23. August 2012

Donnerstag, 23. August

2012-08-22

Richard Wilhelm und eine neue Kirche

Der Montag war der „No. 9 Middle School" gewidmet. Jetzt ist Ferienzeit, also werden wir kaum jemanden antreffen. Die Deutschlehrerin WANG Ziting habe ich am Telefon erreicht als sie gerade ihre Dienstreise angetreten hatte. Der Direktor der Schule, ZHANG Yuhui, ist vielleicht erreichbar, so hat es geheißen. Richard Wilhelm, der hier Wei Lixian heißt, hat einstmals diese Schule gegründet. Sein Haus steht heute noch, frisch renoviert und mit einem kleinen aber wichtigen Museum im Dachgeschoß. Das alte Schulgelände ist klein, hat heute 3 große Gebäude einschließlich einer eigenen Bibliothek. In der Nähe aber gibt es eine angemessene Erweiterung. Als wir am Haupteingang ankommen, wird uns der Zugang verwehrt. Fremde haben auf dem Gelände der Schule nichts verloren. Bisher hatte ich nie Schwierigkeiten - es muss an den Ferien und an den großen Renovierungsarbeiten liegen. Die Erklärungsversuche meines Übersetzers fruchten nichts. Ein in der Nähe stehender Mann, der sich augenscheinlich mit zwei Freunden unterhält, kommt zur Hilfe als er den Ausländer sieht. Wir zeigen ihm meine Notizen mit Fotos von 2010 und er erklärt dem treuen Wächter, dass wir ungefährlich sind, nur der Geschichte dieses Ortes verpflichtet, dass wir das alte, schöne Haus von Richard Wilhelm besichtigen und wenn möglich, den Direktor sprechen wollen. Er lässt uns ein. Beim fremden Helfer können wir uns kaum bedanken, so schnell kehrt er zu seinen Freunden zurück.

Mein Übersetzer hatte noch nie von Richard Wilhelm gehört. Und er hatte noch nie die Galerie berühmter Männer gesehen, der entlang wir nun den Hang hinaufgehen. 12 Statuen erinnern an 12 Männer, die aus der Schule hervorgegangen und durch ihre wissenschaftliche Leistung berühmt geworden sind. Auf den meisten Tafeln ist (noch) kein Todesjahr verzeichnet. Dann stehen wir vor dem Eingang zum Wilhelm-Haus, vor der Statue, vor der Erinnerungstafel. An der Wand des Hauses ist eine Tafel angebracht, die besagt, dass No.9 in internationalen Beziehungen lebt:„Schulen: Partner der Zukunft. Deutsche Partnerschule Qingdao". Während wir uns über Wilhelm unterhalten, kommt schweratmend der etwas beleibte Wächter vom Eingang den Hang herauf, nimmt uns unsere Notiz zur „Middle School No. 9" ab und bringt das Papier ins Haus. Dort ist das Sekretariat des Direktors untergebracht. Nach einer Weile kommt er mit der hübschen Sekretärin wieder heraus, die gleich weiß, wer wir sind. Leider ist ihr Direktor gerade nicht hier... Ich hinterlasse die Botschaft, dass ich ihn gerne grüßen würde; er möge mich wissen lassen, wann er Zeit für mich habe. Ich möchte mich gerne mit ihm über den Film von Frau Wilhelm, der Enkelin von Richard Wilhelm, unterhalten. Und von der Idee aus Bad Boll, eine Stiftung „Richard Wilhelm" zu gründen, um die Beziehungen zwischen Deutschland und China zu stärken.

Im Hof zwischen den Gebäuden wird schwer gearbeitet. Ein Material- und Maschinenlager ist aufgebaut. Bis zum Schulbeginn muss alles fertig sein. Wir fotografieren ein wenig, auch die Arbeiter, die gerade ihren Mittagsschlaf auf oder neben der Mauer verbringen. Auch die abblätternde Farbe an den Holzpfeilern und Tragebalken der Veranda des Wilhelmshauses. Schade, denn dieses war erst vor 3-4 Jahren renoviert worden. Ansonsten ist heute nichts los in der Schule – ganz anders vor zwei Jahren, als die beiden Sportplätze überfüllt waren. No. 9 hat 1.900 Schüler und 262 Lehrer und Mitarbeiter in der Verwaltung. Sie hat Beziehungen vor allem nach Japan, Deutschland, Kanada, USA und Frankreich. Japanisch und Englisch sind die wichtigen Fremdsprachen. Hier unterrichtet auch seit einigen Jahren (immer auf Jahresbasis) Ulf Etzold, mit dem ich mich am Dienstag-Abend in der Altstadt treffen werde. Die deutsche Partnerschule liegt in Regensburg.

