ÖRK Vollvers.2013: L. Drescher - Jesus und Minjung

Erklärung zur Mission

Lutz Drescher, EMS Stuttgart, drescher@ems-online.org

Jesus und Minjung – die dreieinige Gottheit und Sangsaeng

Die folgenden vier Kapitel sind keine systematisch theologische Abhandlung darüber, wie „Theologie des Lebens in Korea“ dargestellt wird, sondern der Versuch mitzuteilen, was ich selbst an Entwicklungen in Theologie und Kirche in Korea im Verlauf der letzten 25 Jahre beobachtet habe.. Es ist von daher wie auch die Minjungtheologie selbst ein Stück induktiver Theologie „von unten“.

 

1. Full Gospel Kirche statt Minjunggemeinde
Mehr als sechs Jahre lang von 1987 bis 1995 habe ich in einer Minjunggemeinde in einem damals noch bestehenden Armenviertel, dem „Duezimaul“, dem Schweinedorf in Seoul mitgearbeitet. Als ich dort anfing war die von den Gemeindegliedern selbst aufgebaute winzige Kirche alles: Raum für Hausaufgabenhilfe, für medizinische Betreuung für Lieder und Gebete, für gemeinsame Mahlzeiten – „Gottesdienste mit und ohne Worte“ haben dort stattgefunden, der Sonntagsgottesdienst hat sich fortgesetzt im Gottesdienst des Alltags.
Wir hatten ca. 50 ehrenamtlich Mitarbeitende aus den umliegenden Universitäten, Christen Buddhisten, Humanisten, heimliche – dies offen zu leben war noch immer gefährlich – Sozialisten. Gemeindeglieder hatten wir - zumindest als ich dort begann etwa 25. Die Mehrzahl der schätzungsweise 1000 Christen unter den ca. 5000 Bewohnern dieses Schweindorfes zog es vor, in die einige Kilometer entfernte Full Gospel Church zu gehen.
3.Joh. 2. ist deren Wahlspruch: „Mein Lieber, ich wünsche, dass es dir in allen Dingen gut gehe und du gesund seist, so wie es deiner Seele gut geht.“ Das gute Leben jetzt, für mich und meine Familie – und ein Vorgeschmack davon in den emotional aufgeladenen Gottesdiensten, in denen die Frauen aus unserem Armenviertel weinend und klagend ihr Herz ausschütteten um danach Hallelujah zu singen und erleichtert nach Hause zu gehen. Ich hab sie gut verstanden. Die Gottesdienste in unserer Gemeinde waren eher trocken und manchmal stand der Anspruch stärker im Mittelpunkt als der Zuspruch. 2Auch hier im Kontext der Minjunggemeinden ging es um das gute Leben, aber um ein gutes Leben für alle, das Frucht unseres Einsatzes für Gerechtigkeit ist. Und solcher Einsatz ist gleichbedeutend mit einer Teilhabe am erlösenden Leiden Jesus selbst. Das ist zwar gut biblisch (vgl. Kol.1, 243) war aber manchmal einfach zu viel verlangt. Gewachsen ist die Gemeinde dann doch, aber erst als auch bei uns Treffen in Hauskreisen eingeführt wurden, in denen der Trost des Evangeliums in wechselseitig tröstende Beziehungen übersetzt wurde, in denen gemeinsam geweint und gelacht und vor allem auch gegessen wurde: Gutes Leben!

2. Kreuz ohne Auferstehung - Kreuz und Auferstehung
Enge Beziehungen hatte ich während meiner ganzen Zeit in Korea bis er 1994 starb zu Prof. AHN Byung Mu, der in Heidelberg promoviert hatte und aus den Erfahrungen im Gefängnis in den 70er Jahren heraus als Neutestamentler maßgeblich zur Entstehung und Entwicklung der Minjungtheologie beigetragen hatte.4 Ich denke vieles ist bekannt und einige von uns kennen den von der CCA herausgegebenen Band „Jesus from Galilee“. Ahn’s Theologie wie überhaupt die Minjungtheologie ist im Gefängnis, im Leiden, unter den Bedingungen einer Militärdiktatur entstanden. Und konsequenterweise hat Ahn sich in seinen Forschungen vor allem auf das Markusevangelium bezogen und das hört bekanntlich auf mit dem leeren Grab. Seine Theologie ist eine „befreiende Theologie des Kreuzes“ und in dieser Konzentration auf das Kreuz zutiefst protestantisch. Gott in Jesus, Gott in den Leidenden! Ostern ist allenfalls ein ferner Horizont! Jesu Mitleiden hat Erlösung gebracht und so könnte auch Minjungleiden Befreiung bringen. Und wenn schon Ostern, dann verbunden mit der Erinnerung, dass auch der Auferstanden noch immer die Wundmale des Kreuzes trägt.
Für mich ist Ahns Vermächtnis dies, dass eine Theologie des Lebens, die sich auf Jesus aus Galiläa beruft nicht am Kreuz vorbeikommt und das bedeutet zuallererst, das Leiden von Menschen ernst zu nehmen. Die südamerikanische Option für die Armen wird hier ergänzt durch eine Option für die Leidenden, die in Richtung einer „Diakonia Dei“ noch lange nicht zu Ende gedacht ist.

