A New Naval Base with Nuclear Weapons!

Was geschah 1948, warum 50 Jahre Geheimhaltung - und nun atomare Zukunft?

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"Tötet alle, verbrennt alles!"

ZEIT ONLINE - Politik

2002

S Ü D K O R E A


von Christian Schmidt-Häuer


"Tötet alle, verbrennt alles!"

 

Deutschlands WM-Fußballer werden auf Südkoreas Trauminsel Jeju wohnen. Sie birgt ein schreckliches Geheimnis: Vor fünfzig Jahren ermordeten hier koreanische Truppen unter den Augen der amerikanischen Militärregierung 30.000 Menschen

Die Deutschen kommen am 12. Juni, sofern sie die Vorrunde überstehen. Und sie bleiben 14 Tage, wenn sie nicht vorzeitig aus ihren Endspielträumen gerissen werden. An Herrn Hahn soll es nicht liegen. Sein Hotel heißt Paradise. Und die Verhältnisse dort sind auch so. Die mediterrane Anlage mit eigenem Golfclub liegt wie auf grünen Matten hoch über dem Gelben Meer. Zum neuen, luftig-leichten WM-Stadion von Seogwipo braucht das DFB-Team eine Viertelstunde.

Seogwipo zählt 85 000 Einwohner und ist der zweitgrößte Ort der Insel. Mit ihren bizarren Klippen und Wasserfällen ist die Umgebung der Hafenstadt noch attraktiver als die übrigen malerischen Küstenstriche. Wer Jeju in gut zwei Autostunden umrundet, fühlt sich jeweils minutenlang auf Hawaii oder in Irland, auf Santorini oder in Südfrankreich. Bambuswälder wechseln mit Kiefernschonungen, Rapsfelder mit Pampasgräsern, Mandarinenhaine mit Tropfsteinhöhlen.

Die Orangengärten für die Touristen tragen jetzt schon Früchte zum Fotografieren, obwohl die Ernte erst im Oktober beginnt. Die Bürgersteige der Fischerdörfer sind mit Seetang ausgelegt, den ältere Frauen in Familienverbänden säubern für die Beilagen zu Austern, Abalonen, Muscheln, Rohfischgedecken. Die Taucherinnen von Jeju, die legendären haenjo mit ihrem erweiterten Lungenvolumen, holen die Schalentiere aus der See. Die Meeresfrüchte gehen nach Japan, die Orangen auf das eigene Festland. Die Koreaner und Japaner wiederum kommen auf ihren kurzen Hochzeitsreisen nach Jeju. Junge Pärchen in den Millionenstädten träumen von diesem Heiratsparadies.

Und wenn sie nicht zuvor gestorben wären, die unschuldigen Dorfbewohner von Jeju, die zu Zehntausenden einem unbegreiflichen politischen Massaker zum Opfer fielen, dann lebten heute alle auf dem Eiland fast wie im Märchen. So aber gibt es Menschen, Überlebende, Hinterbliebene, unter den 550000 Einwohnern und vier Millionen Touristen im Jahr, die das Glück der anderen nie wieder teilen können.

Es steht nicht in den Reise- und WM-Prospekten und auch nicht in den Geschichtsbüchern: Der Rasen der Fußball- und Golfplätze ist auf verbrannter Erde gesät worden. Die Menschen auf dieser Insel mussten mit ihrem Leben dafür bezahlen, dass sie einen Traum hatten. Es war der Traum, der die meisten Koreaner nach dem Kriegsende und der Befreiung vom japanischen Joch einte. Alle Macht, so wünschten sie, sollte vom eigenen Volk ausgehen. Die armen Bauern und Fischer von Jeju, die wenig Zeit für Patriotismus hatten, klammerten sich an diese Hoffnung wie an einen Rettungsring. Die japanische Kolonialmacht und ihre koreanischen Helfer auf dem Festland hatten ihnen bis 1945 nur das Existenzminimum gelassen. Nun wollten sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich nicht bevormunden lassen. Doch auch die amerikanische Militärregierung und ihre koreanischen Verwalter behandelten Jeju so willkürlich, dass sie den Inselbewohnern bald als Nachfolger der alten Besatzungsmacht erschienen. Im April 1948 führten die Spannungen zu einem Aufstand, dem sich einige tausend Bauern anschlossen.

Was folgte, ist ohne Beispiel in der frühen Nachkriegsgeschichte. Über die gesamte Bevölkerung von Jeju wurde ein barbarisches Strafgericht verhängt. Eine Eruption staatlicher Gewalt verwandelte die Vulkaninsel in ein Inferno, das ein Jahr wütete. Wie Lava schlossen die Brände Ort um Ort ein. Wehrlos waren die Dorfbewohner dem alles niederwalzenden Terror von Polizei und Armee ausgesetzt. Mindestens 30000 Menschen fielen diesem ersten staatlichen Massenmord an Zivilisten seit dem Holocaust zum Opfer. Ihre Kinder wurden bis Mitte der achtziger Jahre mit Berufsverboten bestraft.

