Erziehung und Religionsfreiheit: Nationalhymne & Fahne

Hinomaru, die nationale Flagge, und Kimigayo, die Nationalhymne

Japanische Regierung zwingt die Schulen zum Singen der Nationalhymne und Hissen der umstrittenen kaiserlichen Fahne

Am 9.8.1999 hat das japanische Parlament sowohl die Nationalflagge als auch die Nationahymne legalisiert: "Law concerning the National Flag and National Anthem".

Die Hinomaru-Fahne war bis zur Niederlage von 1945 eines der hervorragenden Symbole seiner militärischen Herrschaft in vielen Ländern Asiens. Nach dem Krieg war dieses negative Bild der japanischen Fahne der Grund, weshalb die Hinomaru-Fahne nicht die Nationalfahne Japans wurde. Ebenso ging es mit der inoffiziellen Nationalhymne Kimigayo, die den Tenno verherrlicht, die nach dem Krieg ebenfalls nicht per Gesetz zur Nationalhymne erklärt wurde. Trotz des umstrittenen Charakters wurden beide im Jahre 1999 offiziell als Nationalfahne bzw. Nationalhymne institutionalisiert. IIJIMA Makoto, ein Gymnasiallehrer in Tōkyō, beschreibt für uns die Folgen dieser politischen Entscheidung für die staatlichen Schulen.

 

Von IIJIMA Makoto
Lehrer an einem Gymnasium in Tōkyō
Mitglied der Shinmatsudo Koya Kirche im Kirchenbezirk Tōkyō
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Während der letzten 5 Jahre geschahen an den staatlichen Schulen in Tōkyō Dinge, die vor kurzer Zeit zuvor völlig undenkbar gewesen sind. Die Ursache dafür ist das neue Gesetz, mit dem 1999 die Nationalfahne und die Nationalhymne eingeführt worden sind. Während der Debatte über die Gesetzesvorlage hatten der Kabinettsminister FUKUDA Yasuo und die Erziehungsministerin TOYAMA Atsuko mehrere Male versichert, dass selbst nach einer Verabschiedung des Gesetzes im Parlament keine Schule gezwungen würde, das Gesetz auch anzuwenden. Jedoch, kaum war das Gesetz in Kraft getreten, gab es beträchtlichen Druck auf die staatlichen Schulen, besonders in Tōkyō, sofort und unbedingt dem Gesetz Folge zu leisten. Früher konnten die Schulen selbständig entscheiden, ob sie die Fahne überhaupt hissen wollten, ob sie an der Seite oder in der Mitte der Bühne zu stehen kam. Auch hinsichtlich von Kimigayo gab es je nach Schule einen sehr unterschiedlichen Umgang. Seit der neuen Gesetzeslage jedoch wird die Fahne an herausragender Stelle positioniert, nämlich mitten auf der Bühne; und auf allen Programmen für die entsprechenden feiern steht auch der Punkt „Singen der Nationalhymne“, zu der alle gebeten werden, sich zu erheben.

Mit dem Herbstsemester nach dem Inkrafttreten des Gesetzes erließ der Erziehungsausschuss von Tōkyō eine Direktive, die alle staatlichen Schulen zwang, bei allen Jubiläumsfeiern sowie den Eröffnungs- und Abschlussfeiern im März und April 2004, das neue Gesetz zu befolgen. Vertreter des Ausschusses wurden beauftragt, die Zeremonien auf eine ordnungsgemäße Durchführung hin zu beobachten. Allerdings haben sich die Erzieher nicht stillschweigend dieser neuen Direktive gefügt. Auch wenn sie mit Bestrafung bedroht wurden, wenn sie der Direktive nicht Folge leisteten, haben viele Lehrer öffentlich erklärt, dass sie nicht damit einverstanden sind. Als erste weigerten sich bei offiziellen Veranstaltungen 10 Lehrer, sich während des Singens von Kimigayo zu erheben. Später folgten schnell viele weitere und widerstanden dieser Direktive für Schulveranstaltungen. Insgesamt wurden 315 Angestellte bestraft.

