AHN, Dr. Byung Mu - Biographie

AHN Byung-Mu, Seoul, Korea

*  23.06.1922 in Shinanju (Nordkorea)
+ 19.10.1996 in Seoul (Südkorea)

 

Eine kurze Biographie

Prof. Dr. Volker Küster

Geb. 23.6.1922 in Shinanju (heute Nordkorea);
gest. 19.10.1996 in Seoul (Südkorea)

Ahns Biographie ist eng verknüpft mit der wechselvollen Geschichte Koreas im 20. Jh. Die frühen Jahre stehen ganz im Schatten der japanischen Kolonialherrschaft (190545). Die Eltern fliehen mit dem einjährigen Byung-Mu vor den japanischen Besatzern in die Mandschurei.

Konfuzianistisch erzogen konvertiert der Dreizehnjährige aus eigenem Antrieb zum Christentum. Nach dem Besuch einer Missionsschule treibt der Bildungshunger ihn zum Studium dann doch in das Land der verhaßten Kolonialherren. Um dem japanischen Militärdienst zu entgehen, taucht A. während des Zweiten Weltkrieges in der Mandschurei unter und arbeitet zeitweilig als Laienprediger. Nach Kriegsende nimmt er zunächst Selbstverwaltungsaufgaben wahr, flieht schließlich jedoch vor den Kommunisten gemeinsam mit seiner Mutter in den Süden des Landes. In Seoul nimmt A. sein Soziologiestudium wieder auf und engagiert sich nebenbei in der christlichen Studentengemeinde.

In der Zeit des Koreakrieges (195053) gründet er mit Freunden eine christliche Kommunität. A. gehört auch zu den Mitbegründern des Chungang-Seminars (1950), einer theologischen Ausbildungsstätte für Laien. Der theologische Autodidakt hat kontinuierlich Alt-Griechisch gelernt und beginnt nun mit neutestamentlichen Lehrveranstaltungen. Die Schriften Rudolf Bultmanns (18841976) sind dabei nach eigener Aussage prägend für ihn. Um seine Jesusstudien zu vertiefen, beschließt A. nach Deutschland zu gehen (195665). Nach der Promotion in Heidelberg bei dem Bultmannschüler Günther Bornkamm, lehrt er zunächst wieder am Chungang-Seminar, dem er auch als Präsident vorsteht (196571).

Es folgt ein Ruf an die presbyterianische Hankuk Theologische Hochschule (Hanshin). Unter dem Eindruck der zunehmend repressiver werdenden Entwicklungsdiktatur Park Chung-Hees engagiert A. sich seit Beginn der 70er Jahre in der Menschenrechtsarbeit. Wie viele seiner Mitstreiter wird er von der Universität relegiert (1975) und verhaftet (1976). Erst auf internationalen Druck kommt er wieder frei. Große Verdienste hat sich A. mit der Gründung des Koreanischen Theologischen Studieninstituts erworben (1973). Der koreanischen Theologie gelingt dadurch der Anschluss an den internationalen Diskurs. In kirchlichem Auftrag gründet er eine Aus- und Fortbildungsstätte (1975), an der auch von den Universitäten ausgeschlossenen Studentenaktivisten ein Theologiestudium ermöglicht wird. Spät rehabilitiert (1984) ist er bis zu seiner Emeritierung (1987) Dekan der Hanshin-Universität. Zeit seines Lebens hat A. auf dem Laienstatus beharrt.

Aber nicht nur als Regimekritiker und engagierter Pädagoge wurde ihm Anerkennung zuteil, sondern auch als Neutestamentler hat A. sich profiliert. Im Westen bekannt geworden ist seine Auslegung des Markusevangeliums. Sie ist das biblische Fundament der Minjung-Theologie, einer politischen Theologie im koreanischen Kontext. A. hebt die besondere Beziehung zwischen Jesus und der Volksmenge (gr. ochlos) hervor. Die kleinen Leute sind die Adressaten der Mission Jesu. Ihnen wendet er sich bedingungslos zu. In deutlicher Abgrenzung zu Bultmann stellt A. dem entgeschichtlichten Kerygma der institutionalisierten Urkirche die narrative Volksüberlieferung des Jesusereignisses gegenüber. Im ochlos entdeckt A. das koreanische Volk (minjung) wieder. Zugleich ist er im Minjung dem leidenden Christus begegnet.

