1968: Klausurtagung - Hauptprobleme des Kyodan heute

Pfarrer Hiroshi Murakami

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Die Vereinigte Kirche Christi in Japan (Nippon Kirisuto Kyodan) ist die größte evangelische Kirche bei uns. Nach der jüngsten Statistik setzt sie sich zusammen aus
1.620 Gemeinden,
1.343 ausgebildeten Pfarrern,
429 Vikaren und
106.216 am Abendmahl teilnehmenden Mitgliedern.
1966 wurden 6.257 Erwachsene und 499 Kinder getauft.

Ich möchte jetzt einige Probleme des Kyodan herausarbeiten, die mir sehr wichtig zu sein scheinen. Es wäre sicher besser, wenn ich nicht nur den Kyodan, sondern auch die anderen Kirchen Japans in Betracht ziehen würde. Aber gestatten Sie mir bitte, meine Erwägungen heute zunächst auf den Kyodan zu beschränken, weil ich seit anderthalb Jahren weit weg von Japan bin und dadurch wichtige Literatur nicht in die Hände bekommen konnte.

Eine weitere Vorbemerkung: Der Schwerpunkt meines Referates liegt nicht auf der Vergangenheit, sondern auf der Gegenwart. Natürlich wird auch die Geschichte des Kyodan berührt werden, aber nur insofern, als wir unsere heutigen Probleme dadurch noch klarer ins Auge fassen können.

Es scheint mir möglich, die heutigen Probleme des Koydan in drei Gruppen einzuteilen.
I. Probleme des Kyodan, die die Einheit der verschiedenen Traditionen betreffen.
II. Probleme des Kyodan als einer missionierenden Kirche - Selbsterkenntnis bzw. Selbstkritik.
III. Probleme, die den Inhalt der Verkündigung heute betreffen.


I.
Der Kyodan ist 1941 entstanden als Vereinigung von über dreißig verschiedenen Denominationen, z. B. der Presbyterianer, Methodisten, Kongregationalisten, Lutheraner, einiger Anglikaner, Baptisten, vieler kleiner Kirchen der pietistisch-fundamentalistischen Richtungen, Heilsarmee, Pfingstgemeinde usw. Diese Vereinigung war aber sehr problematisch. Wie könnte es auch anders sein, wenn sich so viele Kirchen mit verschiedenen theologischen Prägungen in so kurzer Zeit "vereinigen". Es ist eigentlich undenkbar. Natürlich kann ich auch darauf hinweisen, daß der Wunsch nach Vereinigung schon von Anfang an sehr stark gewesen ist, und daß die ersten evangelischen Gemeinden in Japan keinen besonderen Wert auf ihre Zugehörigkeit zu den Denominationen legten. Jene Christen wußten, daß es weder notwendig noch günstig ist, wenn auf einem jungfräulichen Boden der Mission viele verschiedene Kirchen entstehen. Sie haben sich dafür entschieden, daß es eine von den Konfessionen unabhängige Evangelische Kirche geben soll. Leider hat aber diese Entscheidung nicht sehr lange vorgehalten. Unter dem übermäßig starken Einfluß der amerikanischen Kirchen wurden die Kontakte zu und die Abhängigkeit von den einzelnen Denominationen immer stärker, und die unabhängigen Gemeinden verschwanden langsam. Trotzdem, der Wunsch nach Vereinigung ist immer lebendig geblieben. Und ganz sicher hat dieser Wunsch der japanischen Christen bei der Entstehung des Kyodan eine Rolle gespielt. Aber wichtiger war das andere Moment, das zur Vereinigung beitrug: das Staatsgesetz. Die japanische Regierung hat 1939 ein neues Gesetz veröffentlicht: das Gesetz für religiöse Körperschaften (Shukyo-Dantai-Ho). Die Absicht dieses Gesetzes lag sicher darin, alle Religionen außer dem Shintoismus unter die Aufsicht der damaligen Regierung zu stellen. Das widersprach allerdings dem Artikel der Verfassung, der Religionsfreiheit garantiert, weshalb auch das Parlament das neue Gesetz lange abgelehnt hatte. Jedoch, unter der damaligen faschistischen Regierung gab es für das Parlament keine Möglichkeit mehr, über dieses Gesetz frei zu diskutieren. So kam es doch zur Veröffentlichung. Nach diesem Gesetz mußten alle religiösen Körperschaften zuerst durch das Kultusministerium genehmigt werden, wobei jede Körperschaft wenigstens 5000 Mitglieder und 50 Gemeinden haben sollte. Das war die Grundbedingung. Die Gruppen, die diese Mindestzahl nicht erreichten, wurden entweder aufgelöst oder strengstens vom Innenministerium beaufsichtigt. Das war für viele ein Schock, besonders für die Christen, denn nur wenige Kirchen konnten diese Voraussetzungen erfüllen. Daher waren fast alle Christen damals der Meinung, daß es, um überhaupt überleben zu können, keine andere Möglichkeit als die der Vereinigung gäbe. Natürlich wurde heftig darüber diskutiert. Dann aber entstand der Kyodan - ohne daß man sich jedoch auf ein gemeinsames Glaubensbekenntnis hatte einigen können. Am Anfang war also der Kyodan keine "unierte Kirche" im strengen Sinn des Wortes, sondern ein mehr oder weniger loser Verein. Es ist also kein Wunder, daß gerade die Problematik der Entstehung des Kyodan nach dem Kriege erneut zur ernsten Frage geworden ist, und daß verschiedene Kirchen nacheinander aus dem Kyodan ausgetreten sind, z. B. Lutheraner, Anglikaner, Baptisten, die Heilsarmee und einige Presbyterianer. Nicht alle haben den Rückfall in den Konfessionalismus mitgemacht. So ist Kazoh Kitamori als einziger Lutheraner im Kyodan verblieben. Das ist meines Erachtens ein Zeichen dafür, daß es auch damals viele Theologen gegeben hat, seien es Methodisten, Lutheraner oder andere, die ihre Aufgabe darin gesehen haben, die Einheit des Kyodan für die Zukunft zu erhalten.