Südkoreas Herrscher hatten gute Gründe, die Geschichte der Opfer, der Überlebenden und der Hinterbliebenen über Jahrzehnte vor der Welt verborgen zu halten. Jede öffentliche Untersuchung der Massaker hätte ergeben: Es waren koreanische Polizisten und Paramilitärs, die sich die Inselbewohner mit Folter und Mord schon zu Feinden gemacht hatten, bevor der Aufstand am 3. April 1948 begann. Es waren koreanische Soldaten, die nicht nur die kleinen Trupps der Rebellenführer jagten, sondern Kinder exekutierten, Greise zu Tode quälten und Frauen vergewaltigten, erschossen oder bei lebendigem Leibe begruben. Und es war die amerikanische Militärregierung (USAMGIK), die vom 15. August 1945 bis zum 15. August 1948 als höchste und einzig legale Autorität über das Korea südlich des 38. Breitengrades wachte. Koreanische Armee und Polizei standen über diese Frist hinaus bis zum 30. Juni 1949 unter operativer Kontrolle der USA.

Wie die Kontrolle über die Insel aussah, kann heute in den US-Nationalarchiven eingesehen werden. Bruce Cumings, Geschichtsprofessor und Korea-Experte an der Universität Chicago, hat die 30 Jahre lang geheimen Berichte der lokalen Polizeistellen, der US-Militärregierung und des Counter-Intelligence Corps der Armee (CIC) durchforstet. Sein Urteil: "Diese Materialien dokumentieren einen gnadenlosen, totalen Angriff auf die Bevölkerung von Jeju."

Viele koreanische Quellen - von den Personaldossiers und Todeslisten der Polizei bis zu den alten Ausgaben der Zeitung Jeju Sinbo - sind der Öffentlichkeit noch immer nicht zugänglich. Bis Südkoreas Hoffnungsträger Kim Dae Jung 1998 Präsident wurde, herrschte offizielles Schweigen - 50 Jahre Einsamkeit für die Hinterbliebenen.

Die meisten können ihr heute nicht mehr entfliehen. Kim Suk Bo ist der Ausbruch gelungen. Er spricht frei, auch wenn er immer wieder das dunkle, sonnengegerbte Gesicht zu Boden senkt und seine breiten Schultern zucken. Kim steht vor der Mittelschule von Bukchon-Ri. Ri bedeutet Dorf. Kim ist Bauer, immer noch kräftig für seine 67 Jahre. Damals, am 17. Januar 1949, war er gerade 14 geworden und stand an derselben Stelle. Um ihn herum drängten sich an die 1000 Frauen und Männer, Kinder und Greise aus Bukchon. Die Soldaten hatten die Menschen aus den 300 Häuschen auf den Schulhof getrieben. Ein Offizier kommandierte. Dann peitschte eine Salve über den Platz. Kim zeigt zu einer kleinen Anhöhe in der Ecke: "Von dort kam es ... rattatat ... Die Menschen schrien, stürzten, bluteten, prallten in Panik zusammen. Die Soldaten brauchten eine Stunde, um uns zu Gruppen von 30, 35 Leuten zusammenzupferchen. Sie versicherten: ,Wir bringen euch mit Lastwagen nach Jeju-Shi.'"

Der erste Militärtransporter rollte in Richtung der Hauptstadt, nach Westen. Dann der entsetzliche Moment: Deutlich war auf dem Schulhof das Rattern von Gewehren zu hören. Die Menschen wehrten sich in Todesangst. Doch die Soldaten trieben Gruppe um Gruppe mit vorgehaltenen Waffen zu den Lastwagen. Auf einem dieser Transporter war der damals 8-jährige Bu Chung Ha mit seiner Großmutter eingezwängt. Der heute 61-jährige Soziologe, der in Seoul Kinderaustauschprogramme organisiert, erinnert sich:

"Obwohl es noch Januar war, grünten die Zweige in der Sonne. Dann sahen wir die Toten. Die Älteren auf unserem Wagen schrien um Hilfe, flehten zu Gott. Wir mussten aufs Feld. Vor uns standen drei, vier Soldaten, die Waffen schussbereit. Die Großmutter deckte ihren Rock über mich. Er war ganz weiß. Ich hörte ihre ruhige Stimme: 'Dein Vater ist tot. Du bist der einzige Nachkomme. Wenn sie jetzt schießen, werde ich nach vorn fallen, und du bleibst ganz, ganz still!' Wir standen so 20 Minuten. Eine Sirene heulte. 'Jetzt schießen sie', flüsterte die Großmutter, 'bleib still.' Aber sie schossen nicht. Es gab einen neuen Befehl: Zurück zur Schule!"

Als die Nachricht den Schulhof erreichte, dass die Erschießungen eingestellt würden, sollte der 14-jährige Kim Suk Bo gerade den nächsten Lkw besteigen. "Es gab kein Halten mehr. Wir rannten westwärts, von wo die neue Order gekommen war. Plötzlich standen wir vor den toten Nachbarn. Das Pampasgras war rot."

Kims Mutter schrie auf. Wie rasend begann sie nach ihren anderen Kindern zu suchen. "Erst am nächsten Morgen fanden wir meine kleine Schwester in einem Busch. Sie hielt noch im Tod ihre Schuhe in den Händen. Die Brüder lagen nicht weit entfernt. Wir deckten Reissäcke über sie." Kims Brüder waren 8 und 10 Jahre alt, die Schwester 6, ihr Vater 45. Auf den Killing Fields von Bukchon wurden an diesem Tag 407 Menschen exekutiert. Bauernfamilien - die Rebellen waren längst in den Bergen oder schon tot. Der Rest der Familien wurde an den Strand von Hamduk getrieben, der heute in keinem Reiseprospekt fehlt. Am nächsten Morgen erschossen die Soldaten 100 Dorfbewohner direkt am Meer. Die Überlebenden schleppten sich an der Küste entlang. Sie ernährten sich von Seetang.