(mit freundlicher Genehmigung des Verfassers)

 

Bibliographie

  • Jesus of Galilee, hg. CCA & Dr. Ahn Byung-Mu Memorial Service Committee, Hongkong 2004, ISBN 962-7439-42-8
  • Draußen vor dem Tor. Kirche und Minjung in Korea, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingern 1986, ISBN 3-525-56324-8
  • ...leider noch immer im Aufbau.

 

Gedenkfeier für Professor Dr. AHN Byung Mu - 1996 - 2006

Seoul, Korea

* 23.6.1922 in Shinanju (Nordkorea) + 19.10.1996 in Seoul (Südkorea)

Zum 10. Todestag von AHN Byung Mu gab es am 15.-16. Oktober 2006 in der Hyangrin-Kirche (von AHN einst gegründet) einen Gedenkgottesdienst und in der Anglikanischen Kirche eine Vortragsveranstaltung im Zusammenhang mit einer Buchveröffentlichung.

Am 19. Oktober 2006 versammelten sich etwa 40 Personen am Grab,
legten Blumen am Grab nieder und feierten einen Gottesdienst.


 

7. Dezember 1996, Kwangju, Kyonggi-do



Am Grabhügel, von AHN Byung Mu kurz vor seinem Tode selber eingerichtet.

 

Dorothea Schweizer

DAS KOREANISCHE THEOLOGISCHE FORSCHUNGSINSTITUT
UND
PROF. DR. AHN BYUNG-MU

aus der Sicht einer ökumenischen Mitarbeiterin am KTSI in den Jahren 1975-1985
(als pdf-Datei)
In dankbarem Gedenken und Würdigung seiner Person und seiner großen Arbeit

VORWORT

Mit diesem Artikel möchte ich einen bescheidenen Beitrag leisten an das ehrende Gedenken von Prof. Dr. Ahn Byung-Mu, dessen Todestag sich am 19. Oktober 2006 zum zehnten Mal jährt. Leben und Werk von Professor Ahn umfassend darzustellen, kann und will dieser Beitrag nicht erfüllen. Was mir wichtig ist, ist, ein Licht zu werfen auf diese außergewöhnliche Persönlichkeit, die so eindrücklich gelebt und so Nachhaltiges bewirkt hat. Auf Recherchen habe ich hier bewusst verzichtet. (Sollten mir Fehler unterlaufen sein, bitte ich freundlich, mir das zu verzeihen). Einige Erinnerungen an ihn habe ich hier aufgeschrieben, und das, wie ich ihn erlebte in dem großen Geflecht seiner vielen Beziehungen und der Vielfalt seiner Aufgaben.

Voller Hochachtung und Respekt denke ich an Prof. Ahn. Ich denke aber auch an ihn mit großer Dankbarkeit, für das, was ich von ihm empfangen habe und was er mich gelehrt hat. Wie viele andere Menschen, die ihm begegnet sind, hat er auch mein Leben und Denken „umgekrempelt“. Er war ansteckend in seiner großen Begeisterung für Jesus. Gleichzeitig blieb er mit dem, was er selbst lebte und uns lehrte, zeitlebens Herausforderung. Er war unbequem in seinem Anspruch und gleichzeitig ungeheuer befruchtend für das eigene Denken und die Gestaltung des eigenen Lebens.

Durch sein eigenes Beispiel hat er mir gezeigt, was „erfülltes Leben“ bedeutet und was „Hingabe“ heißt. Ich lernte von ihm, dass man sich „einmischen“ muss und dass gelebter Glaube sich niemals nur im engen Horizont der Kirche und des eigenen gesellschaftlichen Rahmens erfüllen kann. „Der auferstandene, gegenwärtige Christus“(so Ahn) „muss jetzt und heute konkret Gestalt gewinnen.

I. ERSTE BEGEGNUNG

Es war im Sommer 1974, als ich, anlässlich einer Partner-Konsultation im Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS), Prof. Dr. AHN Byung-Mu zum ersten Mal begegnete. Unter den Teilnehmern der koreanischen Delegation fiel er auf, weil er fließend Deutsch sprach und den deutschen Teilnehmern ganz selbstverständlich und mit großer Offenheit und Wärme begegnete. So auch mir, die ich als erste ökumenische Mitarbeiterin aus dem deutschsprachigen Raum in einer der Partnerkirchen des EMS, der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK), mitarbeiten sollte. Im Frühjahr 1975 wurde ich über das EMS dorthin ausgesandt.