3. Vom Minjungemeindeverband zur „Saengmyong Sonkyo Yondae“
1985 wurde der Minjunggemeindeverband gegründet, dem Ende der 80er Jahre 88 Gemeinden in Arbeiter- und Armenvierteln und in Bauerndörfern angehörten. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde dieser umbenannt in „Saengmyong Sonkyo Yondae“, was umschrieben werden kann als „Solidarität für eine Mission für das Leben“. Damit einher ging eine theologische Neunbesinnung.
1999 war ich mit einer Gruppe jungen Menschen in Korea unterwegs und erinnere mich gut daran wie, Pfr. NOH Jang-Sik, der uns begleitete, jeden Morgen intensiv meditierte. In einem Gespräch damals hat er sinngemäß gesagt: „Die Missionare haben Gott als Vater verkündet, der über allem steht. Das hat sich verbunden mit dem damals herrschenden Konfuzianismus und den patriarchalischen Verhältnissen in unserer Gesellschaft. Wir in der Minjunggemeindebewegung haben Christus in Galiläa untrennbar verbunden mit den Armen und Marginalisierten entdeckt. Nun ist es an der Zeit, Gott als den heiligen Geist in und zwischen uns zu entdecken und dabei helfen mir meine Meditationen.“ Verstärkt haben damals die Pfarrer in den Gemeinden begonnen, gemeinsame Exerzitien auch mit buddhistischen Mönchen durchzuführen und nach lebensfördernden Elementen in den traditionellen koreanischen Religionen u. a. auch im Schamanismus zu suchen.
Exkurs: So wird z.B. in Predigten oft der ursprünglich Buddhistische Gedanke aufgenommen, dass es notwendig ist sich von „Gier“ zu befreien und das Herz zu leeren. Verbunden wird dies mit dem Gedanken an die Kenosis, die für die Sendung Jesu zentral ist (Phil 2,6) und sich niederschlägt in einer kenotischen Mission, die offen ist für die sich je und je neu offenbarende Fülle Gottes. Ein wichtiges Element im Schamanismus ist die Befreiung von „Han“ (Schmerz, Bitterkeit, Groll, „Weh-mut“), der verwandelt werden soll in Lebensenergie, was wiederum zu einem tieferen Verständnis der Verwandlung von Leiden in Auferstehung eröffnen kann. Nicht zuletzt spielen im Schamanismus taoistische Einflüsse eine Rolle. Überall, auch in Seitentempeln buddhistischer Tempel ist das Bild des Berggeistes, zu sehen, der in einer „traumhaft“ schönen Landschaft auf einem Tiger sitzt. Dahinter steht eine Sehnsucht nach und eine Vision von einer Versöhnung von Mensch und Natur, die sich auch in biblischen Bildern findet.
Ausdruck der „Solidarität für das Leben“ ist eine Entwicklung, dass eine ganze Reihe von Pfarrern aus den Minjunggemeinden gleichsam ausgewandert sind, aus dem engeren kirchlichen Bereich in den der sozialen Arbeit. Der Pfarrer mit dem ich zusammen gearbeitet, OH Young Shik, leitet heute ein Unternehmen, durch das arbeitslose Menschen eine Beschäftigung bekommen. Schon während der 5 Jahre, die wir zusammen in diesem Armenviertel gearbeitet haben, ist mir aufgefallen, dass er sich unter den Armen selbst und unter den vielen zum Teil nicht kirchlichen ehrenamtlichen Mitarbeitenden freier und ungezwungener bewegt, als unter den Angehörigen der christlichen Gemeinde selbst. In diesem Milieu arbeitet er nun und dies ist für ihn Ausdruck seines Glaubens. Ihm geht es zuerst darum, diesen Glauben ohne Wort zu verkündigen. Gemeinsame Mahlzeiten –oder ein Bier am Abend - immer am „Tisch des Herrn“ - bieten jedoch oft Gelegenheit auch über seinen Hintergrund und seinen Glauben zu sprechen. So wird etwas deutlich von der bedingungslosen „Gastfreundschaft“ Gottes. Er verwirklicht weiterhin das, was er einmal in einem Gespräch so ausgedrückt hat: „Gottes Herz schlägt für die Armen“. 5