Herr Kim drängt vom Schulhof auf die heute säuberlich asphaltierte Touristenstrecke. Er marschiert eilig an den gelben Rapsfeldern vor dem blauen Meer vorbei und biegt durch den Straßengraben zu ein paar Kiefern ab. Im unebenen Gelände sind dunkle Vulkansteine zusammengelegt worden. Sie bilden kleine, verwitterte Ellipsen. Auf der so umrandeten Erde könnte sich gerade ein Kind ausstrecken. "Dies hier", sagt Herr Kim mit zitternden Schultern, "ist das Grab meiner Schwester. Dort drüben liegt der ältere Bruder ... dahinter der jüngere ... Die Mutter hat sie mit bloßen Händen begraben. Sie konnte nie wieder darüber sprechen, bis sie mit 91 Jahren starb."

Bauer Kim lebt heute für die Schule. Seit zehn Jahren ist er ihr Schirmherr. Vor vier Jahren hat er sich noch einmal selbst auf die Schulbank gesetzt - da wieder angefangen, wo er am 17. Januar 1949 aufhören musste. Jetzt hat er den Mittelschulabschluss. In diesem Januar ist er nach Nanking gereist. Dort hatte die japanische Armee 1937 nach ihrem Einmarsch in Nordchina fast 200 000 Menschen niedergemetzelt. "Immerhin", sagt Herr Kim, "haben die Japaner eine Erinnerungstafel mit der Bitte um Verzeihung aufgestellt. Bei uns hat sich niemand entschuldigt - weder das Militär noch die Polizei und auch nicht die Amerikaner."

Wie ist das mit der Schuld gewesen? Hatten die Inselbewohner nicht gegen das Festland rebelliert, die separaten Wahlen für Südkorea 1948 boykottiert? Es ist nicht leicht für die Alten heute, ihren Eltern noch erkennbare Züge zu geben. Sie arbeiteten zumeist auf den Feldern, wussten nichts von der internationalen Lage, deren Ausläufer sich über Jeju zusammenbrauten. Wer konnte schon lesen und schreiben! 70 Prozent der Insulaner waren Bauern und Fischer, erst bei Kriegsende freigekommen von den japanischen Kolonialherren und Grundbesitzern, die das Land 1910 annektiert hatten. Klar, dass sie da nichts gegen die 1945 überall spontan gewählten Volkskomitees hatten, die endlich ein freies Korea regieren sollten. Kommunisten waren deshalb die wenigsten.

Auf dem Festland gab es Streiks und Demonstrationen. Aber Jeju war die rühmliche Ausnahme. Der Kommandant der Besatzungsmacht, Generalleutnant John R. Hodge, versicherte durchreisenden Kongressabgeordneten in Seoul noch im Oktober 1947, die Insel sei "ein echt kommunales Gebiet, das friedlich von Volkskomitees kontrolliert wird, ohne viel Einfluss der Kommunistischen Internationale".

Dörfer gingen in Flammen auf

Doch der Kalte Krieg wollte es anders. Immer mehr Polizisten vom Festland sollten auf der Insel nach dem Rechten sehen. Viele Polizeioffiziere hatten bis 1945 mit den Japanern kollaboriert und dienten sich nun als Antikommunisten an. Die ärmsten Bauernsöhne von Jeju dagegen mussten vor und während des Krieges in japanischen Fabriken Kinderarbeit leisten. Einige waren 1945 mit sozialistischen Ideen zurückgekehrt. Die Feindschaft wuchs. Militante antikommunistische Flüchtlinge unterstützten die Polizisten. Sie stammten aus derselben Nordprovinz Koreas wie Syngman Rhee, der aufsteigende Wunschkandidat der Amerikaner für das Präsidentenamt im künftigen Südkorea. Die Flüchtlinge hatten eine paramilitärische Terrororganisation gegründet. Suh-Cheong war ihr abgekürzter Name. Sie verfolgte linke Insulaner, erpresste die Bevölkerung und mischte sich in alle Geschäfte ein.

Im Frühjahr 1948 demonstrierten 30 000 Bürger von Jeju gegen die Regierung in Seoul und die von ihr angekündigten, separaten Wahlen für Südkorea. Mitglieder der auf Jeju schwachen, prokommunistischen Partei der Arbeit hatten die Kundgebung organisiert. Bauern und Fischer nahmen nur aus einem Grunde teil: Sie fürchteten, dass die Wahlen die autoritäre Zentralregierung stärken und Jejus Eigenständigkeit weiter schwächen würden. Die Polizei schoss mitten in die unbewaffnete Menge. Sechs Menschen starben. Da war die Insel für den Aufstand reif.

Am 3. April 1948, gegen drei Uhr früh, loderten Reisighaufen auf allen Bergen. Die Rebellen gaben das Signal zu Überfällen auf 11 der 15 Polizeistationen und auf die Quartiere der rechtsextremen Suh-Cheong. Die aufgestaute Wut entlud sich. Polizisten wurden erschossen, Terroristen mit Gegenterror bekämpft. Einen von außen gelenkten Umsturzplan gab es nicht. Die Aufständischen unterhielten keinerlei Beziehungen zum kommunistischen Norden Koreas und auch nicht zu Moskau.

Die Rebellen zählten etwa 500 Mann. Gut 3000 Bauern - von damals knapp 300 000 Inselbewohnern - schlossen sich an. Jeder zehnte Aufständische hatte eine Feuerwaffe. Es waren vor allem alte Gewehre, die japanische Soldaten 1945 nach der Kapitulation ins Meer geworfen hatten. Die haenjo, Jejus Taucherinnen, fischten sie vom Grund. Der Rest des Bauernheers trug Bambusspeere, Schwerter, Heugabeln, Holzschaufeln.

