2016: China zum 4.6.

Süddeutsche Zeitung, 9.5.2016

Vergessen

Kai Strittmatter

Im Rest der Welt nennen sie das, was Chinas Volksbefreiungsarmee in der Nacht zum 4. Juni 1989 den eigenen Bürgern antat, das "Tiananmen-Massaker". In China selbst taufte die Kommunistische Partei die Demokratiebewegung von 1989 nach ihrer Niederschlagung einen "konterrevolutionären Aufruhr". Später sprach die Propaganda nur mehr von einem "politischen Sturm". Noch später wurde aus dem Sturm der "Zwischenfall". Und noch später löste auch der sich auf in Schweigen. 1989 - war da was?

Hunderte, wenn nicht Tausende starben in jener Nacht in Peking. Bis heute kennt keiner die genaue Zahl. Für die Menschen, die danach ins Gefängnis mussten, ist das anders; da führte Chinas Bürokratie Buch: 1602 Demonstranten wurden offiziell zu Haftstrafen verurteilt (mehr landeten in Lagern und in schwarzen Gefängnissen). Von den 1602 sind heute, fast 27 Jahre nach der dunklen Juninacht 1601 wieder frei, wie die amerikanische Dui-Hua-Menschenrechtsstiftung berichtet, die Kontakte zu Chinas Regierung pflegt. Nur einer sitzt noch im Gefängnis: Miao Deshun. Aber wohl nicht mehr lange.

Miao Deshun soll freikommen. Im Oktober. Das berichtete die Dui-Hua-Stiftung, die entsprechende Signale aus Peking erhielt. Miao war kein Student, er war Arbeiter. Verurteilt damals, weil er einen brennenden Korb auf einen Panzer geworfen haben soll. Dafür fast 30 Jahre im Gefängnis? Der Studentenführer Wang Dan hatte nur vier Jahre Haft bekommen. Aber die Arbeiter, die Unbekannten, traf es stets härter. Und Miao, das sagen frühere Mitgefangene, habe bis zuletzt ein Geständnis verweigert. Spindeldürr soll der heute 51-Jährige sein, körperlich und psychisch krank.

Ob er sein China noch kennt, wenn er wirklich am 15. Oktober das Yanqing-Gefängnis bei Peking verlässt? Die Hauptstadt, ach was: alle Städte des Landes, neu aus dem Boden gestampft. Peking ist heute Heimatstadt der meisten Milliardäre weltweit. Die größte Überraschung aber dürfte für Miao sein, dass sich keiner mehr erinnert an den 4. Juni 1989. Die Erinnerung an das Massaker wühlt bis heute Menschen weltweit auf - in China ist es einfach vergessen. Die Amnesie ist von der Partei befohlen, und das Erstaunliche ist: Sie funktioniert. Es ist ein altes Rezept; die KP löscht regelmäßig die von ihr losgetretenen Katastrophen aus dem Gedächtnis ihres Volkes oder versucht, sie in ein neues Licht zu tauchen. Das war so nach dem "Großen Sprung nach vorne" (1959 bis 1961, 30 bis 40 Millionen Tote), das war auch so nach der Kulturrevolution (1966 bis 1976), die das Volk seelisch verkrüppelte. Die Tabuisierung und Indienstnahme der Geschichte durch die Partei lässt sich gerade jetzt studieren am Beispiel der Kulturrevolution.

Am 16. Mai ist es 50 Jahre her, dass der Startschuss fiel zum Experiment Mao Zedongs, als er die Jugend gegen ihre Eltern, ihre Lehrer und gegen die Parteibürokratie hetzte und das Land dem Irrsinn preisgab. Ein Jahr der Reflexion? Nicht in China. Das Parteiblatt Global Times erklärt die Parteilinie: "Reflexionen und Diskussionen, wie manche sich das wünschten" zum Jahrestag, würden den "politischen Konsens" in Gefahr bringen und könnten "eine Turbulenz der Ideen" auslösen. Brandgefährlich.








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