In Memoriam: TAKENAKA Masao

In Memoriam

TAKENAKA Masao

9. 6. 1925 - 17. 8. 2006


Stephan Johanus

Christus und die Moderne in Japan

Zur Ehrung und Erinnerung an Prof. Masao Takenaka



Am 17. August 2006 verstarb Professor Masao Takenaka nach kurzer Krankheit im Kyoto University Hospital. Noch im April diesen Jahres hatte ich Prof. Takenaka in Kyoto besucht, trank in seinem Hause eine Tasse Tee, genoss seinen selbstgebackenen Kuchen, und wir unterhielten uns über sein Lebenswerk, das Christentum in Japan und theologische Grundfragen der Mission.

Seine Frau Yuriko schrieb mir kurz nach seinem Tod einen lieben Brief. Sie war bis zu seinen letzten Atemzügen an seinem Krankenbett bei ihm gewesen. Sie schrieb: „I felt the big brilliant star go down beyond the beautiful northern mountains in Kyoto.“i) Yuriko sprach damit aus, was viele dachten und fühlten, die Prof. Takenaka kannten. Die Gemeinden in Kyoto, die Kirchen in Japan und die ökumenische Bewegung insgesamt verlor an diesem Tag einen großen Theologen, ein Freund von Mission und Ökumene und einen Vorreiter für eine Erneuerung der Kirche weltweit.

TAKENAKA Masao

Masao Takenaka war ein brillianter Theologe. Er ist in einer Reihe zu nennen mit den ganz großen Männern Japans: Kazoh Kitamori („Theologie des Schmerzes Gottes“), Kozuke Koyama („Das Kreuz hat keinen Handgriff“) oder Katsumi Takizawa („Das Heil im Heute“) ii).

Masao Takenaka war 1925 in Beijing in China geboren, während sein Vater dort für die „South Manchurian Railroad Company“ tätig war. 1935 kehrte seine Familie nach Japan zurück. Er wuchs in einem buddhistischen Umfeld auf und seine Mutter nahm als erste das Christentum an. Sie wurde ehrenamtliche Lehrerin an einer Sonntagsschule, um auch ihren Sohn Masao zum Glauben an Christus zu führen.

Nach seiner Schulzeit wollte Masao zuerst Wirtschaft studieren und besuchte 1944 die Kyoto-Universität. Kurz darauf wurde er eingezogen und auf die nördlichste Insel Hokkaido geschickt, um an militärischen Übungen teilzunehmen. In dieser Zeit lernte er, als Sohn einer bürgerlichen Familie, zum ersten mal „einfache“ Leute kennen, Mienenarbeiter und Bauern. Er begann über das soziale Leben in Japan nachzudenken.

1948 beendete er sein Studium der Wirtschaft und wandte sich der Theologie zu, zuerst an der Doshisha-Universität in Kyoto und später an der Yale Divinity-School in den USA. Dort schloss er sein Studium mit einer Promotion über das Verhältnis des Protestantismus und sozialen Fragen in Japan ab. Sein stärkster Einfluss war in dieser Zeit der Theologe Richard Niebuhr, und dessen Werk „Christ and Culture“ iii). Noch in seinem Spätwerk „When the Bamboo bends“ iv)(2002) nennt er Richard Niebuhr liebevoll seinen „Guru“. Das Werk „Christ and Culture“ wird in seinen Büchern oft zitiert. Andere theologische Vorbilder waren Dietrich Bonhoeffer, D.T. Niles, Paul Tillich und Vissert Hooft.

1960 traf Takenaka in Genf auch mit Karl Barth zusammen, der ihn beeindruckte. Vor allem, weil er von einem Dogmatiker eine ganz andere „steife“ Persönlichkeit vermutete, die Barth realiter nicht besaß.

Kurashiki-Shi

Nach Japan zurückgekehrt war Masao Takenaka zuerst ehrenamtlicher Führer (leader) in der Industriearbeit des Kyodan, der United Church of Christ in Japan. Sein Vikariat absolvierte er in Kurashiki, einer wunderschönen, alten Stadt in Japan, die es an Charme mit der alten Kaiserstadt Kyoto durchaus aufnehmen kann. Später wurde Rev. Takenaka an die Doshisha-Universität (Kyoto) berufen, an der er bis zu seiner Emeritierung Religionssoziologie und Ethik unterrichtete. 1978 half er mit die „Asian Christian Art Association“ zu gründen. All seine Aktivitäten und Verdienste in der ökumenischen Bewegung, der Industrie- und Sozialarbeit in Japan und der Arbeit mit christlich-asiatischen Künstlern in Asien aufzuzählen, würde den Rahmen hier sprengen. Allein sein über 40 Jahre langes Engagement in der Ausbildung von Gewerkschaftern am „Kansai-Seminary House“ in Kyoto, sei hier noch genannt. Denn er selbst bezeichnete sich gern und nicht ohne Stolz als „father of the Japanese Christian Union Leaders“.

Was waren aber seine theologischen Grundgedanken? Takenaka trat zeit seines Lebens für eine Humanisierung des Arbeitslebens in Japan ein. Sein christlicher Glaube stellte ihn an die Seite derer, die in ihren sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen gefangen schienen. Als Soziologe und Missionstheologe analysierte er die Schichtenspezifische und kulturelle Gefangenschaft“ seiner eigenen Kirche.