In Übereinstimmung mit der Kirchenleitung der PROK übernahm ich schon während des Sprachstudiums erste Aufgaben im KTSI, das wenige Jahre zuvor (1972) von Prof. Ahn ins Leben gerufen worden war. Berliner Missionswerk (BMW) und EMS standen voll hinter diesem Projekt. Beide Organisationen waren bereit, diese für die koreanische Kirche und Theologie so wichtige Arbeit finanziell und auch personell zu unterstützen und zu fördern.

II. DIE ARBEIT DES KTSI

Prof. Ahn verfolgte mehrere Ziele mit der Arbeit des KTSI:

1.Waehrend seines neunjährigen Studienaufenthaltes in Deutschland mit abschließender Promotion in neutestamentlicher Theologie hatte er sich Kenntnisse, nicht nur im Bereich deutscher Theologie angeeignet, sondern auch Wesen und Gestalt der Evangelischen Kirche in Deutschland in ihrem sozialen, politischen und wirtschaftlichen, auch kulturellen Kontext kennen gelernt. Es wurde ihm bewusst, wie wenig man in Korea darüber wusste. Deutsche Theologie kannte man, wenn überhaupt, in Korea nur über englische Übersetzungen. Auch die kirchliche Struktur war in Korea fast ausschließlich vom nordamerikanischen Kontinent geprägt. Soziales Engagement der Kirchen, wie es in Deutschland und anderen europäischen Ländern in der Diakoniebewegung seinen Niederschlag gefunden hatte, war in Korea weithin unbekannt. Und auch Einzelheiten über die Bekennende Kirche in der Nazi-Zeit und ihre Motivation zum aktiven Widerstand kannten nur wenige koreanische Christen im Detail.

Solche und andere Merkmale der deutschen Kirche und Theologie wollte Prof. Ahn den koreanischen Christen, insbesondere den Theologiestudenten und auch ihren Lehrern und Kirchenführern auf direktem Weg (also nicht über USA und die englische Sprache) bekannt machen. Das war ein erstes wichtiges Ziel der Arbeit des KTSI.

2. Fundierte wissenschaftliche Arbeit sollte gefördert werden in Zusammenarbeit mit führenden Theologen in Korea und im Gespräch mit Theologen aus dem Ausland.

3. Die Ökumene vor Ort lag Prof. Ahn sehr am Herzen. So sollte z.B. im KTSI und dessen Kuratorium, in dem Mitglieder verschiedener Denominationen und Fakultäten vertreten waren, ökumenisches Miteinander konkret gelebt und gelernt werden. Damit sollte ein Beitrag geleistet werden für die Einheit der koreanischen Kirche, die in viele verschiedene Denominationen und Splittergruppen aufgespalten ist.

4. Die Vertiefung des Glaubens der Gemeindeglieder durch das Angebot einer regelmäßigen Laienschulung in Ortsgemeinden in Seoul und anderen Orten war ein weiteres großes Anliegen.

5. Schließlich sollte die Erarbeitung einer einheimischen Theologie, unter Einbeziehung der eigenen kulturellen Wurzeln in Geschichte und Tradition, mehr Menschen den Zugang öffnen zum christlichen Glauben.

6. Angesichts der schrecklichen Tatsache, in einem totalitär geführten Staat leben und atmen zu müssen und sich täglich mit Ungerechtigkeit, Menschenrechtsverletzungen, Einschränkung der persönlichen Freiheit, bis hin zu Gewalt und autorisiertem Terror konfrontiert zu sehen, war es für Prof. Ahn keine Frage, dass eine geistige und theologische Auseinandersetzung mit dieser grausamen Wirklichkeit permanente Aufgabe und Herausforderung für das KTSI sei. Sein Anliegen war es, Wege zur Überwindung solchen Unheils durch friedliche Mittel zu erreichen, Heilung und Versöhnung eine Chance zu geben und die Demokratisierung und die Wiedervereinigung des Landes mit allen Kräften zu fördern. Die biblischen Quellen und die Bereitschaft zur Nachfolge waren für ihn dabei immer der Maßstab.