Für den Dienstag hatte mir Pfarrerin DONG Mei Qin eine Reise zur neuesten und größten Kirche von Qingdao angeboten. Ein Auto mit Fahrer stehe dann zur Verfügung. Und anschließend noch zum eben erstandenen Gelände für eine weitere, noch größere Kirche. Wir werden zur Shanghan Kirche gebeten, dort würden wir abgeholt, wird uns 20 Minuten vor der Abfahrt mitgeteilt. Mein Übersetzer war schon vor 2 Stunden unruhig geworden, ob der Termin auch wirklich steht und wollte anrufen. Aber wenn es eine Änderung gäbe, so gebe ich zu bedenken, dann würden sie uns dieses von sich wissen lassen. Es gab keine Änderung. Der sich noch in Ausbildung befindende Prediger ZEN Zhao Juan fährt mit seinem Suzuki vor, wir steigen ein und fahren fast eine Stunde auf vielspurigen Straßen. Keine Ahnung, wohin die Fahrt geht. Ich weiß nur, dass die neue Kirche im Stadtbezirk Litsuan steht (etwa 3 km von der alten, kleinen, hübschen Litsuan-Kirche entfernt). Wir fahren durch scheinbar endlos aneinandergereihte Städte, deren Neubauten sich zum großen Teil noch im Bau befinden. Wohin das Auge schaut erheben sich diese 20-30 Stockwerke umfassenden Hochhäuser. Es erscheint mir, als würde in allen Außenbezirken der 6 Millionen Stadt Qingdao neue Millionenstädte entstehen. Und plötzlich weist der Fahrer darauf hin, dass linker Hand vor uns die Kirche stehe. Das große Dach mit roten Ziegeln bedeckt ist weithin sichtbar, denn ringsherum ist noch wenig bebaut worden. Auch gibt es eine Menge Platz um die Kirche herum, dazu noch einen kleinen Fluss, der aber derzeit viel Wasser führt. Dann parken wir vor dem verschlossenen Eingangstor. Alles Rütteln und Rufen hilft nichts. Auch beim zweiten, kleineren Tor an der Seite des Grundstücks stehen wir ratlos. Selbst das Handy bleibt zunächst ohne Reaktion. Dann aber spricht es: er komme gleich um uns das Tor zu öffnen. Anscheinend hatte er noch nicht mit unserer Ankunft gerechnet.

Durch das Tor hindurch gehen wir in einen weiten, von Kolonaden umrahmten „Innenhof" und ich denke an die mittelalterlichen Klöster bei uns in Europa. Es ist schön, diese Ruhe und Begrenzung, sogar der Lärm auf der großen Strasse scheint weit weg gerückt zu sein. Es beginnt zu regnen und wir suchen Schutz zwischen den wuchtigen Säulen. Ich hatte mir diese Kirche viel größer vorgestellt. 1.300 Sitzplätze umfasse sie, dazu einige Räume für Gruppen und kleinere Veranstaltungen. Mir stand „meine" Kirche in Weingarten/Baden vor Augen mit ihren 1.400 Sitzplätzen, erbaut um 1900 im neugotischen Stil – was immer das nach der Zerstörung und dem Neubau 1948 bedeuten konnte. Die Kirche hier ist viel niedriger ausgelegt, gedrungen, hat keine Decke, sondern man sitzt direkt unter dem Dach. Das Dach allerdings ist zum Himmel hin geöffnet mit seinen Streifen aus buntem Glas, in denen die Schöpfung einen Ausdruck gefunden hat. Schön aber doch fremd. (Was die Bilder im eignen Kopf doch alles mit einem anstellen.) Die Planung oblag dem nun erkrankten Dr. DONG Yan Liang, der Architekt kam aus Shanghai.