Das Christentum in Japan hatte sich hauptsächlich in den Städten, dort um die Bildungsinstitutionen des Landes in einer Mittelschicht gebildet. Wollte sie andere Menschen erreichen, wollte sie wachsen durch ihr missionarisches Zeugnis, musste sie sich selbst transzendieren, ihre Verkündigungsformen auf andere gesellschaftliche Schichten

WATANABE Sadao
Jesus und die Kinder, 1971

einstellen, und sich dem Dialog mit einer multireligiösen Gesellschaft stellen. 1965 entwarf er in einem Aufsatz eine Vision, eine Identität für die Kirche in Japan als Minderheitenkirche unter dem biblischen Stichwort (Offb.14,4) der „First Fruits of a new Humanity“ („Die Erstlinge einer neuen Humanität“)v). Ähnlich wie in dem jüngst in Deutschland von der EKD entworfenen Papier „Kirche der Freiheit“vi) , sollte diese Vision Identität schaffen und Zukunft eröffnen. „Die ersten Früchte“ waren für Masao Takenaka zuerst die asiatisch, christlichen Künstler. Sie waren Menschen, von einer tiefen persönlichen Christuserfahrung angerührt, die ihrem Glauben authentisch asiatische Ausdrucksformen gaben. Damit sprengten sie die eigenen, selbstgeschaffenen Grenzen, und sprachen besonders die „einfachen“ Leute an. Auch konnte man gegenüber dem Werk eines Sadao Watanabe vii) nicht mehr behaupten, dass das Christentum eine ausländische Religion sei. Sie hatte sich bei ihm in den japanischen Mutterboden inkulturiert und sprach den ganzen Menschen an, mit seiner Liebe zu Japan, seinen Alltagserfahrungen, seinem Leiden und seiner Hoffnung. Die Künstler lebten ihr Christsein im japanischen Kontext. Sie liebten Japan, ihre Kultur und Christus, ohne sich einem übersteigerten Nationalismus zu ergeben. Das zweifache J, Japan und Jesus, von Toyohiko Kagawa geprägt, wie sein Engagement für die sozialen Fragen, waren der Grundtenor von Takenakas Theologie. Dabei war er, wie kaum ein anderer Theologe, der ökumenischen Begegnung und Bewegung gleichermaßen verpflichtet.

 

Hauptwerke von Masao Takenaka:

Reconciliation and Renewal in Japan (1957)
Christian Art in Asia (1975)
Christian Culture in Kurashiki (1979)
Biblical Prints of Sadao Watanabe (1986)
God is Rice (1988)
Consider the Flowers (1990)
The Bible through Asian Eyes (1991)
The Place where God dwells (1995)
When the Bamboo bends (2002).

 

Anmerkungen:

i: Übersetzung: „Ich fühlte, dass ein brillianter Stern hinter den wunderschönen nördlichen Bergen von Kyoto unterging.“
ii:

Kazoh Kitamori, Theologie des Schmerzes Gottes (Theologie der Ökumene Bd. 11), Göttingen 1972; Kozuke Koyama, Das Kreuz hat keinen Handgriff (Theologie der Ökumene Bd. 16), Göttingen 1978; Katsumi Takizawa, Das Heil im Heute (Theologie der Ökumene Bd. 21), Göttingen 1987.
iii: Richard Niebuhr, Christ and Culture, San Francisco 32001.
iv: Masao Takenaka, When the Bamboo bends, Genf 2002, 19.
v: Der vollständige Titel lautet: A New Doxology of the Community of the First Fruits Christ and Culture in Japan, in: Masahi Takashi (Hg.), Studies in the Christian Religion (Vol. XXXIV, No.4), Kyoto 1966.
vi: Rat der EKD Perspektivkommission (Hg.), Kirche der Freiheit Perspektiven für die Evangelische Kirche im 21. Jahrhundert, Hannover 2006.
vii: Siehe: Masao Takenaka/Sadao Watanabe (Hg.), Biblical Prints by Sadao Watanabe, Tokyo 1986.

Geschichte der DOAM

4. Juni 1884 Gründung des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins AEPM

1929 Umbenennung in Ostasienmission

Der AEPM benannte sich 1929 offiziell in "Ostasienmission" oder OAM um. Der Titel hatte schon seit 1921 als Untertitel Verwendung gefunden. Das sollte aber nicht bedeuten, dass der Verein für alle Zeiten sich auf Mission in Ostasien beschränken wollte... Im Jahresbericht von 1911 schreibt Missionar Emil Schroeder zu Kirche und Mission: "Nur die Kirche ist stark, die Mission treibt. Nur dort ist sie wirksam als Macht, wo sie Mission treibt."

1945 Trennung des schweizerischen Zweiges und Gründung der Schweizerischen Ostasien-Mission (SOAM)

1952 Gründung der Deutschen Ostasienmission (DOAM)

1972 Gründung des Evang. Missionswerkes in Südwestdeutschland EMS

1973 Gründung des Berliner Missionswerks BMW

1992 Vereinigung von OAM (im Bereich der ehemaligen DDR) und DOAM (im Bereich der ehemaligen BRD) zur Deutschen Ostasienmission DOAM.

2002 Vereinbarung zu enger Zusammenarbeit von SOAM und DOAM

2007/2008 Satzungsänderung

2009 Neugründung der Stiftung "Christian East Asia Mission" in Kyoto, Japan