Für eine kurze Frist herrschten die Aufständischen über ihre Insel. Dann waren sie zur Kapitulation bereit, wollten ihre Waffen abgeben und sich der Armee unterstellen. Sie verlangten dafür, dass die fremden Polizisten und die Terroristen die Insel verlassen sollten. Rebellenführer und ein koreanischer Regimentskommandeur handelten einen Waffenstillstand aus. Die Polizei hintertrieb ihn. Die US-Militärregierung entschied zugunsten der Polizei und für die Strategie der verbrannten Erde.

Die zielte darauf ab - ähnlich wie später die Kriegsführung in Vietnam -, die Rebellen von der Bevölkerung zu isolieren. Alle Dörfer, die weiter als vier Kilometer von der Küste entfernt lagen, gingen in Flammen auf. "Unser Dorf Sunheul war das reichste rundum", erinnert sich der Bienenzüchter Kim Hyoung Choe. "Dann kamen die Soldaten vom 9. Regiment und befahlen uns, zum Meer zu gehen. Wir fürchteten, dass sie uns dort erschießen würden. Deshalb versteckten wir uns in den Felsgrotten hier ringsum in den Wäldern."

Das Baby erstickte in der Höhle

Der 81-Jährige steigt die steile Waldböschung hinunter, als sei er noch 27 Jahre alt wie damals im November 1948. Er klettert ein paar Schritte in die Höhle. "Hier haben wir gehockt, fast 50 Männer, Frauen, Kinder. Draußen waren ständig Schüsse zu hören. Wir sprachen kein Wort. Eine Mutter hielt ihrem weinenden Baby die Hand auf den Mund. Am Ende war es erstickt."

Kim Hyoung Choe und drei andere Männer schlichen im Schutz der Dunkelheit in die Berge, um für alle eine sichere Grotte zu finden. Am nächsten Tag sahen sie den Rauch in der Ebene. Sie kehrten zurück, krochen zur Höhle. Steine versperrten den Eingang.

Der alte Bienenzüchter steigt wortlos aus der Schlucht zu einer von Buschwerk gesäumten Lichtung hinauf. "Dort haben sie gelegen, 45 Tote in jedem Alter. Die Hände auf den Rücken gefesselt, erschossen, mit Benzin verbrannt. Ich erkannte meinen Großvater und meinen Onkel. Aber einige Opfer waren nicht mehr zu identifizieren. Wir beerdigten sie, so gut es ging. Legten kleine Zettel mit Namen dazu und steckten uns selbst eine Liste ein. Papier mit sich zu tragen war damals lebensgefährlich. Aber mich haben sie nicht erwischt", brummt der 81-Jährige, "und ich werde bis zum letzten Atemzug die Wahrheit über Jeju erzählen."

Chae Jeong Ook lebt nicht weit vom Sonnenaufgangsfelsen bei Seongsan, den Hochzeitspaare als Glücksbringer fotografieren. Herrn Chae hat ein anderer Anblick fast ein Leben lang verfolgt. Er wird nie vergessen, was er in der Darangshi-Höhle sah. Der Weg dorthin schlängelt sich durch Unterholz und Wiesen voller violetter Blüten. Längst haben Bambusgebüsche und Pampasgras alle Spuren der 40 Häuser getilgt, die hier im November 1948 abbrannten. Chae Jeong Ook hält vor einem winzigen Erdhügel, auf dem schwere Steine liegen. Eine kleine Tafel zeigt ein Foto mit Skeletten in einer Felsenhöhle. "Direkt unter unseren Füßen ist die Darangshi-Höhle", sagt der 77-Jährige, "elf Menschen hatten darin Zuflucht gesucht."

Chae Jeong Ook war damals 23 Jahre alt. Von seiner höher gelegenen Grotte sah er in der Dämmerung den Feuerschein. Zu dritt schlichen sie sich in der Nacht hinunter. Der kleine Eingang der Höhle war mit Steinen und Sträuchern bedeckt. Aus dem Haufen stieg Rauch auf. Sie wälzten die Steine beiseite, ließen den Rauch abziehen. Als sich der Schein ihrer Lampen in die Höhle tastete, fanden sie elf Tote, unter ihnen ein Kind und drei Frauen. Die Körper waren verkrümmt nach einem qualvollen Erstickungstod. Die Mörder hatten am engen Höhleneingang große Reisigfeuer entfacht. Chae und seine Freunde versuchten, die Toten aus ihrer verkrümmten Haltung umzubetten. Die Namen, die sie kannten, schrieben sie auf Zettel. Dann mussten sie weiterflüchten.

Chae Jeong Ook kehrte erst im nächsten April in die Nähe seines verbrannten Dorfes zurück. Zur Höhle konnte sich niemand wagen, dem sein Leben lieb war. Obwohl sie nur 15 Autominuten entfernt lag, dauerte es 45 Jahre, bis Herr Chae wieder zu den Toten hinunterstieg. Das war 1992. Er wies ein paar jungen Forschern und mutigen Lokaljournalisten den Weg. Die Höhle war mit Steinen verschlossen. Aber sie barg noch die Überreste aller Opfer, ihr Schuhwerk, ihr Geschirr, ihre Brillen. Sofort schalteten sich die Behörden ein. Sie verfügten, dass die Skelette verbrannt werden müssten. Die Angehörigen hätten sie lieber in ihrer Nähe bestattet. Doch sie wagten nicht zu widersprechen - 1992.