III. ALLTAG IM INSTITUT

 

Es waren hohe Ziele, die sich Herr Ahn für das KTSI gesteckt hatte von allem Anfang an. Aber es waren genau diese klaren Vorstellungen von dem, worin er die Aufgaben des Instituts sah, die ihn vorantrieben, ihm keine Ruhe ließen, die ihn dazu befähigten, unüberwindbar scheinende Schwierigkeiten anzupacken und endlich doch zu überwinden. Zutiefst beeindruckend war seine Fähigkeit, Grosses zu denken und sich gleichzeitig mit Bescheidenheit und einem starken und beharrlichen Willen der Wirklichkeit des Alltags zu stellen. Von allem Anfang an war es schwierig ein solches Projekt finanziell auf sichere Beine zu stellen. Auch brauchte man Räumlichkeiten und qualifizierte Mitarbeiter.

Zu jener Zeit der „Träume und Visionen“ (zweite Hälfte der Sechziger Jahre) hatte Prof. Ahn, zusammen mit einigen Freunden und Studienkollegen, eine Kirchengemeinde gegründet, die sich aufgrund ihres guten Rufes sehr rasch etablierte. Im neu erstellten Kirchengebäude, mitten im Zentrum Seouls, gab es mehrere Gemeinderäume, Vortragssaal, Kirchenbüro etc. Hier konnte Prof. Ahn 1972 zwei kleine Räume mieten, die von nun an „Koreanisch-Theologisches Forschungsinstitut, auf Englisch „Korea Theological Study Institute (KTSI) hießen. Pfarrer SOHN Kyu-Tae, der inzwischen längst Dr. theol. ist und als Professor an einer Universität in Seoul arbeitet, wurde damals sein erster Mitarbeiter und als theologischer Assistent im KTSI angestellt. Frau KIM Mee-Dong, die zweite Angestellte im KTSI, wurde mit den Aufgaben des Sekretariats betraut Korrespondenz, Buchhaltung, Mithilfe bei der Vorbereitung von Seminaren und anderen Veranstaltungen. Mit dieser bescheidenen Personalbesetzung und einem motivierten und mit qualifizierten Leuten ausgestatteten Kuratorium begann Prof. Ahn seine Ideen umzusetzen. Die bereits in Deutschland geknüpften Kontakte zum Berliner Missionswerk und später auch zum EMS nützte er, um für sein Projekt zu werben und um finanzielle Unterstützung zu bitten. Glücklicherweise stieß er auf offene Ohren und Herzen. Beide Organisationen sahen die Arbeit des KTSI als wichtigen und sinnvollen Beitrag an die Weiterentwicklung der Theologie in Korea und der kirchlichen Arbeit dort. Nicht weniger begrüßten alle Beteiligten die Möglichkeit, die bis dahin sehr lockere ökumenische Beziehung zu vertiefen. BMW und EMS und später auch die EKD waren bereit, sich zu engagieren.

Aber Herr Ahn wollte sich darauf keinesfalls ausruhen. Er setzte alles daran, das KTSI durch Verlagsarbeit und Bücherverkauf so rasch und so weit als möglich, finanziell auf eigene Füße zu stellen. Natürlich war und blieb das ein ständiger Kampf.

Ungeachtet dieses Problems und der Personal und Raumknappheit geschah sehr viel im KTSI! In der vierteljährlich erscheinenden Zeitschrift „Shinhak Sasang“ („Theologisches Denken“) veröffentlichte das Institut jeweils unter einem bestimmten Thema theologische, wissenschaftliche, auch sozial-politische Untersuchungen und Beiträge aus dem In und Ausland. Hier fanden auch die Ergebnisse der Diskussionen um eine einheimische Theologie, die so genannte Minjung-Theologie, ihren Niederschlag, gehörte es doch zum festen Programm des KTSI, dass sich dort die Minjung-Theologen zu Gespräch und Austausch trafen. Da es sich um eine „kontextuelle“ Theologie handelte, waren häufig auch Fachleute anderer Fakultäten Soziologen, Politologen, Wirtschaftsexperten, Historiker u.a. - dazu eingeladen.

Regelmäßig wurden auch theologische Symposien durch das Institut veranstaltet, auch Einzelvorträge und mehrtägige Seminare, über deren Inhalt „Shinhak Sasang“ im Detail berichtete. Die Zeitschrift erfreute sich zunehmend großer Beliebtheit unter der akademischen Theologenschaft, wie auch bei Pfarrern und Studenten, weit über die engen Grenzen der eigenen Konfession oder Denomination hinaus.