Die Zusammenführung der japanischen Kirchen zu einer unierten Kirche ist eine der wichtigsten Aufgaben des Protestantismus in Japan. Denn erstens haben die Konfessionen bei uns weder eine geschichtliche noch eine theologische Notwendigkeit, zweitens ist die japanische Christenheit eine kleine Minderheit, und schließlich bedeutet die Spaltung der Kirche bei uns einfach einen Skandal.

In diesem Sinne verstehen wir die Entstehung des Kyodan als nach dem Willen Gottes geschehen, obwohl der Kyodan in der Kriegszeit sicher große Fehler gemacht hat. Hominum confusione et dei providentia! Providentia be­deutet nicht die Bejahung des gegenwärtigen Zustandes als solchem, sondern Gottes Tat, die trotz des menschlichen Versagens weiterwirkt. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, daß das jetzige Glaubensbekenntnis des Kyodan auf der Generalsynode 1954 von allen angenommen wurde (1). In diesem Glaubensbekenntnis ist der Konfessionalismus insofern überwunden, als die Heilige Schrift Glaubensgrundlage ist (Konsequenz der japanischen Bibelauslegung und auch der Diskussion mit dem Fundamentalismus), als die konfessionellen Elemente der Reformation ("erwählte"), der Lutheraner ("rechtfertigte") und der Methodisten ("heiligte") interpretiert sind und durch die übernahme des Apostolikums die ökumenische Gemeinschaft durchgehal­ten wird (2).

Natürlich entstand das Glaubensbekenntnis nicht ohne Schwierigkeiten, aber man kann wohl sagen, daß damit eine neue Epoche des Kyodan angefangen hat, eine Epoche, in der man sich nicht mehr so sehr von der dunklen Vergangenheit bedrückt fOhlt, sondern positiv über die Aufgabe und die Zukunft des Kyodan sprechen kann.

II.
Die Nachkriegszeit des Kyodan kann meines Erachtens als eine Zeit der Selbstprüfung gekennzeichnet werden. Dabei sind drei Abschnitte zu unterscheiden.

Der erste Abschnitt reicht von 1945 bis 1950. Im Jahre 1946 wurde in Tokyo eine große Tagung veranstaltet, auf der es um die Neugestaltung des Vaterlandes in christlichem Geist ging und zwar unter dem Stichwort: Christus für ganz Japan. Der damalige Moderator des Kyodan, Pfarrer Michio Kosaki, hat die folgende Erklärung vorgelesen, die mit Akklamation angenommen wurde. Sie lautete:

„Wir Japaner fühlen uns für den zweiten Weltkrieg verantwortlich. Wir Christen, die wir das Evangelium des Friedens bekennen, müssen besonders unserer aus dem Herzen kommenden Buße Ausdruck verleihen. Wir sind jedoch der Überzeugung,daß unser himmlischer Vater, der unendlich gnädig ist, mit seiner überreichen Güte die Tür zu neuem Leben öffnen wird. Wir wissen aber zugleich, daß neues Kreuz auf uns wartet, wie wir es in den unwahrscheinlich großen Schwierigkeiten nach dem Krieg und in dem ungeheuren Jammer unserer Mitmenschen vor uns sehen.
Hiermit entscheiden wir uns dafür, ein neues Japan auf der Grundlage des Kreuzes Christi aufzubauen und eine gute ethische Ordnung in der Welt zu verwirklichen.
Wir beten gerade heute am Pfingsttag um die Christianisierung ganz Japans, die Erweckung des Glaubens durch Christus und die Stärkung der Japanischen Kirche. Wir Christen in Japan wollen alle zusammenhalten, um gemeinsam die Qualen des Volkes zu tragen und ihm in Hunger und Verzweiflung, in Not und Jammer selbstlos zu dienen. Wir wollen deshalb den Dreijahresplan zur Neugestaltung Japans in Angriff nehmen."