Die Asche der wiedergefundenen Toten wurde ins Meer verstreut. Für den 61-jährigen Ko Kwang Chi, der heute in Seoul wohnt, war das der letzte Abschied von Vater und Onkel. 27 Jahre alt war sein Vater gewesen, als er in der Höhle erstickte. Der damals 8-jährige Ko Kwang Chi und sein 4-jähriger Bruder hatten mit den Großeltern in einer anderen Grotte Zuflucht gefunden. Als sie vor Hunger ins Dorf zurückwollten, wurden sie gefangen genommen und zu einer Polizeistation getrieben. Die Großeltern konnten das Marschtempo nicht lange halten. Soldaten erstachen sie mit Bajonetten, vor den Augen der Enkel. Ein paar hundert Meter weiter schlugen die Nachbarn die beiden Brüder zusammen, dass sie wie tot am Wegesrand liegen blieben. Sie retteten ihnen damit das Leben - denn den Erwachsenen war klar, dass sie in den Tod gingen. Sie wurden zusammen mit anderen Zivilisten, darunter der Mutter der beiden Jungen, auf der Polizeistation umgebracht.

Entfernte Verwandte kümmerten sich um Ko Kwang Chi. Die Kinder dort nannten ihn den roten Kommunisten. Er hielt das für einen lustigen Spitznamen. Als er die wirkliche Bedeutung erfuhr, rannte er fort. Mit Flüchtlingen aus dem Koreakrieg kam er später aufs Festland. Durch die fünfziger Jahre zog er mit vagabundierenden Kindern, in den Sechzigern litt er lange an Tuberkulose. Ko schlug sich durch, auf Fischerbooten und als Taxifahrer, bis sein geschwächter Körper streikte. Bis heute hat er weder Rente noch irgendeine Entschädigung erhalten. Seine Frau ernährt ihn.

"Als sie 1992 die Grotte entdeckt hatten", sagt der arme Mann in seinem Sonntagsstaat, "bin ich wohl etwas verrückt geworden. Wenn ich getrunken habe, greife ich manchmal Polizeistationen an. Dabei hat mein Bruder einen Sohn, der Polizist geworden ist. Dem ist jetzt mein Haus verboten worden, weil ich ihm gefährlich werden könnte. Aber wenn ich nicht trinke, dann vermisse ich ihn sehr."

Genau besehen ist Ko Kwang Chi ja auch ein Opfer der Polizei. Ihre Übergriffe lösten die Tragödie von Jeju aus. Doch wie konkret griff die US-Militärregierung ein?

Die 7. US-Flotte blockierte Jeju

Amerikanische Militärberater auf der Insel nahmen zumindest an Exekutionen von Rebellen als Beobachter teil. Wie der Historiker Bruce Cumings in den Nationalarchiven recherchierte, umfasste die amerikanische Unterstützung "die tägliche Ausbildung der gegen die Aufständischen gerichteten Kräfte, Verhöre von Gefangenen, den Einsatz von Aufklärungsflugzeugen und den Einsatz von Kriegsschiffen zur vollständigen Blockade der Insel".

Für die Seeblockade war auf koreanischer Seite der Marineoffizier Nam Sang Whi verantwortlich. Der spätere Admiral und langjährige Leiter des Pan Pacific Strategy Institute in New York auf die Frage, ob nordkoreanische Schiffe die Insel je hätten erreichen können: "Völlig ausgeschlossen. Nicht nur durch unsere Schiffe, auch durch die 7. US-Flotte war Jeju total abgeschnitten."

Die amerikanische Militärregierung rüstete das 9. Regiment auf Jeju mit schweren Waffen aus, nachdem sie die koreanische Armee bis dahin nicht einmal mit Karabinern versehen hatte. Sie setzte rechtsextreme Kommandanten an die Spitze des verstärkten Regiments. Einer von ihnen, Kim Sang Gjom, rief seine Soldaten auf: "Tötet alle, verbrennt alles, plündert alles!" Der erste Chef der US-Militärberatergruppe, Brigadegeneral Roberts, hatte zuvor die Devise ausgegeben: "Die roten Banditen im amerikanischen Stil ausrotten." So zitierte ihn das Blatt Dong-A Ilbo am 9. Mai 1948 unwidersprochen.

Kim Chang Hyuns Vater war kein roter Bandit, sondern Dorfvorsteher. Als die Aufständischen aus seinem Ort Vieh wegtrieben, marschierte er zur nächsten Polizeistation, um Meldung zu machen. Auf dem Rückweg entführten ihn die Rebellen. Den Polizisten reichte es, dass er jetzt im Lager der Aufständischen war. Sie zündeten sein Haus an, die Mutter mit den fünf Kindern konnte knapp entkommen. Sie waren nun Aussätzige, wurden von den Verwandten in Windeseile herumgereicht. Die Mutter erwischten die Polizisten trotzdem.

Kim Chang Hyun sieht das Bild noch nach 54 Jahren vor sich: "Man hatte ihr in den Hinterkopf geschossen. Wo das linke Auge gewesen war, klaffte ein Loch. Die Großmutter legte Watte drauf. Ich war elf Jahre alt und musste als Ältester nachts an der heimlichen Beerdigung teilnehmen. Später erfuhren wir, dass sie den Vater einen Tag früher zusammen mit den Rebellen exekutiert hatten, obwohl er für alle sichtbar ihr Gefangener gewesen war."