Ich freue mich über diesen schönen Kirchbau, frage mich aber, ob diese Kirche bei all den Neubauten in der nächsten Umgebung nicht bald zu klein sein wird. Jedenfalls wird sie ein Ort der Ruhe und der Sammlung sein können für die wachsende Zahl der Christen auch in dieser Stadt. Die Mutter von Rebekah, die am Sonntag das tolle Abendesen für uns bereitet hatte, gehört zu dieser Kirche, ist Mitarbeiterin bei Gottesdiensten und anderen Veranstaltungen. Ihr Weg zur Kirche ist mit diesem Neubau länger geworden. Aber es fahren wohl genügend Busse. Andererseits ist es für Christen in diesem Lande klar, dass der Sonntag (und noch andere Abende in der Woche) der Kirche gehört, nein, es muss richtig heißen, dass diese Zeiten in der Kirche ganz allein Jesus gehören. In der Kirche vom Sonntagnachmittag hing an der Wand ein großes Poster mit dem Slogan des Jahres – in koreanischer und chinesischer Sprache: „Gott lieben, Kirche lieben, Gesellschaft lieben". Diese Reihenfolge gilt wohl in allen christlichen Gemeinden Qingdaos. - Im Regen gehen wir rings um die Kirche herum, stehen am erhöhten Ufer des Flusses, wo jetzt auch einige Dorf(?)bewohner eine Pause machen, verabschieden uns. Die Fahrt geht nun noch 30 Minuten weiter im strömenden Regen. Wir fahren zu einem neuen Gelände für einen neuen Kirchbau, der nach seiner Fertigstellung die größte Kirche Qingdaos sein wird: 3.000 Sitzplätze wird die Kirche haben. Das Gelände liegt hinter dem Fushan-Berg (den mein Übersetzer auf unserem Stadtplan vergeblich sucht). „Hinter dem Berg" meint wohl, vom alten Qingdao-Stadtzentrum aus gesehen, also noch weiter draußen „auf dem Land". Wir erreichen schließlich ein Gelände, das wie eine Müllhalde aussieht. Die Straße besteht mehr aus Löchern, durch die man hindurch fahren muss, als aus einer festen Straßendecke. Nur Lehm – und bei dem Regen nur eine braune Brühe unter der unser Fahrer die Strasse sucht. An ein Aussteigen und das Gelände abschreiten ist nicht zu denken, vor allem bei meinen Sandalen. So fahren wir langsam und gerüttelt den Hang hinauf. Es geht zu einem „mountain", ich würde sagen wir fahren einen Hügel hinauf. Hier oben soll die Kirche zu stehen kommen. Noch ist gar nichts zu sehen, kein Weg gebahnt, kein Bauplatz abgesteckt, kein Fundament errichtet. Aber die Kirche wird hier oben von überall in der Umgebung her wahrgenommen werden. Und reichlich gebaut wird auch in dieser Umgebung.

Der Bauplatz (der den ganzen Hügel umfasse) habe 20,8 Millionen Yuan (2,6 Mill. EURO) gekostet, die Kirche selber ist noch gar nicht finanziert. Das Gelände umfasst 17.333 qm oder 1.733 ha wird mir erzählt. Es wird noch ein paar Jahre dauern, bis auch in dieser Kirche Gottesdienste gehalten werden und die Sitzplätze kaum mehr ausreichen werden. Dann wird man sich überlegen (oder stellt man jetzt schon diese Überlegungen an?), wo die nächste Kirche gebaut werden muss. Auf dem Rückweg, der durch eine völlig neue Gegend führt, fällt auf, dass hier noch vor kurzem Landwirtschaft betrieben worden ist. Bauernhäuser, Schuppen, Unterstände stehen leer oder werden abgerissen. Wo leben diese Bauern jetzt? Eine Antwort wird mir nicht gegeben.