Der Grundton dieser Erklärung ist nicht in erster Linie Buße im eigentlichen und strengen Sinn des Wortes, sondern das Sendungsbewußtsein des Kyodan in der damaligen Zeit, in der man sich in der Angst vor dem Hungertod, in einer tiefen geistigen Verzweiflung und Resignation wiedergefunden hatte. Dieses Sendungsbewußtsein an sich ist natürlich nicht falsch. Aber das eigentliche Problem ist dieses: Ist es möglich, über die Sendung und die Verantwortung des Kyodan zu reden, ohne Buße im eigentlichen Sinn des Wortes zu tun?

Dies muB ich jetzt noch etwas konkreter ausführen. Die Kirchenleitung, die in der Kriegszeit die imperialistische Politik der militaristischen Regierung völlig unterstütz hatte, blieb auch weiterhin als solche intakt, obwohl es viel Kritik gab. Diese Oberflächlichkeit war überall zu finden. Das hängt sehr wahrscheinlich damit zusammen, daß zwischen 1946 und 1950 viele Japaner zu den Kirchen strömten. Es war wirklich ein "christlicher Boom". Vielleicht konnte man deshalb so optimistisch von der Sendung reden.

In diesem Zusammenhang möchte ich ein wichtiges Theaterstück nennen: "Ich kenne den Menschen nicht" von Juro Miyoshi. Es ist die Geschichte eines Menschen, der nach seiner christlichen überzeugung nicht zugeben konnte, daß der Kaiser Gott sei, und der darum schrecklich gefoltert wurde. Bis zum Ende des Krieges mußte er im Gefängnis bleiben. Zu Weihnachten 1945, also gleich nach dem Kriege, hat dieser Mann seine ehemalige Kirche besucht. Die Kirche war herrlich mit Kerzen und Laternen beleuchtet. Ein schöner Weihnachtsbaum stand in der Mitte. Viele junge Leute sangen mit einigen amerikanischen Soldaten Weihnachtslieder, aßen etwas Gutes und alles war sehr gemlltlich. Der Pastor dieser Gemeinde war auch dabei. Aber unser Mann konnte sich einfach nicht in diese gemütliche Atmosphäre hineinfinden. Auch wurde er von dem Pfarrer, der ihm einst empfohlen hatte, der Regierung doch zu gehorchen, nicht empfangen.

Auf was ich den Finger legen möchte, ist der Kontrast in diesem Theaterstück zwischen dem "christlichen Boom" in dem gemütlichen Raum und dem Mann mit seiner wahrhaft christlichen Überzeugung draußen - ausgeschlossen, als wäre er ein Sünder. Das hat uns viel zu sagen. Jene Zeit des "christlichen Booms" kann als eine Zeit des Sendungsbewußtseins ohne richtige Selbstprüfung gekennzeichnet werden. Dennoch hat es eine kleine Minderheit gegeben, die irgendwo draußen stand und wirklich Buße getan hat.

Der zweite Abschnitt begann nach meiner Ansicht im Jahre 1950, dem Jahr, in dem der Korea-Krieg ausbrach. Dieser zweite Abschnitt könnte vielleicht als eine Zeit der Selbstprüfung im innerkirchlichen Bereich bezeichnet werden, wobei es sich hauptsächlich um die Frage handelte, warum die Mission in den vergangenen Jahren nicht sehr erfolgreich gewesen war. Man begann über die evangelische Mission überhaupt seit ihren Anfängen nachzudenken. Man hat die Statistiken noch einmal nachgesehen: in etwa 100 Jaren nur etwa 300000 evangelische Christen! Und ausgerechnet nach dem "Boom" war die Situation nicht wesentlich besser als früher! Man kann ruhig sagen, daß es in Japan viele Menschen gibt, die die Bibel gerne lesen, den Gottesdienst gerne besuchen, irgendwie von der christlichen Botschaft beeinflußt sind und irgendwie christlich leben. Man kann vielleicht sagen, daß die christliche Botschaft in der Geistesgeschichte Japans eine entsprechende Rolle gespielt hat. Aber offen bleibt die Frage: warum eigentlich so wenig Christen? Warum nur Christen in den Schichten der Intellektuellen und keine unter den Bauern? ­ Auf Grund dieser Selbstkritik hat der Kyodan seit 1950 einige wichtige Maßnahmen getroffen: z.B. Verbesserung der Organisation, Ausarbeitung neuer Projekte, Stärkung des eigenen finanziellen Engagements.