Mit 16 Jahren schlich sich Kim Chang Hyun als blinder Passagier auf ein Schiff nach Pusan. Er schwor, nie wieder auf die Insel zurückzukehren. In der südöstlichen Hafenstadt verkaufte er Zeitungen, schuftete in amerikanischen Kantinen, färbte gebrauchte US-Militärhosen und verkaufte sie weiter. Von dem Geld holte er drei Geschwister nach, schickte sie zur Schule, lernte selbst die Nächte durch. Die vier Waisen brachten es bis zum Studium.

Und dann waren ihnen alle angemessenen Positionen in Banken, Ämtern, Organisationen verschlossen - die Berufsverbote für die Hinterbliebenen von Jeju galten in ganz Korea. Herr Kim, heute ein 65-jähriger, weltmännisch wirkender Großstädter, wurde Unternehmer wider Willen. Seinen Schwur, nie wieder nach Jeju zurückzukehren, hat er als Rentner gebrochen. "Dort liegen neben den Eltern noch 16 Verwandte. Ich habe für alle ein Familiengrab angelegt. Und ich habe alles vergeben. Aber ich kann nicht vergessen, dass jene Leute, die vergewaltigten und mordeten, heute vom Staat Rente beziehen, während die Opfer nicht einmal rehabilitiert sind."

Von all diesen Opfern starben die Frauen den grausamsten Tod. Während der Verhöre durch koreanische Polizisten und Soldaten wurden die Frauen oft nackt ausgezogen, gefoltert oder vergewaltigt, manche mussten auch noch bei der Exekution ihrer Angehörigen "man-se!", hurra!, rufen. Aus Angst und Scham verschlossen die Überlebenden ihr Elend vor den anderen. Den Witwen blieb es für Jahrzehnte verboten, das Schicksal ihrer Männer zu erwähnen. Über das Leid der Frauen sprechen bis heute fast nur die Verwandten. Oder Augenzeugen wie Kim Yan Hak, der Orangenbauer von Tosan-Ri.

Als 8-Jähriger stand er dabei, vor dem Gemeindehaus. "Alle Männer zwischen 16 und 40 Jahren zur Seite treten!", brüllten die Soldaten die zusammengetriebenen Dorfbewohner an. Es war am Abend des 16. November 1948, und der Mond stand schon hell am Himmel. "Alle Frauen hierher, eine Reihe bilden", kommandierte der Truppführer, "und jetzt alle den Mond ansehen!" Die Soldaten suchten die schönsten Mädchen aus und führten sie ab.

Die Männer und Jugendlichen von Tosan-Ri wurden noch in der Nacht exekutiert. Die Frauen und Mädchen, die sich die Militärs ausgesucht hatten, lebten und litten zehn Tage länger. Als die Soldaten abzogen, erschossen sie die vergewaltigten Opfer. Eine 15-Jährige überlebte. Über Jahre marterten Angstkrämpfe ihren Körper, wenn sie nur Wörter wie Aufstand oder Soldaten hörte. Dann heiratete sie, bekam Kinder. Sie blieb in Tosan-Ri und spricht heute über das Leben wie jeder andere auch. Nur über die Tode, die sie damals starb, hat sie niemals ein Wort gesagt.

"Mir hat der koreanische Geheimdienst noch weit bis in die neunziger Jahre hinein verbieten wollen, all das zu bezeugen", empört sich Kim Yan Hak in seinem kleinen, hellen Haus. "Wir verlangen von den Japanern, dass sie wegen der Verschleppung unserer 'Trostfrauen' in die kaiserlichen Militärbordelle ihre Geschichte umschreiben - aber die koreanischen Regierungen haben noch immer nicht angefangen, unsere eigene Geschichte zu schreiben."

Die schlimmsten Demütigungen erfuhren Jejus Frauen von der Terrororganisation Suh-Cheong. Die US-Militärregierung hatte zusätzliche Hundertschaften dieser Paramilitärs zur Verstärkung auf die Insel dirigiert. Sie wüteten wie Arkans "Tiger" und andere großserbische Einheiten in Bosnien. Erschossen Mädchen auf der Stelle, wenn sie ihnen nicht zu Willen sein wollten.

Terroristen erzwangen Ehen

Der jungen Wissenschaftlerin Oh Gun Sook, die es schon vor einigen Jahre wagte, auf Jeju Aussagen über Frauenschicksale zu sammeln, berichtete ein alter Lehrer: "Man hielt mich in einer Fabrik fest. Die Terroristen zwangen junge Mädchen und Männer zu Geschlechtsakten. Mit heißen Eisen verbrannten sie Frauen die Genitalien. Ich überlebte nur dank meiner jungen Kollegin, Miss Chung. Wir waren verlobt. Sie war bereit, ein Mitglied der Suh-Cheong zu heiraten, damit ich am Leben blieb."

Diese Heiraten hatten auch einen materiellen Hintergrund. Die Männer aus dem Norden Koreas zwangen besonders jene Frauen, die nicht ganz arm waren, zur Ehe, um sich das Land ihrer Eltern überschreiben zu lassen. So konnten sich die Flüchtlinge eine legitime Existenz in Südkorea aufbauen. Manche dieser Männer gehörten Jahre später zu den Geschäftsleuten, Barbesitzern oder Kasinoteilhabern, die vom ersten Boom der Insel profitierten. Auf ihrer Seite stand auch der ehemalige Führer einer militant rechten Studentengruppe, Song Bong Kyu. Er brachte es bis zum Präsidenten des Landtags. Heute ist der Mann aus Jejus dunkelsten Tagen Direktor des Botanischen Gartens, der jährlich Zigtausende Touristen anzieht. Einem Interview will sich Herr Song nicht stellen.