4. „Sangsaeng“ – der Zusammenhang alles Lebendigen und „Sallim“ der rettende Haushalt Gottes.
Zum Abschluss möchte ich zwei koreanische Begriffe vorstellen, in denen jeweils das Wort „Leben“ vorkommt. Das Fremde, das uns hier begegnet mag erhellend sein.
Ein Kernbegriff der neueren Diskussion in Korea, in der sich auch eine Abkehr von einer anthropozentrischen Theologie – die zu Zeiten in denen Menschen zu Tode gefoltert wurden ihre Berechtigung hatte – ist der Bergriff „Sang-saeng“. Ein so genanntes sinokoreanischen Wort also ein Wort, das chinesische Wurzeln hat und auch mit chinesischen Zeichen geschrieben werden kann. „Sang“ bedeutet „wechselseitig“ und „Saeng“ bedeutet „Leben“. Dieses Wort weißt hin auf den unaufgebbaren inneren Zusammenhang alles Lebendigen. Alles ist mit allem verbunden. CHUNG Mee-Hyun schreibt dazu: „Dieses Konzept beinhaltet Aufeinander- angewiesen-Sein (interrelatedness) und Miteinander-verbunden- Sein (interconnectedness). Es hat mit dem Beziehungsnetzwerk zwischen Menschen, Natur und Dingen und gegenseitiger, lebensorientierter Abhängigkeit und Ausgewogenheit zu tun.“6 Dieses Konzept von „Zusammenleben“ ist hilfreich im Blick auf die von Traumata überschattete Beziehung zwischen Nord- und Südkorea. Aber es bezieht auch die ganze Schöpfung mit ein. Mit jedem Schaden, den wir Lebendigem zufügen, schaden wir uns selbst. Verbunden sind wir mit dem Seufzen der Schöpfung, warten auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes7 und darauf, dass „Gott alles in allem“8 - alles Leben in allem Leben wird.
Anschlussfähig ist dieser Gedanke an eine Theologie, die die Trinität in den Mittelpunkt stellt.
Gott ist „gesellige Gottheit“ (Kurt Marti), ist Beziehung, ist Gemeinschaft, die offen ist für Jede und Jeden und alles, die alles Lebendige liebend umfängt und durchdringt und verwandelt.
Ein zweiter rein koreanischer Begriff ist „Sallim“. „Salm“ ist Leben als Substantiv; „Sallida“ bedeutet „beleben“ aber auch „retten“ und das dazugehörige Substantiv ist „Sallim“. Sallim wird eigentlich oft ganz einfach als „Haushalt“ übersetzt. Aber von seiner Etymologie her wird dieser Haushalt qualifiziert als ein „rettender“, ein „belebender“ Haushalt. Dieser Begriff wirft ein neues Licht auf die Bibelstelle, in der davon die Rede ist, dass wir “Haushalter der mannigfachen Gnade Gottes sind“9. Wir setzen uns ein für gutes Leben für alles was lebt.

Anmerkungen
1 Überarbeiteter Beitrag zu einer Tagung von EMW und Missionsakademie zum Thema „Her mit dem guten Leben – Beiträge zu einer ‚Theologie des Lebens’“ am 15./16.4.2013. in Hamburg.

2 Auch CHUNG Meehyun weist auf diesen Zusammenhang hin und analysiert kritisch die Begrenztheit der Theologie der Pfingstgemeinden auf das individuelle/familiäre Heil. Chung, Meehyun: Reis und Wasser .- eine feministische Theologie in Korea, Berlin 2012, S.81f.

3 „Nun freue ich mich in den Leiden, die ich für euch leide, und erstatte an meinem Fleisch, was an den Leiden Christi noch fehlt, für seinen Leib, das ist die Gemeinde.“

4 Siehe dazu:
Drescher, Lutz: „Gierig auf Jesus“ - Minjungtheologische Meditation“ unter http://www.ems-online.org/uploads/media/Gierig_auf_Jesus.pdf
ders.: „Am Anfang war das Ereignis - Wie in Korea eine protestantische Befreiungstheologie entstand unter http://www.ems-online.org/uploads/media/M01_Wie_in_Korea__Befreiungstheologie_entstand.pdf

5 „Gottes Herz schlägt für die Armen“- Minjunggemeinden heute - Manuskript beim Verfasser erhältlich.

6 Chung, Meehyun: Reis und Wasser .- eine feministische Theologie in Korea, Berlin 2012, S. 166

7 Röm.8,18-14

8 1, Kor 15,28

9 Vgl. 1.Petr 4,10 

 

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