2016: Jürgen Hinzpeter - Würdigung

Jürgen Hinzpeter  -  "Der Held von Kwangju"
Geboren am 6. Juli 1937  -  Verstorben am 25. Januar 2016
Quelle: ARD/NDR

Der Held von Kwanju – Jürgen Hinzpeter gestorben

Jürgen Hinzpeter, früherer Kameramann beim NDR, wird in Südkorea als Held verehrt, seit er 1980 heimlich Filmaufnahmen vom Volksaufstand im südkoreanischen Kwangju machte und außer Landes schmuggelte. Er starb am 25. Januar im Alter von 78 Jahren in Ratzeburg. Der frühere Südostasien-Korrespondent der ARD und ehemalige NDR Redakteur Jürgen Bertram würdigt die Verdienste Jürgen Hinzpeters:


Jürgen Hinzpeter

Im Mai 1980 protestieren in der südkoreanischen Universitätsstadt Kwangju einige tausend Studenten friedlich gegen die Unterdrückung der Menschenrechte durch die Diktatur in Seoul. Es ist der erste Aufstand dieser Art in Asien. Als sich dem Protest die Bürger Kwangjus anschließen, schlägt ihn die Staatsmacht blutig nieder. Mehrere hundert, vor allem junge Menschen verlieren dabei ihr Leben.
Der Oppositionspolitiker Kim Dae-Jung wird als angeblicher Rädelsführer festgenommen und ins Gefängnis geworfen. Im ARD-Studio Tokio, das auch für Südkorea zuständig ist, erkennt der Kameramann Jürgen Hinzpeter die Dramatik und die Dimension des Aufstandes. Er jettet auf eigene Faust zunächst nach Seoul, nimmt sich ein Taxi bis Kwangju, besteigt am Stadtrand einen Lastwagen des Roten Kreuzes, fährt auf dessen Ladefläche in die aufgewühlte Stadt und filmt unter Lebensgefahr minutiös den Aufstand und sein blutiges Ende. Das von ihm gedrehte, hochbrisante Material schmuggelt er in einer Keksdose außer Landes. Das nicht gesendete Material landet im Archivschrank.

Die südkoreanische Stadt Kwanju ernannte Jürgen Hinzpeter zu ihrem Ehrenbürger.

In die Monate Juli und August 1980 fällt der gegen den angeblichen Rädelsführer Kim Dae-Jung angesetzte Prozess. Ich bin zu dieser Zeit als Urlaubsvertretung in Tokio und plane eine Geschichte für den „Weltspiegel“ über das Ereignis. Auf die Frage, ob es noch Material vom Aufstand im Mai gebe, zeigt Jürgen Hinzpeter die Filmrolle mit dem noch unveröffentlichten Material.

Wir sind uns einig: Es handelt sich nicht nur um einen journalistischen Scoup, sondern auch um eine humanitäre Pflicht, der Welt zu zeigen, was im Mai in Kwangju wirklich geschah. Nach anfänglichem Zögern in der Hamburger Zentrale wird der Stoff zu einer Sondersendung verarbeitet und im Programm ein 45-Minuten-Platz freigeschaufelt. Mit Ortskräften vom japanischen Fernsehen wird er innerhalb von zwei Tagen und Nächten gefüllt.

Die im Ersten unter dem Titel „Der kurze Frühling von Kwangju“ gesendete Dokumentation wird von deutschen Oppositions-Sympathisanten über Untergrund-Kanäle nach Südkorea befördert. Dort beflügelt der Film die Demokratie-Bewegung, der er als Beleg dafür dient, dass es sich um einen friedlichen, von der Allgemeinheit getragenen Protest handelte. Die Konsequenz: Die Anklage wird fallen gelassen, der Diktator in Seoul muss zurücktreten und der Kameramann Jürgen Hinzpeter, der das Ereignis als einziger Beobachter der Welt vom Anfang bis zum Ende festhielt, gilt seither in Südkorea als Volksheld.

Hinzpeter wurde mit mehreren wichtigen politischen Preisen ausgezeichnet und in einer TV-Dokumentation gewürdigt. Ein Spielfilm mit ihm als Helden befindet sich in Arbeit. Während der Trauerfeier am 5. Februar in der Kapelle des Ratzeburger Friedhofes, zu der auch eine Abordnung der Stadt Kwanju erschien, wurde eine Rede des dortigen Bürgermeisters verlesen. Jürgen Hinzpeters Witwe wurde eine Urkunde überreicht, die den Verstorbenen zum Ehrenbürger ernennt. In Kwangju liegen an wichtigen Stellen Kondolenz-Listen aus, in die sich bereits Hunderte Menschen eingetragen haben.