1998: Ein Gedenktag für Sinti - 13.03.

Sinti/Roma und Kirchen in BW

Ein Denkmal für die Sinti aus dem Ummenwinkel,

die durch deutsche Menschen im Auftrag von deutschen Menschen ermordet wurden

Ein Denkmal heißt so, ·weil es dem Denken dienen soll. Auch für Ravensburg wird 1999 ein Denkmal errichtet. Erinnerung an die verschleppten Sinti aus dem Ummenwinkel.

Jeder, der sich mit dem Kapitel der deutschen Geschichte befaßt hat, weiß, dass es für die Zigeuner schon zur Kaiserzeit Erlassc zur Bekämpfung der „Zigeunerplage" gab.

1927 war es möglich die Sinti zu überwachen und Zigeunerkarteien anzulegen.

1932 als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, erlebten die Zigeuner genaue Registrierung; alle Erwachsenen und Kindern in verschiedenen Orten Deutschlands, mussten per Fingerabdrucks-Karteien registriert werden. So wie bei den Juden kam es zur totalen Ausgrenzung. Verweigerungen des längeren Aufenthaltes an einem Ort und nicht zuletzt Deportationen in verschiedene Konzentrationslagern.

1939 gab es sowohl für Landfahrer als auch für die Sinti absolutes Reiseverbot; Ghettoisierung, Arbeitslager und Ausschwitz waren die Folgen.

Ein Gedenktag an die Menschen, die der nationalsozialistischen Willkürschaft zum Opfer fielen, die ermordet wurden, weil sie als Sinti oder Roma oder Juden geboren worden waren. Dass es das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte ist, ist keine Frage. Am heutigen Gedenktag sind Zeitzeugen in unserer Mitte hier in St. Jodok  -  Zeitzeugen, deren Einzelschicksale an das unvorstellbare Grauen erinnern. Die Erinnerung an das was war, darf nie verloren gehen. Dieser Erinnerung soll das Denkmal dienen.

Herr und Frau Guttenberger


 

Ein Gedenktag für Sinti
13. März 1998

Was geschah im Ummenwinkel
Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus.

Mit Schrecken erinnert sich die Überlebende:

Heute vor 55 Jahren am 13.03.1943 sind unsere Familien im Ummenwinkel morgens früh von der Gestapo in das Vernichtungslager Ausschwitz-Birkenau deportiert worden. 35 Menschen; darunter auch kleine Kinder.

Frau Lavontain, geb. 29.1.1924 in Ravensburg, wurde mit fast den gesamten Familienangehörigen, 20 Menschen insgesamt, ins Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau deportiert. Trotz schwerer Krankheit unter anderem Kopf-Typhus hat Frau Lavontain KZ Ausschwitz, KZ Ravensbrück, KZ Schließen, KZ Altenburg sowie KZ Merane in Sachsen überlebt. Sie kehrte zurück nach 2 1/2 Jahren am 11.05.1945 als einzige Überlebende. Was das bedeutet, bis zum heutigen Tag für Frau Lavontain kann ich in Worten nicht zusammenfassen. Trotz schwerer Krankheit, sie leidet an Parkinson, Diabetes und Angina Pectoris, ist sie heute in Begleitung hier in St. Jodok, und gedenkt an ihre Familienangehörigen, die Opfer des Holocaust ....

Julius Guttenberger, geb. In Baienfurt, und seine Schwester Maria Guttenberger, beide katholisch, wurden auf dem Weg zur Arbeit am Bahnhof Ravensburg verhaftet und nach Ausschwitz deportiert. Weitere Schwestern, Amalie Guttenberger, geb. in Zogenweiler, wurde mit den 35 Menschen deportiert.

Franz Guttenberger, der in Friedrichshafen bei einem Bauunternehmer, Firma Zoll, gearbeitet hat, versteckte sich während dem Fliegeralarm in einem nächst besten Haus. Als der Fliegeralarm vorbei war, warf man ihm vor, er hätte plündern wollen. Die Gestapo hat ihn nach Bruchsal gebracht und er wurde geköpft.

Eine weitere Schwester (die mit einem Nicht-Zigeuner verheiratet war) wurde mit 6 kleinen Kindern verhaftet und ins KZ Ausschwitz mitsamt Kindern ermordet. Julius, Amalia und Maria Guttenberger haben den Holocaust überlebt und kehrten im Mai 1945 zurück nach Ravensburg.

Stellvertretend gedenken an die Holocaustopfer als einzige lebende Schwester Frau Trapp, die Kinder von Frau Maria Guttenberger, Johann Guttenberger und Edeltraud Reinhardt. Die Töchter von Amalia Guttenberger, Waldburga Dressler sowie Anita Reinhardt.

Für die anderen Menschen, die im Ummenwinkel zurückgeblieben sind, folgte eine schreckliche Zeit. Aus dem Ummenwinkel entstand ein eingezäuntes Lager. Der Stacheldraht im Ummenwinkel signalisierte den Menschen: hier kommst du nicht mehr heraus!  Hunger und Not herrschte im Ummenwinkel. Strom und Wasser gab es nicht, Tierhaltung war verboten. Unter schwersten Bedingungen vegetierten Menschen mit ihren Kindern vor sich hin. Ständig wurden sie beobachtet, nur mit Genehmigung war es möglich sich außerhalb aufzuhalten.