1953 fand in Tokyo eine große Veranstaltung des Kyodan ähnlich dem deutschen Kirchentag statt. Nach der Tagung wurde eine Erklärung veröffentlicht, die vor allem die Selbstkritik im innerkirchlichen Bereich betont. Es ist merkwürdig, daß der Kyodan damals von der politischen Situation in Japan und in Asien völlig geschwiegen hat, abgesehen davon, daß sich bereits einige wenige in der Friedensbewegung engagiert hatten. Gleichzeitig nämlich gab es in Korea, unserem Nachbarland, jenen schrecklichen Krieg, auf den ich oben schon hingewiesen habe, und zwar vom 25. Juni 1950 bis 27. Juli 1953. Millionen Menschen wurden getötet und fast das ganze Land zerstört. Als aber der Krieg endete, war die Grenze zwischen den beiden Zonen ungefähr dieselbe wie vor dem Krieg. Dieser schreckliche Krieg hatte also nichts wesentlich Positives erreicht. Er brachte nur die Vernichtung des Menschen. Bei uns jedoch hat er vielerlei bewirkt. Vor allem hat die Wiederaufrüstung begonnen (1950); alle Kommunisten wurden aus ihren öffentlichen Ämtern entfernt ("Red Purge", 1950); der Friedensvertrag mit den USA wurde ganz schnell abgeschlossen, damit Japan ein Verbündeter werden konnte (1951); einige sehr problematische Gesetze, z. B. eine Art Notstandsgesetz, wurden beschlossen (1952). Außerdem hat es in Japan bis ungefähr 1960 ein unerhörtes Wirtschaftswunder gegeben, dessen Ursachen hauptsächlich im Korea-Krieg zu suchen sind, genauso wie die jetzige Hochkonjunktur einen ihrer Gründe im Vietnam-Krieg hat.

Von dieser sozialen und politischen Situation aber hat der Kyodan kaum geredet. Das größte Interesse des Kyodan galt der Mission. In diesem Zusammenhang können zwei wichtige Projekte genannt werden:

1) Geldsammlung für Evangelisation
Früher war die Finanzierung des Kyodan, besonders im Bereich der Evangelisation, auf die Hilfe der ausländischen Kirchen angewiesen. Heute noch bekommen wir viel Geld durch das "Inter-Board-Committee" in Amerika (entspricht etwa der Deutschen Evangelischen Arbeitsgemeinschaft für WeItmission). Im Grunde genommen ist es gewiß nicht falsch, wenn die jüngeren Kirchen von den älteren und reicheren Kirchen der ökumene finanziell unterstützt werden. Das darf aber nicht ewig so bleiben. Das Streben nach finanzieller Unabhängigkeit muß irgendwann einmal beginnen. Im Jahre 1953 hatte sich der Kyodan dazu entschlossen, auf dieses Ziel zuzugehen. Im ersten Jahr wurden etwa 1.780.000 Yen (ca. 18.000 DM), nach acht Jahren, d. h. 1960, über 10.000.000 Yen (ca. 100.000 DM) gesammelt. Diese Erfahrungen führten dazu, das Ziel höher zu schrauben: eine Milliarde Yen. Leider ist es bis 1965 nicht erreicht worden. Aber dieses Ziel lebt weiter in unserem gegenwärtigen "Unabhängigkeits-und Solidaritätsprojekt" (seit 1965).

2) Pioniermission
Damit ist die Evangelisationsarbeit gemeint, die in den Städten und auf den Dörfern, wo es keine Kirchen oder auch keine Christen gibt, getrieben wird. Der Kyodan schickte in die so entstehenden Gemeinden meistens jüngere Vikare mit einer jährlichen finanziellen Unterstützung von 150.000 Yen (ca. 1.500 DM). Im Zweiten Jahr wurden aber nur noch 120.000 Yen (ca. 1.200 DM), dann 90.000 Yen (ca. 900 DM) usw. zur Verfügung gestellt, d.h. pro Jahr wurde der Betrag um 300 DM verringert, damit die Gemeinde innerhalb von fünf Jahren selbständig werden sollte. Von 1952 bis heute konnte vielleicht in über 150 Städten und Dörfern auf solche Weise missioniert werden. Selbständigkeit allerdings wurde von den meisten nicht erreicht. So wurde das Projekt später erheblich verändert, indem z. B. mehr Geld über einen längeren Zeitraum und für weniger Orte zur Verfügung gestellt wurde. Aber man kann wohl sagen, daß diese beiden Projekte bestimmt neue und mutige Versuche gewesen sind.