In einer zweiten, monatlich erscheinenden, kleineren Zeitschrift „Hyunjeun“ („Dasein“) genannt, meldete sich vor allem Prof. Ahn selber zu Wort. Ganz bewusst trugen diese Artikel keinen wissenschaftlichen Anspruch. Vielmehr ging Herr Ahn hier auf Alltagsprobleme der Menschen ein, auf Konflikte, mit denen sich insbesondere Christen konfrontiert sahen im Umfeld von Familie und Tradition und Herausforderungen der Moderne, auf Glaubensfragen und Glaubensnöte, und suchte anhand von Beispielen und Erzählungen, auch eigenen Erfahrungen und biblischen Bezügen Antwort zu geben. Diese Zeitschrift wurde von weiten Kreisen der Bevölkerung gelesen und abonniert.

Um die Kompetenz von Laien zu stärken bildeten die regelmäßig angebotenen Laienschulungskurse einen wichtigen Schwerpunkt in der Arbeit des KTSI, vor allem in den Anfangsjahren. Wie schon erwähnt wurden diese Kurse nicht nur in Seoul angeboten Herr Ahn und seine Assistenten führten sie auch in anderen Orten Süd-Koreas durch.

Um europäische, insbesondere deutsche Theologie in Korea mehr bekannt zu machen, bedurfte es bald einiger fähiger Übersetzer und Übersetzerinnen. Das alles konnte Herr Ahn und sein Assistent nicht alleine leisten! Doch nun drohte das Institut aus den Nähten zu platzen. Die Übersetzer konnten relativ leicht gefunden werden, weil sich viele koreanische Studenten schon während Schule und Universität für die deutsche Sprache interessiert und sie, so gut es ging, erlernt hatten.

Es war eine glückliche Fügung, dass das Institut ein noch gut erhaltenes Gebäude zu einem moderaten Preis, noch dazu in zentraler und verkehrsgünstiger Lage, erwerben konnte. Hier wurde dann sogleich eine Übersetzungsabteilung eingerichtet, die theologische Arbeiten, Textbücher für Theologiestudenten, Bibelkommentare, auch wissenschaftliche Recherchen und philosophische Beiträge aus dem Deutschen ins Koreanische übertrugen. Es waren mehrheitlich Werke der neueren Zeit, nach dem 2. Weltkrieg entstanden und in der Gegenwart. Gastvorlesungen und theologische Symposien, wie z.B. mit Moltmann, Bohren, Bethge, Glüer und vielen anderen, ergänzte diese Arbeit aufs Wirkungsvollste. Überhaupt gingen im KTSI viele ausländische Gäste ein und aus, mit denen das intensive Fachgespräch gesucht und geführt wurde. Prof. Ahn war ein überaus freundlicher und warmherziger Gastgeber, der es sich kaum einmal nehmen ließ, seine Gäste im Anschluss auch bei sich zu Hause willkommen zu heißen. Das allerdings war nur möglich, weil seine Frau ebenfalls ein sehr weites Herz hatte und große Gastfreundlichkeit pflegte.

IV. TEILNAHME AM WIDERSTAND

 

Es ist daran zu erinnern, dass die Gründung des Instituts (1972) in eine Zeit fiel, in der das koreanische Volk immer mehr unter den Gewaltmassnahmen des diktatorischen Regimes von PARK Chung-Hee zu leiden hatte. Unter der Vorgabe, dass die Regierung in Nord-Korea unter ihrem totalitären Führer KIM Il-Sung immer noch und immer wieder neu nur das eine Ziel verfolgte, Süd-Korea zu vernichten und dem kommunistischen Regime zu unterwerfen, trieb Park Chung-Hee einerseits die Industrialisierung Süd-Koreas voran (mit großem Erfolg und vielen „Opfern“!), andererseits benützte er diese Drohung, um die südkoreanische Bevölkerung immer härteren Kontrollen zu unterwerfen. So hatte er 1972 die bis dahin gültige Verfassung außer Kraft gesetzt und sie durch die so genannte Yushin Konstitution (Yushin = Erneuerung) ersetzt. Diese garantierte dem Staatspräsidenten z.B. das Recht auf unbegrenzte Wiederwahl und willkürliche Einsetzung von Notstandsverordnungen. Diese Notstandsgesetze - ebenfalls ab Anfang der Siebziger Jahre erlassen hatten zur Folge, dass das Recht auf persönliche Meinungsäußerung, auf Unversehrtheit, Schutz und Würde des Einzelnen und der Gesellschaft und vieles mehr, außer Kraft gesetzt wurden. Hingegen erstarkte der staatliche Kontrollapparat bis hin zur absoluten Perfektion. Den Beamten des Geheimdienstes war unter dem so genannten Nationalen Sicherheitsgesetz und des Antikommunisten Gesetzes alles erlaubt. So kam es zu schwersten Menschrechtsverletzungen, Abschaffung der „Gewaltenteilung“ (Unabhängigkeit des Gerichtswesens) und Entzug aller demokratischen Rechte. Wer immer es wagte, sich aufzulehnen, wurde mit grausamen Maßnahmen „mundtot“ gemacht.

