Gefährliche Lücken in Japans Atomplan

Gefährliche Lücken in Japans Atomplan

Von CHESTER DAWSON
Wallstreet Journal, 19.3.2012
Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers.

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Das Atomkraftwerk in der Stadt Oi wird zum Testfall, ob Japan seine Reaktoren
bald wieder in Betrieb nehmen kann.

TSURUGA--Vor Japan liegen turbulente Wochen: Die Regierung in Japan steht vor dem schwierigen Beschluss, ob die Kernkraftwerke des Inselstaates wieder hochgefahren werden sollen. Doch je näher der Tag der kritischen Entscheidung rückt, desto deutlicher wird: Die Notfallpläne für Millionen von Menschen, die in der Nähe der japanischen Reaktoren wohnen, liegen weit unter internationalem Standard.

Nach der Kernschmelze in Fukushima schaltete Japan seine 54 Reaktoren nach und nach ab. Sie haben rund 30 Prozent des Stroms im Land produziert. Zwei Reaktoren sind momentan noch am Netz – sie werden aufgrund von Wartungsarbeiten Ende April abgeschaltet.

Nun soll entschieden werden, ob die japanische Nation wieder auf Kernkraft setzen soll. In den nächsten Wochen dürfte Japans Ministerpräsident eine formale Anfrage an die kommunalen Regierungsvertreter der Präfektur Fukui stellen, die Atommeiler vor Ort wieder anzufahren.

Anfang April dürften aber auch neue Richtlinien für den Katastrophenfall in Kraft treten. Diese Vorgaben könnten das Wiederhochfahren der japanischen Atomkraftwerke erschweren. Unter anderem ist vorgesehen, dass mehr Gemeinden ein Mitspracherecht bekommen sollen, ob sie Kernkraft in ihrer Mitte akzeptieren wollen oder nicht.

Überprüfung der Evakuierungspläne offenbart erschreckende Mängel

Denn viele Gemeinden in Japan wären auf ein Atomunglück wie in Fukushima schlecht vorbereitet. Das zeigt die Überprüfung der Sicherheitsstandards.

Die Energieversorger sollten die Reaktoren auf ihre Widerstandskraft gegen Naturkatastrophen testen. Zeitgleich begannen von der Regierung beauftragte Expertengruppen mit der Überprüfung der bislang geltenden nuklearen Sicherheitsstandards.

Dabei kristallisierte sich vor allem ein beunruhigender Fakt heraus: Die 50 Städte im direkten Umfeld der japanischen Reaktoren hatten bislang lediglich Notfallpläne, die auf kleinere Zwischenfälle ausgelegt waren. Ein GAU im Ausmaß von Fukushima war von den Plänen nicht abgedeckt; ebenso wenig verfügten laut Lokal- und Regierungsvertretern Dutzende von Gemeinden, die direkt hinter diesen Städten liegen, über einen solchen Plan. Das bestätigen auch die Daten, die von der japanischen Kommission für Nuklearsicherheit erhoben wurden.

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Das Wall Street Journal hat Daten der japanischen Behörde für Atom- und Industriesicherheit ausgewertet. Demnach fehlen für vielleicht 7,1 Millionen Menschen, die in 121 Städten und Gemeinden innerhalb eines Umkreises von 32 Kilometern um die Atommeiler leben, zuverlässige Warn- sowie Evakuierungsmethoden. Ebenso mangelt es an medizinischen Schutzmaßnahmen gegen radioaktive Strahlung. Der Radius entspricht dem Umkreis der am höchsten kontaminierten Zone in Fukushima.

In der Präfektur Ibaraki leben zum Beispiel eine Million Menschen in 14 Städten in einem Umkreis von 29 Kilometern des Atomkraftwerks Tokai Daini. Sollte ein Notfall „ohne Warnung" auftreten, sagte der Gouverneur von Ibaraki, Masaru Hashimoto, „ist es de facto unmöglich, dass jeder selbst aus dem Gebiet herausfahren kann. Wir haben Übungen abgehalten und Szenarien durchgespielt, in denen Menschen genau das versuchen. Es endete in einem totalen Verkehrskollaps."

Japans Regierung will Neustart so bald wie möglich

Unter der Federführung einer neuen Regulierungsbehörde dürfte Japan im nächsten Monat ausgeweitete Evakuierungsstandards verkünden. Die Regierungsvertreter in Tokio wollen jedoch nicht mit dem Neustart der stillgelegten Reaktoren warten, bis die neue Behörde diese Maßnahmen vollständig umgesetzt hat. Ministerpäsident Yoshihiko Noda hat versprochen, die Meiler rechtzeitig für den steigenden Strombedarf im Sommer wieder hochzufahren.

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Hinweis für den Notfall:
Ein Wegweiser an der Küstenstraße nahe des Atomkraftwerks Oi.

Ob Japan eines der Atomkraftwerke bis dahin wieder aktivieren wird, ist jedoch fraglich. Die Energieversorger haben zwar bereits die Berechtigung, die Meiler wieder hochzufahren. Doch angesichts des öffentlichen Widerstands hielten sie sich bislang zurück.