Der dritte Abschnitt der Nachkriegszeit des Kyodan begann meiner Meinung nach 1960. Diese Epoche könnte vielleicht als die Zeit der Selbstprüfung der Kirche im Blick auf die Welt bezeichnet werden. Das Jahr 1960 war für den Kyodan in doppelter Weise wichtig. Einerseits hatte das zweite Jahrhundert der evangelischen Kirche in Japan in diesem Jahr angefangen und man war dadurch zu nochmaligem gründlichen Nachdenken über die Probleme der Mission in Japan gezwungen worden. Andererseits aber hat die japanische Regierung in diesem Jahr den sehr problematischen „Sicherheitsvertrag“ mit den USA abgeschlossen. Deswegen haben in der öffentlichkeit schwere Auseinandersetzungen stattgefunden und der Kyodan sah sich zum politischen Engagement veranlaßt.

Diese beiden Elemente, das theologische und das politische, hängen jedoch ganz eng zusammen und dürfen nicht getrennt werden. Man sagt, daß der Kyodan seit 1960 sehr viel politisiere, manchmal zu viel. Das stimmt aber nicht ganz. Gewiß, der Kyodan hat insofern "politisiert", als er über dieses Thema sehr heftig diskutiert und einige wichtige Erklärungen veröffentlicht hat: z. B. gegen den „Sicherheitsvertrag“ mit den USA (1960), gegen die Änderung der Verfassung (1962), gegen die Begründung des shintoistischen Nationalfeiertags (1963), gegen das Anlaufen eines amerikanischen Atom-U-Bootes in Sasebo (1964), gegen den Vietnamkrieg (1965), gegen die Luftangriffe auf Nordvietnam (1966) usw. Besonders wichtig ist der Besuch des ehemaligen Moderators des Kyodan, Pastor Isamu Omura, mit anderen Delegierten in den USA. Dabei wurde an die Regierung und an die Kirche der Appell gerichtet, der Krieg möge doch so schnell wie möglich eingestellt werden. In diesem Sinne könnte man wahrscheinlich von einer Politisierung des Kyodan reden, die aber nicht von der theologischen Erkenntnis abstrahiert werden darf.

Es gibt natürlich innerhalb des Kyodan vielerlei Meinungen. Einige behaupten, die Kirche müsse in der politischen Diskussion immer neutral bleiben, weil es in der Kirche verschiedene Richtungen gebe und jeder Christ die Freiheit habe, seine eigene Meinung zu äußern. Sie dürfe nichts über die Politik sagen, um das Evangelium und nur das Evangelium richtig zu verkündigen. Diese Meinung ist im Kyodan ziemlich stark verbreitet, besonddrs bei der älteren Generation. Sie kritisieren die sogenannte "Politisierung" des Kyodan sehr scharf, obwohl sie selber in der Kriegszeit in der Weise politisiert haben, daß sie die imperialistische Politik der damaligen Regierung vorbehaltlos unterstützten.

Die andere Meinung betont, Jesus Christus sei der Herr der ganzen Welt, nicht nur der Kirche. Es gebe eigentlich keinen Raum, wo Christus nicht der Herr sei. Von dieser theologischen Erkenntnis her solle sich die Kirche gegebenenfalls auch an der Politik beteiligen. Die Kirche sei das Salz der Erde und das Licht der Welt. Wenn die Politik irre, d. h. die Würde des Menschen irgendwie verachte und vernichte, könne die Kirche nicht mehr schweigen. Sie müsse dann den christlichen Standpunkt klar machen, vielleicht sogar entsprechend handeln. Das sei auch der Auftrag der Kirche als einer "Wächterin" in der Welt. Die Diskussion ist seit 1960 bis in unsere Gegenwart hinein immer heftiger geworden. Wahrscheinlich haben Sie schon bemerkt, wie stark gerade hier der theologische Einfluß der bekennenden Kirche bzw. der Barmer Erklärung ist. Das politische Engagement des Kyodan kommt also ursprünglich von dieser theologischen Erkenntnis her und dieses Engagement ist meines Erachtens immer stärker geworden.