Viele erinnern sich an die Kriegsjahre, als die Soldaten aufs Schlachtfeld geschickt wurden mit den Symbolen der Hinomaru-Fahne und der Kimigayo-Hymne. Viele haben große Ressentiments, wenn sie jetzt erleben, wie dieselben Symbole der heutigen Erziehung aufgezwungen werden. Besonders freilich die Christen fühlen sich abgestoßen, wenn sie in Kimigayo das großartige Lob des Tenno hören und das Gebet für das Wohlergehen der kaiserlichen Familie. Viele Musiklehrer haben sich aus Gewissensgründen verweigert: sie können den Gedanken nicht ertragen, dieses Lied nun auf dem Klavier begleiten zu müssen. Viele aber unter denen, die sich nicht unbedingt von Fahne oder Hymne abgestoßen fühlen, wehren sich gegen die Zwangsmaßnahmen der Regierung.

Auf jeden Fall hat das neue Gesetz die Lehrern ihrer Rede- und Meinungsfreiheit beraubt. Die von der Verfassung garantierten Rechte auf Gedankenfreiheit, auf Gewissensfreiheit und Freiheit der Religionsausübung, wie in Artikel 19 und 20 der Japanischen Verfassung garantiert, wurden verletzt. Das Problem betrifft nicht nur die Lehrer. An einem Gymnasium in Tōkyō hat der Schulleiter die Kinder ermahnt, dass sie bei ihrer Abschlussfeier laut und kräftig zu singen haben, wenn nicht, dann würde ihr „Lieblingslehrer bestraft werden“ . Es gibt sogar den Fall eines Lehrers, der bestraft wurde, weil einige seiner Schüler sich beim Singen der Hymne nicht erhoben. So werden also auch die Schüler gezwungen, den „angemessenen Respekt“ gegenüber der Hinomaru-Fahne und der Kimigayo-Hymne zu bezeugen. Lehrer werden gezwungen, die Rolle eines Zwangsvollstreckers zu spielen.

An einer Grundschule in Tōkyō weigerte sich bei der Aufnahmefeier eine Musiklehrerin, die Hymne auf dem Klavier zu begleiten. Sie wurde deshalb ganz formell vom Erziehungsausschuss der Stadt ermahnt. Die Lehrerin beschwerte sich daraufhin und forderte eine Zurücknahme der Ermahnung. In den folgenden Prozessen wurde ihre Anklage abgewiesen mit der Begründung, dass sicher die Angeklagte ihrer eigenen Glaubensüberzeugung huldigen dürfe, dass ihr aber nicht erlaubt sei, diese öffentlich zu äußern. Sie ist verpflichtet, den Anordnungen ihrer Vorgesetzten Folge zu leisten.

Von vielen Schulleitern hören wir, dass sich etwa wie folgt äußern: „Du kannst denken was immer Du in Deinem Herzen hegst, aber Du darfst das nicht öffentlich sagen. Du musst meinen Anordnungen gehorchen.“ Dann ist es ein Problem und nicht akzeptabel zu behaupten, Lehrer und Schüler hätten das Recht zu glauben, was sie glauben wollen, wenn diese Meinung nicht auch öffentlich ausgesprochen werden darf.

Der Vollzug dieser Politik erinnert uns an die Art und Weise, wie das japanische Volk während der Kriegsjahre gezwungen wurde, in den Shinto-Schreinen anzubeten. Viele Christen haben unter dieser erzwungen Shinto-Verehrung gelitten. Zum Beispiel 51 Pfarrer im besetzten Korea starben im Gefängnis, nachdem sie diese Verehrung im Shinto-Schrein verweigert hatten. Damals wurde gesagt: „Du kannst in deinem Herzen immer glauben was du magst, aber du musst im Schrein deine Verehrung erweisen.“ Heute geschieht nun etwas sehr Ähnliches in den Schulen von Tōkyō, wo Lehrer und Schüler von der Regierung und den Gerichten gezwungen werden, der Fahne und der Hymne Respekt zu zollen, was ihrem Gewissen grundlegend widerspricht.

 

Verfassung

Article 19:
Freedom of thought and conscience shall not be violated.

Article 20:
Freedom of religion is guaranteed to all.
No religious organization shall receive any privileges from the State, nor exercise any political authority.
2) No person shall be compelled to take part in any religious acts, celebration, rite or practice.
3) The State and its organs shall refrain from religious education or any other religious activity.

 

Buchhinweis

Wichtige Dokumente zu "Brennpunkte in Kirche und Theologie Japans" sind im gleichnamigen Buch zu finden:
- Tennoismus
- Diskriminierung (Buraku)
- Krieg und Frieden
- Yasukuni-Schrein
(hg. von TERAZONO Yoshiki & Heyo E. Hamer, Neukirchener Verlag 1988
ISBN 3-7887-1224-4)

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