Otte, Dr. Klaus - Aufsätze

Prof. Dr. Klaus Otte.   Basel & Frankfurt am Main

 

Aufsätze

 



Abstract

INTERKULTURELL LERNEN
Vorüberlegungen zum Vortrag in Weimar am 24. September 2004

Das Thema ist eine Anfrage an sich selbst: Gibt es das, was Europäer Lernen nennen, in den einzelnen Kulturen und zwischen den verschiedenen Kulturen der Welt? Eine Antwort ist indessen nur zu erwarten, wenn so etwas wie interkulturelles Lernen vollziehbar ist. Denn nur im tatsächlichen interkulturellen Austausch kann das Kriterium (Vergleichspunkt) der im Thema erfragten Sache herausgestellt werden.

Aus der praktischen Erfahrung universaler Kulturkontakte kann nicht bestritten werden, dass es so etwas wie ‚interkulturell lernen’ gibt. Solches Lernen wurde seit je vollzogen, vollzieht sich jeden Augenblick und wird sich auch in Zukunft vollziehen. Diese praktische Tatsache bedarf nun aber der erhellenden Theorie. Mit Hilfe einer am empirischen Phänomen orientierten Forschungsweise wird die thematische Fragestellung durchgeführt werden müssen.

Zwei Hauptgesichtspunke sind bei diesem Vorgehen zu beachten. Erstens: Was Lernen an sich ist, muss herausgestellt werden. Zweitens: Was Lernen im multikulturellen Bereich bedeutet, ist der nächsten Schritt. Das hier aufbrechende Problem schält sich heraus: Hat das, was wir Europäer ‚lernen’ nennen, Äquivalente in anderen Kulturen? Hat das, was in anderen Kulturen möglicherweise ‚lernen’ heißt, Entsprechungen in unserem europäischen Kulturdenken? Welche Bedeutung erhalten hier Sprachtransfer und interkulturelle Nachdichtung im Sinne eines letztlich unkontrollierbaren Hinüber- Setzens? (Vgl. Heidegger) Wie steht es dabei um die Frage der Identität der Sache: Ist Lernen auch im interkulturellen Geschehen dasselbe, wenn es zum thematisch apostrophierten interkulturellen Lernen praktisch und theoretisch kommen sollte? (Wenn zwei das gleiche tun, ist es das gleiche? Oder gibt es eine in sich divers begründbare Handlung?)

Die Behandlung des Themas muss folgende Dispositionspunkte berücksichtigen:

1. Was verstehen wir Europäer unter ‚lernen’? a. Vermittlung und Austausch von Informationen? b. Reflexiv vollzogene Existenz?

2. Wie verstehen andere Kulturen ‚lernen’ und wie können sie uns ihr Selbstverständnis innerhalb unseres Themas plausibel machen? Beziehungsweise wie können wir die Aspekte der anderen Kulturen von Lernen wahrnehmen und integrieren?

3. Das interkulturelle Lernen, das in der Praxis ja empirisch funktioniert, muss auf seine wesentlichen ontologischen Vollzüge und Ermöglichungsbedingungen hin untersucht werden: Die effektive Praxis sucht nach ihrer interkulturellen Theorie. Interkulturelles Lernen sucht praktisch und theoretisch nach seiner Identität.

4. Interkulturelles Lernen, als Geschehen zwischen verschiedenen Kulturen, erfordert zur Selbsterhellung also eine ontologische Begründung. Denn wenn Lernen ein wirkliches Ereignis und nicht nur eine Hypothese ist, muss es eine Begründung im Sein haben.

5. Diese Begründung kann nur in dialogischer Interaktion zwischen den Kulturen gefunden werden, weil wir als je einzelne Kultur nicht über die Begegnungsweise der anderen Kulturen mit dem Sein verfügen, sondern nur von ihnen ‚lernend’ wahrnehmen können. Gleichwohl haben wir Kulturgrenzen überschreitend und wissenschaftlich ‚hoffend’, ja schließlich auch erfahrungsgemäss gemeinsam an dem teil, was wir Sein nennen zu nennen wagen und nicht nur in der Sprache als solches behandeln. (vgl. Heidegger und Japan)

 

"Die Erfahrung lehrt, dass europäische Spitzenwerte in anderen Kulturen anders bewertet werden und auch mit anderen Infrastrukturen vonstatten gehen."

"In der kulturellen Praxis leuchten uns die geglückten Erfahrungen ein und werden im Gedächtnis gespeichert. Die missglückten Momente lassen wir leicht fallen. Beide aber sind für unser Thema wichtig. Warum und wieso ist das eine geglückt und das andere missraten?"

"Am meisten hat mir bei meinem Reifeprozess mein Zen-Meister, der Buddhist Keiji NISHITANI, geholfen."

"Zahlreiche biblische Aussagen basieren auf einer impliziten dialogischen Interaktion zwischen konkurrierenden Religionen. Das Ergebnis des impliziten Dialogs entscheidet dann über das, was wahrheitsgemäss der Fall ist, bzw. was Wahrheit ist."

"Europäische Tradition und Rationalität kann zwar zufällig gelegentlich zu grenzüberschreitenden Lernerfolgen führen, erweist sich aber in der Grundsatzfrage nach interkulturellem Lernen als ungeeignet und unproduktiv bzw. pseudokreativ. Wirkliches interaktives Wachstum zwsichen den Kulturen und echte gegensetige Bereicherung finden nicht statt."

"Der reflektiv vorgehende Lernprozess verbindet den existentiellen Erfahrungs-vollzug und die theoretische Einsicht. Deshab ist Lernen nicht Verarbeitung "neutraler Informationen", sondern im wesentlichen Entbergung dessen, was zwischen den Kulturen vor sich geht. Interkulturelles Lernen läßt sich nicht mit rationalen Massnahmen allein vollziehen, sondern erfordert die intelligible Existenz der verschie-denen unterschiedlichen Kulturträger."







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