Ich möchte Ihnen nun ein treffendes Beispiel dafür geben. 1961 hat der Kyodan seine. Grundsatzerklärung zur Mission" veröffentlicht - ein sehr wichtiger Schritt in der Geschichte des Kyodan. Nach langer Vorbereitung und eingehender Beratung hat man folgendes festgestellt:

Während wir mit Entschlossenheit dem 2. Jahrhundert der Mission in Japan entgegengehen, suchen wir im Vertrauen auf die Hilfe des Heiligen Geistes eine Gestaltung der Kirche, die der missionarischen Verantwortung gegenüber allen Menschen entspricht.
Wir sind fest entschlossen, dieser Welt zu dienen, weil wir im Dienst Christi stehen, eingedenk der Tatsache, daß auch das alltägliche Leben Ort der Mission ist und wir gegenüber dem Leben der gesamten Bevölkerung eine gemeinsame Verantwortung tragen.
Wir sind uns dessen bewußt, daß die Erneuerung der Gestalt der Kirche deshalb das Allernotwendigste ist, und während wir uns um die Einheit unserer geeinten Kirche und um die Stärkung ihrer Beziehungen nach außen bemühen, wollen wir mit aller Kraft die Durchführung dieser Grundsatzerklärung anstreben." (3)

Auf Grund dieser Erklärung ist der "Zehn-Jahres-Plan für die Missionsarbeit" (3a) erarbeitet worden, der in gleicher Weise wie die Erklärung zwei wichtige Säulen kennt: die Erneuerung und Solidarität der Kirche. Die Erneuerung der Kirche bedeutet einfach das In-der-Welt-Sein und Für-die-Welt­Sein der Kirche:

"Wir sind uns der Tendenz der bisherigen Gestalt der Kirche zu einer verhältnismäßig introvertierten Haltung, wobei die Kirche zum Selbstzweck wurde, bewußt. Demgegenüber legen wir allen Wert auf eine zur Welt hin offene Haltung, um der Welt zu dienen, so daß auch das Leben im Alltag Ort der Mission wird." (3)

Gerade in diesem theologischen Bewußtsein des In-der-Welt-Seins und des Für-die-Welt-Seins der Kirche kann man wohl die Wurzel der nPolitisierung" des Kyodan erkennen. Es geht nicht um Politik an sich, sondern um Theologie.

Auf der Generalsynode des Kyodan 1966 ist einer der bedeutendsten Vertreter dieser neuen Richtung, ein ausgezeichneter Prediger und Theologe, Masahisa Suzuki, zum Moderator gewählt worden. Das ist ein typisches Ereignis der dritten Epoche der Nachkriegszeit des Kyodan, die ich oben als die Zeit der Selbstprüfung der Kirche in der Welt gekennzeichnet habe.

Unter der Leitung des neuen Moderators hat der Kyodan eine Reihe neuer und mutiger Versuche unternommen, z. B. das Programm der finanziellen Unabhängigkeit, die Vereinigung mit der Vereinigten Kirche Christi in Okinawa, die Verbesserung bzw. Vereinfachung der Organisation des Kyodan, die Herstellung von freundschaftlichen Beziehungen mit den Kirchen in Korea u. a. m. Der wichtigste unter den neuen Versuchen ist das Schuldbekenntnis von Ostern 1967, in dem es heißt:

"Die Kirche als „das Licht der Welt“ und als "das Salz der Erde" hätte sich nicht mit dem Krieg verbinden sollen. Um der Liebe zu unserem Vaterland willen, hätten wir im Hören auf das uns Christen geschärfte Gewissen noch viel mehr das Handeln unseres Vaterlandes in der rechten Weise beurteilen müssen. Wir gaben jedoch im Namen der Vereinigten Kirche eine Erklärung im Inland und im Ausland ab, in der wir den Krieg guthießen und unterstützten. Und wir beteten fIIr den Sieg.
Als unser Land Fehler beging, haben wir als Kirche mit ihm gesündigt. Wir vernachlässigten unsere Aufgabe "Wächter" zu sein. Jetzt bekennen wir diese Sünde mit tiefem Schmerz in unseren Herzen und bitten unseren Herrn um Vergebung, ebenso die Länder der ganzen Welt, besonders die in Asien, die Kirchen und die Brüder und Schwestern dort, sowie auch unser eigenes Volk".
(4)

Seitdem dieses Schuldbekenntnis veröffentlicht wurde, hat eine so unerhört harte Diskussion darüber begonnen, daß Kazoh Kitamori einmal äußerte: Die Tatsache, daß über das Schuldbekenntnis überhaupt diskutiert werde, sei die größte Gefahr für den Kyodan seit 20 Jahren. Um aber Mißverständnisse zu vermeiden, muß ich darauf aufmerksam machen, daß die Generalsynode 1966 beschlossen hatte, der Kyodan solle ein solches Schuldbekenntnis öffentlich bekanntgeben. Das Schuldbekenntnis entsprang also nicht einer Parteitheologie. Trotzdem wurde es heftig angegriffen, weil es sich um Fehler vieler leute handelte, die damals auf irgendeine Weise beteiligt waren. Der Moderator Suzuki schrieb mir neulich, er habe über diese Angelegenheit viel diskutiert, manchmal sei er scharf angegriffen worden, und niemand wisse deshalb, ob er dieses Jahr wieder zum Moderator gewählt werde oder nicht. (5) Das Schuldbekenntnis von Ostern 1967 ist zur brennenden Frage des heutigen Kyodan geworden.