Es liegt auf der Hand, dass eine Institution, wie das vom Ausland unterstützte KTSI und dessen Direktor sehr bald in den Focus des Staatssicherheitsdienstes geriet. Prof. Ahn, der wegen seiner kritischen Haltung und Äußerungen der Regierung gegenüber bereits seinen Lehrstuhl an der Theologischen Hochschule verloren hatte, war dennoch keineswegs gewillt, sich den Mund und das Denken verbieten zu lassen. Er und eine ganze Reihe von Hochschulkollegen, die dasselbe Schicksal teilten, aber auch Gemeindepfarrer der PROK, einige katholische Priester, bis hin zu Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Regierungskreisen, kamen in vielen geheimen Treffen zu der Überzeugung, dass nur noch eine „konzertierte Aktion“ die katastrophale Entwicklung in der Politik der Regierung stoppen konnte. Für die Theologen und Christen in der Widerstandsgruppe wurde es ein hartes Ringen, den Willen Gottes zu erkennen und Klarheit zu gewinnen, wie ihr Auftrag aussehen kann und ihr entschiedenes Handeln jetzt gefordert war. Sie suchten nach Antwort aus der Bibel. Sie setzten sich intensivst auseinander mit Widerstandsbewegungen in anderen Ländern unter ähnlichen Zuständen, auch und besonders mit der der Bekennenden Kirche und dem Widerstand gegen das Hitler-Regime.

Alle Beteiligten waren sich im Klaren über die Folgen einer solchen Aktion, für sich persönlich und für die ihrer Familien im weitesten Sinn. Es war klar, dass sie alle Opfer der staatlichen Gewalt werden würden. Diese Konsequenz zu bejahen und verantworten zu müssen, war wohl das Schwerste in ihrem persönlichen und gemeinsamen Ringen. Prof. Ahn beispielsweise wurde immer schweigsamer und in sich gekehrt. Er hatte den Kampf allein auszufechten, wie viel er sich, seiner Familie, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Institut, wie viel er Freunden und auch Gemeindegliedern zumuten konnte.

Aber die Entscheidung war unumgänglich. Ähnlich, wie Bonhoeffer, hatte er sich entschlossen, dem Widerstand beizutreten und mit der Gruppe der Intellektuellen zusammen „dem Rad (der Entmenschlichung) in die Speichen zu greifen“.

Am 1. März 1976 kam es, im Rahmen eines ökumenischen Gottesdienstes in der katholischen Kathedrale in Seoul, zur Verlesung der von der Gruppe erarbeiteten „Deklaration zur Rettung der Nation und der Demokratie“. In ihr wurden sämtliche demokratischen Rechte, die inzwischen durch das Nationale Sicherheitsgesetz und die Notstandsverordnungen abgeschafft worden waren, lückenlos eingefordert, bis hin zur Befriedung mit Nord-Korea und langfristig der Wiedervereinigung von Nord und Süd-Korea.

Die Reaktion des Sicherheitsapparates ließ nicht auf sich warten. Alle 18 Unterzeichner wurden in derselben Nacht festgenommen. Zwei Monate lang waren sie während endlosen Verhören in den Kellern des KCIA von der Außenwelt abgeschnitten. Dann endlich die erste Nachricht an die Familien und die Ergebnisse der Untersuchungshaft: 11 Mitgliedern der Gruppe wurde unter Gefängnishaft der Prozess gemacht, 7 wurden unter Aberkennung ihrer bürgerlichen Rechte auf freien Fuß gesetzt. Prof. Ahn war unter denen, die im berüchtigten Seo-Dae-Mun-Gefängnis in Seoul unter unwürdigsten Haftbedingungen auf sein Gerichtsverfahren und Verurteilung warten musste. Er wurde glücklicherweise aufgrund seines schlechten Gesundheitszustandes nach ca. einjähriger Einzelhaft auf Bewährung freigelassen.