Cecilie Guttenberger erzählt:

Junge Frauen und Männer wurden zur Zwangsarbeit gezwungen. Eine davon: Cecilie Guttenberger, geb. in Bergatreute. Mit 16 Jahren mußte sie schwere körperliche Arbeit ausüben. Täglich 20 km zu Fuß! Im Winter war sie Kälte und Hunger ausgesetzt. Bei der Firma Schwarz-u.-Fischinger mußte sie zentnerweise Weiden ins Wasser eintauchen. Mit Katharina Reinhardt mußte sie schwere Steine schleppen und die Weiden im Wasser beschweren.

Aus diesen wurden Körbe hergestellt für den Krieg.

Erschöpft und entkräftet schaffte sie nicht einen vollbeladenen Wagen einen steilen Berg hinauf zu schieben. Sie bekam Schläge ins Gesicht und wurde 14 Tage verhaftet.

Ihre beiden Schwestern und deren 5 kleine Kinder sind mit den 35 Menschen im Ummenwinkel verhaftet und nach Ausschwitz-Birkenau deportiert. Nur eine Schwester Hildegard Franz überlebte. Heute lebt ·sie in Rottweil.

Hildegard Franz erzählt:

Ich habe gebetet: Lieber Herrgott, ich bin unschuldig, hier will ich nicht sterben, denn ich will noch einmal meine Eltern wiedersehen. Sie kehrte mit Frau Lavontain im Mai 1945 nach Ummenwinkel zurück zu ihren Eltern. Heute am 13.3.98 gedenkt Frau Cecilie Guttenberger stellvertretend: auch für ihre Schwester Hildegard Franz an die Opfer des Holocaust.

In Dallau-Moosbach wurde meine Schwiegermutter Martha Guttenberger mit 15-köpfiger Familie nach Ausschwitz deportiert. Nach der Befreiung stand sie alleine da. Sie wußte, dass die Eltern und eine Schwester nicht mehr am Leben sind. Wo sind die anderen?  Sie lernte Frauen aus dem Ummenwinkel kennen. Sie sagten: „Komm mit nach Ravensburg, vielleicht sind unsere Angehörigen noch am Leben". Sie kam am 12.05.1945 mit der Ravensburgerin nach Ummenwinkel. Sie heiratete den Herrn Guttenberger und über den Suchdienst in Arolsen erfuhr sie, daß 3 Geschwister noch am Leben sind. Mittlerweile alle gestorben. Eine Schwester lebt in Böblingen.

Heute am 13.03.1998 stellvertretend gedenken die Kinder Veronika und Julius und die Mutter Martha Guttenberger den 19 Familienangehörigen, die sie in Ausschwitz durch den Holocaust verloren haben. 

Elisabeth Guttenberger wurde in Ausschwitz eine Stelle zugewiesen als Schreiberin in einer Schreibstube. Innerhalb 8 Tagen hat sie Tausende Todesmeldungen eingetragen, unter anderem auch den ihres Vaters. 500.000 Sinti und Roma wurden ermordet.

Bundespräsident Roma Herzog sagte in Heidelberg:

Die Menschen müssen sich bewußt bleiben, wohin Rassenwahn und Vorurteile führen könnten. 
Die Opfer sind heute Mahnung gegen Gleichgültigkeit und Selbstzufriedenheit.

Baden-Württembergs Ministerpräsident Erwin Teufel sagte:

Im Deutschen Namen sei furchtbares geschehen. Damit müsse sich jeder selbst auseinander setzen.
In Heidelberg wurde ein Kulturzentrum errichtet, das Zeugnis des Grauens wachzuhalten und die Ermordeten zu ehren und die Lebenden zu mahnen.


Da es noch Menschen in Ravensburg gab, die uns so viel Interesse und Engagement entgegenbrachten, will ich an jene einige Dankesworte richten.

Heute möchte ich mich recht herzlich bei der damaligen Stadträtin und Lehrerin Frau Kedding bedanken stellvertretend für den Ummenwinkel für so viel Liebe und Aufopferung.

Auch vielen Danke an Frau Geddert! Dankeschön an den Kinderschutzbund, viele Jahre haben Sie "den Ummenwinkel" begleitet.

Die Baracken mit dem schrecklichen Geschehen sind weg, aber die Erinnerung an die Ermordeten und die Überlebenden ist gegenwärtig. Die Hoffnung dürfen wir nie aufgeben, denn solange es die gibt, wird es immer Wege geben.

Zum heutigen Gedenktag eine Melodie, ,,trauriger Sonntag" heißt: gewidmet den Ermordeten und den Überlebenden. Ich bedanke mich ganz herzlich.

Bei der Frau Gertrud Lavontain,

Bei der Frau Martha Guttenberger,

Bei der Frau Sofie Trapp,

Und

Bei der Frau Cecilie Guttenberger aus Tübingen

Denn nur mit Eurer Hilfe konnte diese Dokumentation entstehen.

Magdalena Guttenberger

Ravensburg, den 13.03.1998









 


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