vor dem Tsunami bestand die Ebene von Koizumi hinter dem Dorf aus Reisfeldern. Doch das Meerwasser hat die Böden versalzen, und die meisten Reisbauern waren alt. Der Staat kauft ihnen ihre Grundstücke ab, nicht nur in Koizumi. Und kann damit als Grundbesitzer Druck für eine Tsunami-Mauer machen.

Die Biologen der Tōhoku-Universität in Sendai haben in Koizumi untersucht, wie sich die Natur vom Tsunami erholt. "Wir waren überrascht, wie schnell das geht", sagt Professor Takao Suzuki. "Sollte die neue Tsunami-Mauer gebaut werden, ist die Selbstreparatur nicht mehr möglich. Die Böden werden sich nicht entsalzen. Und die Fauna im Schilfwatt, Fische, Schnecken, Muscheln, die von Fischern bewirtschaftet werden, erhalten kaum mehr Nahrung. Die Küste ist keine Grenze, sondern ein Kontinuum, das man nicht unterbrechen darf." Masahito Abe darf keine Zeit verlieren: Schon im September soll der Bau beginnen, sonst verfällt das Budget.

Inzwischen hat er zwei prominente Verbündete: Akie Abe, die Frau von Premier Shinzo Abe; und Verteidigungsminister Itsunori Onodera, zu dessen Wahlreis Koizumi gehört. Auf eine Frage im Parlament sagte der Premier, seine Frau und der Verteidigungsminister hätten ihm vom Widerstand gegen die Mauer von Koizumi erzählt. Unternommen hat er nichts. Die Verflechtung der Bauwirtschaft mit der Bürokratie und der Politik sei viel zu eng, meint ein Architekt in Tokio. Da könne auch der Premier nichts machen.

Strahlende Lecks

Tepco schlampt weiter. In der vergangenen Woche hat die Betreiberfirma des japanischen Atomkraftwerks Fukushima I versehentlich 203 Tonnen hochradioaktives Wasser in ein Gebäude gepumpt - belastet mit 37 Millionen Becquerel Cäsium pro Liter, dem 3,7-Millionfachen des in Japan geltenden Grenzwerts für Trinkwasser. 

Es sei nichts in die Umwelt ausgetreten, versicherte Tepco am Montag in einer Erklärung. Fast gleichzeitig musste die Firma ein kleineres Wasser-Leck bestätigen und zugeben, dass das strahlende Wasser aus dem 300-Tonnen-Leck von vergangenem August noch stärker radioaktiv war als bisher angenommen. Statt 80 Millionen Becquerel pro Liter strahlte das enthaltene Strontium-90 mit 280 Millionen Becquerel. Japans Atomaufsicht klassifizierte dies als Atomunfall der Kategorie 5 (von 7), also als "schweren Unfall". Dennoch gaben kürzlich zwei Fischerei-Kooperativen dem Druck von Tepco nach und erlaubten, dass Grundwasser ins Meer gepumpt wird. Damit wollen sie verhindern, so die Fischer, dass hochverseuchtes Wasser aus den Sammeltanks ins Meer austrete. Trotz dieser neuesten Probleme hat das Kabinett von Premier Shinzō Abe bestätigt, an der Atomkraft festhalten und bald wieder AKWs anfahren zu wollen. 


Christoph Neidhart ist der Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Tokio, wo er seit neun Jahren lebt. Zuvor war er vier Jahre "Visiting Scholar" am Russland-Institut der Harvard University und fast acht Jahre Korrespondent in Moskau. Neidhart hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt "Museum des Lichts, Petersburger Lieben" und "Die Nudel, eine Kulturgeschichte mit Biss".






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