Er könnte viel erzählen, vom Anfang des Aufstandes bis zur Liquidierung des letzten Rebellenführers. Ihn tötete die Polizei am 7. Mai 1949. Er hieß Ji Tong Ku und stammte aus einer armen Bauern-Fischer-Familie. Als Kind musste er im japanischen Osaka arbeiten. Nach Koreas Befreiung 1945 kehrte Ji auf die Insel zurück und wurde Aktivist der prokommunistischen Südkoreanischen Partei der Arbeit. 1947 misshandelte ihn die Polizei drei Monate lang im Gefängnis. Nach seiner Freilassung begann Ji, rebellische Linke um sich zu scharen. Zwei verblichene Fotos sind von ihm erhalten. Das eine ist eine Momentaufnahme aus dem Quartier der Aufständischen; mit seiner Nickelbrille gleicht er eher einem demonstrierenden Literaten. Das zweite Foto zeigt seinen Kopf an einem Strick. Die Polizei hatte Jis Körper mit Bambusspeeren zerfleischt und den zerfetzten Leichnam an einem Kreuz aufgehängt - mitten in Jejus Hauptstadt, gegenüber dem lokalen Regierungssitz.

Schon vorher, am 9. April 1949, war Südkoreas neuer und erster Präsident Syngman Rhee zu diesem Regierungssitz gekommen. Er ließ sich von den Niedergeworfenen huldigen. Aber seine Siegerpose wies weit über die Insel hinaus. Mit den Massakern von Jeju führte Syngman Rhee Südkorea in den Polizeistaat des Kalten Krieges, dem später die Militärdiktaturen folgten. Zwischen September 1948 und April 1949 wurden auf dem Festland rund 90 000 Menschen verhaftet. Unter ihnen waren auch viele Journalisten und Lehrer, die nichts als die Einheit des Landes gewollt hatten. "Weite Teile Koreas", berichtete Walter Sullivan im März 1950 für die New York Times, "sind heute verdüstert durch eine Wolke von Terror, der wahrscheinlich beispiellos ist in der Welt."

Auf Jeju verbrannten 270 von 400 Inseldörfern. 38 285 Häuser, so die offizielle Zählung, wurden zerstört. Sogar die koreanische Armee hat die Zahl der Toten mit über 27 000 beziffert. In den US-Nationalarchiven findet sich die Aussage des damaligen Gouverneurs von Jeju gegenüber amerikanischen Geheimdienstlern, wonach 60 000 Menschen ums Leben kamen. Eine erste Sonderkommission hat in den vergangenen Jahren die Namen von 14 504 Opfern ermitteln können. Doch viele Familien sind völlig ausgelöscht worden. Andere wagen es immer noch nicht, ihre Toten zu melden. 40 000 Inselbewohner flohen nach Japan; viele wollten ihr neues Leben nicht durch Auskünfte gefährden.

Auf Jeju ging das Leiden weiter. Bauern und Fischer erhielten von der Polizei Tagespässe für die Arbeit in den Feldern oder auf dem Meer. Zu Beginn des Koreakrieges, im Juni 1950, verhaftete die Polizei Hinterbliebene und Verwandte von Aufständischen nach ihren alten Listen als potenzielle Verdächtige. Yang Sin Ha, der Vorsitzende des Rotary Club in der südwestlichen Küstenstadt Daejeong, zieht einen Hinrichtungsbefehl aus der Schublade. Er ist in chinesischen Schriftzeichen ausgefertigt, die manche Ämter damals noch anstelle der koreanischen Hangulschrift verwendeten. Die Order vom Juli 1950 verfügt, dass 144 Gefangene der "Stufe C" und 109 Häftlinge der "Stufe D" umgehend zu exekutieren seien - "bis zum 6. September 1950".

Am 20. August rollten Militärtransporter mit 132 dieser unglücklichen Bauern, Fischer, Lehrer und anderer Zivilisten durch die Dörfer. Verzweifelte Verwandte liefen hinter den Lastwagen her. Sie fanden auf den Wegen immer wieder ein paar Stiefel. Die Todgeweihten warfen sie von den Wagen. Die Spur der Stiefel führte die Angehörigen am nächsten Morgen zu einer Sandgrube unterhalb einer bewaldeten Anhöhe. Die 132 Männer waren erschossen worden, die Soldaten hatten flüchtig Sand über die Toten und Sterbenden geschüttet. Die Familien versuchten, ihre Angehörigen zu bergen. Die Polizei vertrieb sie jeden Tag von neuem. Mehr als fünf Jahre lang verwesten die Opfer unbestattet.

Als die Dorfbewohner ihre Angehörigen endlich heimholen konnten, waren die Toten nicht mehr zu identifizieren. Die Familien erwarben gemeinsam ein Stück Erde und betteten die Überreste in viele kleine Gräber. Sie nannten das Totenfeld mit den runden, von kurz geschnittenem Pampasgras bedeckten Hügeln Baik Jo Il Son- "dem einen Nachfahren von 100 Vorvätern". Gern würden sie und ihr Kurator Yang Sin Ha auch am Ort des Massakers, wo sie noch heute Knochen und Zähne finden, eine Gedenkstätte errichten. Aber an dem Gelände halten die Besitzer fest. Es sind noch immer die Militärs.