III.
Ich komme jetzt zum dritten und letzten Punkt: Probleme, die den Inhalt der VerkUndigung heute betreffen. Einer meiner Freunde wurde zum Pastor einer kleinen Gemeinde in einer kleinen Stadt berufen. Als er dort ankam, holte ihn ein Presbyter der Gemeinde ab und sagte: "Herr Pastor, wir freuen uns sehr, daß Sie zu uns gekommen sind. Übrigens, darf ich Sie einmal etwas fragen? Sind Sie eigentlich Barthanhänger oder Bultmannschüler?" -Auch in einer so kleinen Gemeinde redet man also vom Gegensatz zwischen Barth und Bultmann. Dieses Denkschema, entweder Barth oder Bultmann, scheint mir banal zu sein. Es gibt jedoch bestimmte Typen der Verkündigung, die man etwa in folgenden Gruppen zusammenfassen kann:

1. Die fundamentalistische Gruppe, die sich heute noch zur Theorie der Verbalinspiration bekennt.
2. Die orthodoxe Gruppe, die zwar weder fundamentalistisch noch liberal ist, jedoch irgendwie versucht, den modernen Menschen anzusprechen.
3. Die liberale Gruppe, zu der die meisten Bultmannschüler gehören.
4. Die liberalste Gruppe, die mit der Entmythologisierung von Bultmann nicht mehr zufrieden ist.

Außer diesen vier Gruppen gibt es noch einige Richtungen, die aber nicht so wichtig sind.

Besonders bemerkenswert scheint mir die vierte Gruppe zu sein. Der bedeutendste Vertreter dieser Richtung war Pfarrer Sakae Akaiwa, der im vorletzten Jahr gestorben ist (6). Er war eine höchst interessante Persönlichkeit. Er hatte immer etwas Neues zu sagen und versuchte, immer neue Wege zu gehen, weshalb er bei uns sehr berühmt wurde. Ursprünglich war er ein Schüler von Tokutaro Takakura (7), einem der bedeutendsten Theologen in Japan, und durch ihn bis ungefähr 1950 ein überzeugter Barthanhänger.

1949 hat er plötzlich (von seiner inneren Entwicklung her war es gar nicht so plötzlich, aber es klang damals so überraschend) erklärt, daß er der kommunistischen Partei beitreten wolle. Der ganze Kyodan war darüber erschrocken und hat sich über ihn mehr oder weniger aufgeregt und schließlich öffentlich bekanntgegeben, daß Akaiwa diesen Schritt nicht tun solle. Akaiwa hat dann den Plan aufgegeben, ist aber von jener Zeit an bis zu seinem Tode ein guter Freund der kommunistischen Partei geblieben. In seiner Gemeinde waren viele Kommunisten zu sehen. Einer der bedeutendsten Schriftsteller, Rinzo Shiina (8), der in der Nachkriegszeit Kommunist gewesen war, gehörte auch dazu und wurde damals von ihm getauft. Shiina wurde dann ein überzeugter Christ und kritisierte merkwürdigerweise seinen Lehrer Akaiwa später sehr scharf wegen dessen Unglauben. Akaiwa hat dann seit 1955 ganz aufgehört zu beten, Kindergottesdienst zu halten, Abendmahl zu feiern usw. Beim Gottesdienst oder einer anderen Versammlung in seiner Gemeinde hielt er nur eine Rede über ein biblisches Thema. 1965 hat er ein problematisches Buch geschrieben mit dem Titel "Exodus aus dem Christentum". Er verurteilte darin alle überkommenen Dogmen. Er glaubt nicht mehr an Christus als Gottes eingeborenen Sohn. Er glaubt im Wesentlichen nur an Jesus als einen Menschen, der sich für .die anderen Menschen hingegeben hat. Das Stichwort dabei heißt: Vom Christentum zu dem Jesus, der ein Vertreter des wirklichen Humanismus gewesen ist. Dieser Typ des Humanismus ist natürIich nicht neu. In der langen Geschichte des Christentums hat die abendländische Kirche immer wieder so etwas erlebt: Arius, Pelagius, später Drews, oder in einer anderen Richtung vielleicht auch Feuerbach usw. Aber bei uns ist eine solche Auseinandersetzung völlig neu. Gewiß, wir haben in den Lehrbüchern der Dogmengeschichte schon mal darüber gelesen, aber wir haben es noch nicht erlebt. Wir haben keine Dogmengeschichte in der Weise, wie sie die abendländische Kirche hat. Wir kennen keine lange Geschichte des Strebens nach dem richtigen Dogma. Wir haben bisher eben alles aus den Büchern gelernt. Von daher finde ich die Auseinandersetzung mit dieser Gruppe von Jesus-Humanisten äußerst wichtig. Aber nicht nur wichtig, sondern auch notwendig, damit der Kyodan zu seiner eigenen Theologie kommt.