Für das Abendessen habe ich Ulf Etzold, den Deutschlehrer an der No.9 School eingeladen. Dazu fahre ich in die Altstadt; später höre ich, dass diese Gegend direkt hinter der Christuskirche liege. Auch Karl-Heinz Schell, der Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde in Beijing (zuständig auch für Qingdao und Mitglied des DOAM-Vorstandes) war schon hier. Ich habe keine Ahnung, wo das Lokal ist, zu dem ich fahren soll, ich kenne weder seinen Namen noch den Namen der Strasse. Also gebe ich mein Handy dem Taxifahrer, der sich von Ulf die Lage des Lokals erklären lässt. Aber der Taxifahrer v ersteht auch nichts, selbst als Ulf das Telefon an eine chinesische Freundin weiterreicht, versteht er nur mühselig, wohin die Fahrt gehen soll. Andere Taxifahrer haben da schneller verstanden. Als wir in der Nähe des Lokals angekommen, muss der Fahrer noch ein Mal telefonieren, aber da kommt Ulf auch schon um die Ecke, setzt sich ins Auto und wir fahren noch ein paar hundert Meter und ein paar Ecken weiter. Auf dem Rückweg, 2 Stunden später, merke ich, dass mein Taxi sehr viel Umweg gefahren war. Ich war in der halben Zeit zu Hause.

Ulf hatte mich zu einem Speiselokal gebeten, in dem deutsch gekocht wird. Wo sich Deutsche treffen zum Essen oder zum Plausch. Gulasch mit Weißbrot gibt es als Tagesmenü. Es schmeckt wie zu Hause. Das Restaurant ist fast winzig zu nennen: vielleicht können 10 Personen gleichzeitig hier essen. Die Köchin ist allein, hat alle Hände voll zu tun, aber ohne eine Andeutung von Hetze. Ein junges Ehepaar mit Kind und der Großmutter kommen dazu. Sie kommen gerade aus Indien, wollen jetzt einiges in China kennen lernen, vor allem das geschichtsträchtige Qingdao. Sie fragen nach dem ehemaligen Gefängnis der deutschen Kolonialherren, das gar nicht weit weg liegt und besucht werden kann. Ulf gibt geduldig Auskunft. Auch wenn die Vorstellungen dieser Gäste teilweise abstrus sind, weit entfernt von dem, was hier einmal Wirklichkeit war. Wir beide, Ulf und ich, ziehen uns zurück, ein paar Häuser weiter liegt eine kleine „Bar" in einem Hinterhaus. Hier kann man ein Bier oder ein Glas guten Weins trinken oder auch einen Kaffee bekommen. Ulf erzählt mir von seinem Leben in Qingdao, auch dass er sich wundert, warum ich so weit weg in einem Hotel im Norden wohne und nicht wie er, mitten in der Altstadt, wo die Ostasienmission jahrzehntelang zu Hause war. Aber das hat mit meinen chinesischen Freunden zu tun, die mir das günstige Business-Hotel besorgt haben. - Sein Vertrag mit der No.9 School wird von einem Jahr zum andern verlängert. Die Arbeit mit den Kindern macht ihm viel Spaß, die Arbeit mit den Eltern weniger. Man beachtet auch nicht seine Vorschläge für den Unterricht, er freut sich aber über die gute Zusammenarbeit mit der Kollegin, Frau WANG Ziting, und stellt Überlegungen zu Partnerschaften zwischen China und Deutschland an. Die Partnerschaft mit einer Schule in Regensburg besteht schon seit einigen Jahren und wird gepflegt, wenn auch nicht so intensiv, wie er sich das wünscht. Eine Beziehung nach Friedrichshafen – Pfrin Krüger war letztes Pfingsten in der No. 9 Schule und hat auch Ulf getroffen – würde ihm viel bedeuten. Wie das in der Schule und wie es in Friedrichshafen ankommt, weiß er freilich nicht. Aber immerhin liegt Friedrichshafen am Wasser, dem sog. Schwäbischen Meer, und hat somit Regensburg etwas voraus und etwas gemeinsam mit Qingdao. In der deutschen Gemeinde arbeitet auch er eifrig mit und kennt sich aus. Die Christuskirche in der Jiangsu-Lu werden wir am Mittwoch besuchen. 

 

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