V. ENTFALTUNG EINER NEUEN THEOLOGIE

 

Die Rückkehr zum „normalen“ Leben war ein schwieriges Unterfangen! Zwar konnte Prof. Ahn an „sein“ Institut zurückkehren, das trotz vieler Repressalien gegen Mitarbeiter und Kuratorium seine Arbeit in beschränktem Umfang hatte fortsetzen können. Aber sein Körper reagierte auf die Leiden und Mängel während der Einzelhaft mit einem schweren Herzinfarkt. Er konnte sich nie mehr wirklich davon erholen. Dennoch widmete er sich allen Widerständen zum Trotz mit allem Hochdruck der Weiterentwicklung des KTSI.

Die Entfaltung der Minjung-Theologie lag ihm, neben den anderen Aufgaben, sehr am Herzen. Soweit ich es verstanden habe, ging es u.a. um die Kernfrage: Wie kann eine Theologie, wie das Evangelium Heilung und Befreiung bewirken im unsäglichen Leiden des geschundenen „Minjung“ (Begriff wird später erläutert)? Welche Antwort hat die Bibel auf die brennenden Fragen nach mehr sozialer Gerechtigkeit, Menschenwürde und das Recht auf Mitsprache und Mitgestaltung auch für die Schwachen und für die an den Rand gedrängten Menschen in der Gesellschaft? Wie kann Heilung und Versöhnung geschehen in einer Gesellschaft und in einem Land, wo Hasspropaganda und Gewalt und ungerechte Strukturen als Mittel zum Zweck geheiligt werden?

Die Erfahrungen in der Gefängnishaft, insbesondere auch die Begegnung mit anderen Häftlingen, also Kriminellen, die wegen Diebstahl, sexuellen Vergehen, Raub, Totschlag und Ähnlichem, einsaßen, haben sich ihm unauslöschbar eingeprägt. Niemals war er zuvor solchen Menschen hautnah begegnet. Und nun war ER AUFEINMAL EINER VON IHNEN! Er hatte keine andere Wahl, als sich mit diesen Menschen näher zu befassen, sich auf sie einzulassen. Im Laufe der Zeit kam er zu der für ihn selber überraschenden Erkenntnis, dass sie im Grunde Menschen waren, wie er. Auch sie hatten Gefühle und Sehnsüchte, Wünsche, Erwartungen, Hoffnungen. Auch sie kannten Hass und Neid, Missgunst und Rachegefühle. Auch sie waren empfänglich für Liebe und Wärme und sehnten sich nach menschlicher Zuwendung. Allerdings und das war der entscheidende Unterschied die Lebensbedingungen, aus denen heraus sie ihr Leben hätten meistern sollen, waren so viel schlechter. Die meisten von ihnen gehörten schon von Jugend an zu den Benachteiligten in der Gesellschaft. Aus Armut war ihnen die Schulbildung verwehrt und ohne Bildung hatten sie keinerlei Chance auf berufliches Weiterkommen. Hunger und Elend und zerrüttete Familienverhältnisse das war ihr tägliches Brot. Schließlich verstrickten sie sich in der Hoffnung, diesem leidvollen Leben entfliehen zu können, in kriminelle Handlungen. So landeten sie über kurz oder lang im Gefängnis. Das Schlimmste für sie war, so erklärte mir Herr Ahn, dass sie, wenn sie dann ihre Haftstrafe endlich abgesessen hatten, in genau dieselbe notvolle Lage wieder zurückkehren mussten. Sie hatten in der Tat keine andere Wahl als z.B. wieder zu stehlen.

Hier begegnete Herrn Ahn nicht einfach selbstverschuldetes Leiden. Ganz im Gegenteil! Hier mussten Politik, Gesellschaft und Kirche mit zur Verantwortung gezogen und die Strukturen hinterfragt und verändert werden.

Für Prof. Ahn wurden diese Erfahrungen (unter anderen) zum Schlüsselerlebnis in der Entfaltung der Minjung Theologie. Menschen, wie beispielsweise solche Häftlinge, die durch das Versagen unserer politischen und wirtschaftlichen Systeme für immer zu den Gezeichneten und deshalb Ausgestoßenen unserer Gesellschaft gehören würden, und mit ihnen all die, die nicht in das Bild einer Gesellschaft passten, sie alle waren ähnlich der Menschenmenge, die sich häufig um Jesus geschart hatte.