Die Regierung hat zwar versprochen, den Anteil des Nuklearstroms in Japan zu verringern. Doch von einer Abkehr von der Kerntechnologie als Energiequelle, wie es Deutschland und Italien vormachten, war nicht die Rede. Bislang argumentiert die Regierung damit, dass Japan auf den Atomstrom angewiesen sei. Sollten die Atomkraftwerke im Sommer immer noch vom Netz sein und wird die für diese Jahreszeit typische Nachfragespitze ohne größere Stromausfälle oder Engpässe gemeistert, könnte dies die offizielle Argumentation untergraben.

Viele Gemeinden innerhalb der Gefahrenzonen wollen zuerst die Planung für einen potenziellen Katastrophenfall abschließen, bevor die Reaktoren neu gestartet werden. Dies könnte bis zu sechs Monate dauern, um grundlegende Dinge wie das Anlegen eines Medikamentenvorrats zu erfüllen; oder aber auch mehrere Jahre, um größere Projekte wie neue Evakuierungsrouten zu bauen, sagen Vertreter der Kommunen.

Neue Richtlinien orientieren sich das erste Mal an internationalen Vorgaben

Die neuen Richtlinien, die im April kommen sollen, dürfte Japans momentan rund zehn Kilometer umfassende Evakuierungszone abschaffen. Stattdessen dürfte ein Zwei-Stufen-System etabliert werden: eine Schnellevakuierungszone von rund 5 Kilometern bei kleineren Zwischenfällen; und ein größeres, rund 30 Kilometer umfassendes Evakuierungsgebiet bei großen Unfällen. Der Plan wird die Schaffung neuer Evakuierungswege und Strahlenschutz-Unterkünfte notwendig machen, ebenso müssen Vorräte von Medikamenten gegen radioaktive Verstrahlung angelegt werden. Zudem dürfte das Netzwerk zur Überwachung der Verstrahlung ausgedehnt werden.

Mit der Umsetzung der Richtlinien würde Japan zum ersten Mal die Empfehlungen der Internationalen Atomenergiebehörde erfüllen. Zum Vergleich: in den USA gilt eine rund 16 Kilometer umfassende Evakuierungszone und ein rund 81 Kilometer umfassender Radius für kontaminiertes Essen und Wasser. In Deutschland umfasst die erste Evakuierungszone 25, die zweite Zone 100 Kilometer. Hier sind die Bundesländer für die Katastrophenvorsorge zuständig. Für die Erstellung der Evakuierungspläne erhalten sie in den „Rahmenempfehlungen für den Katastrophenschutz in der Umgebung kerntechnischer Anlagen" detaillierte Vorgaben von der Strahlenschutzkommission, die das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit berät.

Testfall Oi: Im Notfall ist ein Entkommen äußerst schwierig

Als Testfall für einen baldigen Neustart der Reaktoren und für die ausreichende Vorbereitung der umliegenden Gemeinden gilt das Atomkraftwerk Oi an der Westküste Japans. Eingebettet in einem Tal auf einer Halbinsel, trennt ein grüner Hügel die Kühltürme von einem malerischen Fischernest und einem Badeort, an dessen Strandpromenade sich Restaurants und Kneipen aneinander reihen. Die vier Reaktoren des Kernkraftwerks haben einmal 20 Prozent der Stromversorgung von Kyoto und Osaka sichergestellt.

Japanische Stromversorger und die bald durch die neue Kommission ersetzte japanische Behörde für Atom- und Industriesicherheit (NISA) haben die zwei neueren der vier Meiler auserkoren, als erste Reaktoren wieder ans Netz zu gehen. Sie hätten die neuen „Stresstests", die nach dem Unglück in Fukushima eingeführt wurden, als erste erfolgreich bestanden.

Laut des Berichts der NISA bleiben die Reaktoren und Brennstäbe von Oi sogar dann gekühlt, „wenn ein Erdbeben mit einer den Standard um 1,8fach übertreffende Wucht hat." Außerdem könne das Kraftwerk einen Tsunami von bis zu 11,4 Metern standhalten. Der Report schließt aus historischen Daten, dass die mögliche Höhe der Wellen diese Marke nicht überschreiten dürfte. Dabei sei bereits ein ausreichender Spielraum mit eingeplant.

Die Beamten vor Ort versprühen jedoch nicht ganz so viel Optimismus. Sie sagen, auf einen möglichen Katastrophenfall seien sie nicht genügend vorbereitet, egal, wie unwahrscheinlich der Eintritt einer solchen sei. Die vorgesehene Notfallunterkunft für die Menschen, die am nächsten am Reaktor wohnen, ist eine Schule, die weniger als einen Kilometer vom Eingang des Kernkraftwerks entfernt ist. Das Katastrophenwarnsystem der Stadt basiert hauptsächlich auf Lautsprechern, die auf rund 2,4 Meter Höhe angebracht sind. Eine Riesenwelle dürfte also nicht höher sein – sonst ist der Lautsprecher und damit das Warnsignal weg.

Die Steuerzentrale im Katastrophenfall liegt lediglich ein paar Meter weit weg vom Meeresufer und nicht ganz zwei Meter über dem Meeresspiegel. Und die einzige Straße, die von der Halbinsel führt, ist ein acht Kilometer langer Weg entlang eines Felsgrads, die zu einer rund 640 Meter langen Brücke führt. Diese zweispurige Brücke ist im Winter oft vereist.

„Vor Jahren gab es Gespräche, dass eine weitere Straße benötigt wird", sagte Hiroki Shintani, in der Stadt verantwortlich für Atomfragen. „Aber sie wurde nie gebaut."
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