Wie lange werden sie und die anderen am staatlichen Massenmord beteiligten Institutionen die Rehabilitierung der Opfer noch verhindern können? Wird wenigstens den letzten Überlebenden, den Invaliden, den Hinterbliebenen irgendwann Gerechtigkeit widerfahren? Werden sich die USA dann eines Tages an den Entschädigungen beteiligen müssen? Der amerikanische Jurist James West, der die Niederschlagung des Aufstandes nach rechtlichen Gesichtspunkten untersucht hat, zieht das Fazit: "Nach allen Unterlagen ist es schwer, eine amerikanische Komplizenschaft bei der Terrorisierung und Tötung von Nichtkombattanten zu leugnen."

In Südkorea sind diesem Urteil Jahrzehnte mühseliger Aufklärungsarbeit vorausgegangen, gefolgt von immer neuer Repression. Die erste Hoffnung keimte, als der Diktator Syngman Rhee 1960 Studentendemonstrationen weichen musste. Doch schon 1962 wurde ausgerechnet Song Yo Chang Ministerpräsident Südkoreas. Er hatte im Krieg in der japanischen Armee gedient und war im Juli 1948 von der US-Militärregierung zum Kommandanten des 9. Regiments auf Jeju ernannt worden - und damit für die Politik der verbrannten Erde mitverantwortlich. Unter ihm durfte der Aufstand mit keinem Wort erwähnt werden.

30 Jahre nach Beginn der Rebellion erschien 1978 ein erster Augenzeugenbericht, wenn auch nur in literarischer Form. Die Erzählung Soonis Onkel schildert die Tragödie Jejus aus dem Blickwinkel eines Mädchens, das seine Familie verloren hatte. Das Buch wurde bald darauf verboten, der Autor festgenommen. Nur sein damaliger, früher Ruhm rettete ihn. Heute ist Hyun Ki Young in Seoul Präsident des Schriftstellerverbandes, er repräsentiert die Intellektuellen, die sich für die Vergangenheitsbewältigung einsetzen.

Wenn der 61-jährige, vierfache Buchpreisträger mit leiser Stimme von seiner Kindheit auf Jeju erzählt, wirkt er immer noch angespannt. "Mitten in der Hauptstadt Jeju-Shi hingen Leichen ohne Köpfe an den Bäumen. Die Köpfe wurden auf Bambusspeeren zum Platz Kwangdukjung getragen. Anfangs hatten als Beweise für getötete Rebellen noch abgeschnittene Ohren genügt. Doch die konnten auch von Frauen stammen, deshalb zählten später nur noch Köpfe. Diese Bilder haben mich durch die Jugend und bis aufs Festland verfolgt. Alles zwang mich, über Jeju zu schreiben."

1979 holte der militärische Geheimdienst den Verfasser von Soonis Onkel ab. "Am ersten Tag prügelten sie mit dicken Stöcken, auf den ganzen Körper. Am nächsten Tag schlugen sie mit dünnen Gerten zu. Damit die Haut nicht platzte, steckten sie mich in ein Unterhemd."

Das war Südkorea 1979, als es mit der Wirtschaft schon längst bergauf ging und der legendäre Boom selbst Jeju aus der Armut riss. Das politische Elend dauerte an. Erst 1989 wagten junge Wissenschaftler um den Historiker Kang Chang Il, auf der Insel ein kleines Institut zur Erforschung des Aufstandes zu gründen. Es liegt gleich neben jenem Platz, auf dem die Polizei 1947 den toten Rebellenführer Ji Tong Ku zur Schau gestellt hatte. "Unsere Startbedingungen waren entsprechend", erzählt der engagierte Reporter Huh Ho Joon. "Polizisten in Zivil durchsuchten unsere Räume, gingen auch zu den Hinterbliebenen, um sie einzuschüchtern. Wir sagten und sagen allen: Die Insulaner wollen keine ideologische Abrechnung, sondern nur ihre Menschenrechte einklagen."

Die ersten Versuche, mit öffentlichen Gedenkveranstaltungen an die Opfer zu erinnern, wehrte die Polizei 1989 und 1992 mit Schlagstöcken und Tränengas ab. Inzwischen ist Jeju nicht mehr von der politischen Agenda zu prügeln. "Wir sind heute einigermaßen frei", sagt der Sozialwissenschaftler Hur Sang Soo, Kopräsident des Nationalen Komitees für die Hinterbliebenen. "Es gibt keine Drohanrufe mehr. Aber natürlich machen rechtsorientierte Gruppen weiter gegen Gedenkveranstaltungen Front. Das neue Sondergesetz zur Ermittlung der staatlichen Verantwortung für die Massaker lehnen sie als verfassungswidrig ab."

Dieses Gesetz ist dem Engagement von Präsident Kim Dae Jung zu verdanken. Im Wahlkampf 1998 hatte er versprochen, dass die Tragödie von Jeju neu durchleuchtet werden solle. Am 16. Dezember 1999 schuf Südkoreas Parlament mit der Verabschiedung des Sondergesetzes die Voraussetzungen dafür.

Eine Woche später erklärte der amerikanische Botschafter Stephen Bosworth auf einer Pressekonferenz in Seoul, die USA hätten mit dem ganzen Fall nicht das Geringste zu tun.

Der Fußball wird ein Stück mehr Wahrheit an den Tag bringen. Wenn die internationalen Medien in den nächsten Wochen ihre Scheinwerfer auf Jeju richten, werden sie auch die tragische Geschichte der Insel nicht ausblenden können. Und diese ferne Geschichte wird plötzlich auf Augenhöhe rücken. Auf die Höhe einer Zeit, in der aus furchtbaren Anlässen diskutiert und kontrolliert wird, wie und wo überall der Terror in die Welt gekommen ist.

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