Prof. Ahn hatte sich schon während seiner Studien in Deutschland schwerpunktmäßig mit der Gestalt des Jesus von Nazareth, des „historischen Jesus“, auseinandergesetzt. Er war, wie er selber sagte, fasziniert von Jesus, gierig nach ihm!

Dieser Jesus von Nazareth, der niemals „paktierte“, zum Beispiel mit der jüdischen Führungsschicht; der auch und gerade die Institution „Judentum“ äußerst kritisch unter die Lupe nahm; der keinen Kompromiss zuließ, wenn es um das Recht, oder die Würde eines Mitmenschen, aus welcher Schicht auch immer, ging; dessen Freunde die große Menge des armen und geschundenen Volkes (griechisch: „ochlos“, koreanisch: „Minjung“) war; der sich so vollkommen auf die Seite der Schwachen und Entrechteten stellte, sich ihnen ganz und gar zuwendete, sie durch das Heilen ihres Leibes und ihrer Seele aus der Isolation riss und ihnen dadurch wieder „Zugehörigkeit“ und Menschenwürde schenkte, die ihnen durch ihre Krankheit; ihr Frausein, ihren Beruf u.a. bisher unumstößlich versagt gewesen waren.

Ohne die Menge des „ochlos“ kann man Jesus nicht „denken“. Und diese waren nicht einfach Objekte seiner Mission. Nein, sie waren Teil seines Lebens, Teil Seiner selbst, weil er ihr Leben teilte.

Soweit hier nur dieser ganz kleine Ausschnitt aus der Fülle seiner Gedanken, die aber in der Entfaltung der Minjung Theologie für Ahn von grundlegender Bedeutung waren. Ihm war auch außerordentlich wichtig, dass diese einheimische Theologie nicht zuerst und überhaupt am Schreibtisch gedacht wurde. Nein, ein lebendiger Bezug zum „Ort des Geschehens“ (koreanisch. „hyunjang“) ist Grundvoraussetzung der Theologie. Deshalb war den Minjung-Theologen das Gespräch mit den Leidenden selber und den Minjung Pfarrern, die ihr leidvolles Leben in der bewussten Nachfolge Jesu ganz konkret teilten, so wichtig.

Wichtiges Ziel war und blieb die Möglichkeit der praktischen Umsetzung der Theologie. Diese Herausforderung gab den Theologen und ihren Freunden immer wieder den Impuls, sich einzumischen und die Geschicke ihres Volkes in Gegenwart und Zukunft mit in die Hand zu nehmen. Menschenwürdiges Leben für alle zu erreichen auf der Basis einer stabilen und tragfähigen Demokratie, und Heilung und Versöhnung in der eigenen Gesellschaft und mit den Brüdern und Schwestern in der nördlichen Hälfte der koreanischen Halbinsel.

Das Bild der Minjung Theologie, das ich hier gezeichnet habe, erhebt natürlich nicht den Anspruch der Vollständigkeit. Bei Weitem nicht! Bis heute wird weiter daran gearbeitet, vor allem auch unter Berücksichtigung der eigenen kulturellen Wurzeln und des im aufstrebenden Industriestaat veränderten Minjung.

Prof. Ahn hatte mit den Jahren mehr und mehr mit den Folgen des schweren Herzinfarkts zu kämpfen. Er wusste, dass seine Zeit begrenzt war. Aber er hatte noch so viel zu tun... !

Die Leitung des KTSI und die Vervollständigung seiner eigenen theologischen Arbeit (inzwischen in einer Buchreihe erschienen) waren nur das Eine! Über Jahre hinweg nahm er prägenden Einfluss auf die Arbeit des Missionsbildungsinstituts der PROK, in dem neben anderen Bildungsprogrammen Regime-kritischen und deshalb von den Universitäten entlassenen Studenten die Möglichkeit geboten wurde, ihre Studien in Theologie und Religionspädagogik fortzusetzen. Die meisten ihrer Dozenten waren ebenfalls zwangsweise von der Universität entlassene Professoren. Wenigstens ein kirchlicher Abschluss war den Studenten auf diese Weise sichergestellt.

In diese arbeitsreiche und auch von schwersten politischen Unruhen und Beeinträchtigungen gezeichnete Zeit Anfang der Achtziger Jahre, fiel auch die Gründung der evangelischen Schwesternschaft

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