Anmerkungen
1) Vgl. den Aufaatz von Yoahinobu Kumazawa: ‚Zum Bekenntnis des Glaubens in Japan’, Ökumenische Rundschau 16, 1967, S. 162 ff; abgedr. In: Christus in Fernost 1967, Nr. 3.
2) Abdruck des vollständigen Textes siehe Seite 30.
3) Vollständiger Text siehe Seite 31 ff.
3a) siehe Seite 84.
4) Vollständiger Text siehe Seite 35.
5) Pfarrer Masahisa Suzuki wurde auf der 15. Generalsynode des Kyodan im Herbst 1968 aufs Neue für zwei Jahre zum Moderator gewählt. In Uppsala wurde er in den Zentralausschuß gewählt. Er verstarb völlig unerwartet am 14. Juli 1969.
6) 28. November 1966.
7) 1885 - 1934.
8) Geboren 1911.

OAM-Gedenktage

04.06.1884 Gründung des AEPM (OAM) in Weimar

22.10.1945 Gründung der Schweizerischen Ostasien-Mission SOAM

26.02.1948 Gründung der japanischen Stiftung Christliche Oastasien-Mission in Kyoto, Japan

10.12.1952 Gründung der DOAM Deutsche Ostasienmission in Hamburg

1972 Gründung der EMS
Namensänderung zum 1.1.2012:
"Evang. Mission in Solidarität" EMS

1973 Gründung des BMW 

01.05.1980 Gründung der Diakonia-Schwesternschaft in Korea 

1982 Gründung des Tomisaka Christian Center TCC in Tokyo

23.02.1991Vereinigung von OAM-DDR und DOAM in Erfurt

Díe Vorsitzenden

1956 - 1968
Pfr. Erich Kühn

1968 - 1987
Prof. Dr. Ferdinand Hahn

1987 - 1992
Pfr. Hartmut Albruschat

1992 - 2011
Pfr. Paul Schneiss

2011 - 2017
Pfr. Hartmut Albruschat

2017  -  Interim
Pfr. Carsten Rostalsky, Stellv.
Pfr. Rainer Lamotte, Stellv.

2017ff
Lutz Drescher

Geschichte der DOAM

4. Juni 1884 Gründung des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins AEPM

1929 Umbenennung in Ostasienmission

Der AEPM benannte sich 1929 offiziell in "Ostasienmission" oder OAM um. Der Titel hatte schon seit 1921 als Untertitel Verwendung gefunden. Das sollte aber nicht bedeuten, dass der Verein für alle Zeiten sich auf Mission in Ostasien beschränken wollte... Im Jahresbericht von 1911 schreibt Missionar Emil Schroeder zu Kirche und Mission: "Nur die Kirche ist stark, die Mission treibt. Nur dort ist sie wirksam als Macht, wo sie Mission treibt."

1945 Trennung des schweizerischen Zweiges und Gründung der Schweizerischen Ostasien-Mission (SOAM)

1952 Gründung der Deutschen Ostasienmission (DOAM)

1972 Gründung des Evang. Missionswerkes in Südwestdeutschland EMS

1973 Gründung des Berliner Missionswerks BMW

1992 Vereinigung von OAM (im Bereich der ehemaligen DDR) und DOAM (im Bereich der ehemaligen BRD) zur Deutschen Ostasienmission DOAM.

2002 Vereinbarung zu enger Zusammenarbeit von SOAM und DOAM

2007/2008 Satzungsänderung

2009 Neugründung der Stiftung "Christian East Asia Mission" in Kyoto, Japan

Die Geschäftsführer

1968 - 1975
Pfr. Paul Schneiss

1975 - 1978
Pfr. Hiroshi Murakami /
Pfr. Hartmut Albruschat

1978 - 1994
Pfr. Dr. Winfried Glüer

1993 (Sep) - 1996 (Sep)
Pfr. Ingo Feldt (Berlin)

1996 - 2001
Pfrin. Sabine Bauer

2001 - 2016
Lutz Drescher

2016  -  2018
Pfr. Solomon Paul Benjamin

2018 -
Pfr. Georg Meyer