Sprache ist ein Tor zum Menschen

Sprache ist ein Tor zum Menschen
Interreligiöser Dialog und missionarisch-dialogisches Zeugnis

„Sprache ist ein Tor zum Menschen“, diese wunderbare Einsicht lässt sich aus der Beschäftigung mit chinesischen Zeichen gewinnen. Dialog eröffnet Zugang, Mission ist ein Kommunikationsgeschehen. Aber wie gelingt Kommunikation?“ Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem interreligiösen Dialog und dem dialogisch missionarischen Zeugnis?“

All diese Fragen stehen schon im Flyer für diese Tagung formuliert. Es sind Fragen – das ist gut sich bewusst zu machen -, die nicht durch eine Tagung beantwortet werden, sondern sie stellen sich immer wieder und immer wieder neu. Es sind existentielle Fragen, denn sie berühren den Kern unseres christlichen Glaubens, der dann lebendig bleibt, wenn wir darum ringen, ihn glaubwürdig zu bezeugen. 

Kontrovers diskutiert wird die Frage, wie sich der interreligiöse Dialog zum dialogisch – missionarischen Zeugnis verhält. Auch wenn immer noch einige meinen, dass beides einander ausschließe, so gelangen doch immer mehr Menschen zu der Überzeugung, dass beides Hand in Hand gehe, denn auch das missionarische Zeugnis kommt nur dann zu seinem Ziel, wenn es im Dialog geschieht. Oder noch pointierter ausgedrückt: Nur der Dialog ist dem christlichen Glauben angemessen, denn dieser Glaube selbst ist von seinem Wesen her dialogisch. Es geht in ihm um Gottes Wort, um seinen Zuspruch und Anspruch der uns in Jesus Christus begegnet und es geht um des Menschen Antwort. Gott ist im Gespräch mit uns Menschen und es geht weniger um das, was wir zu sagen haben, als vielmehr darum, dass wir einbezogen sind in dieses Gespräch.

Dies versuche ich im Folgenden zu entfalten:
Sprache ist ein Tor zum Menschen — Dazu ein Beispiel: Chinesische Zeichen und wunderbare biblische Anregungen
„Von Gott“ und nicht „über Gott“ sprechen
Bereicherung durch den Glauben der anderen.
„Rechenschaft geben von der Hoffnung, die in uns ist“
- Missionarisch-dialogisches Zeugnis
Ein ungeschriebenes Kapitel: Ihr seid ein Brief Christi – die Botschaft verkörpern (2.Kor 3,3) ?!

1. Sprache ist ein Tor zum Menschen

Dazu ein Beispiel: Chinesische Zeichen und wunderbare biblische Anregungen.

1.1. Ein Beispiel

Es gibt, das ist vielleicht wichtig gleich am Anfang klar zu stellen, keinen Dialog der Religionen, sondern es sind immer Menschen, die im Gespräch, manchmal auch im Disput oder im Streit miteinander sind. Beim interreligiösen Dialog ist ein Kennzeichen, dass die Beteiligten unterschiedlichen Religionen angehören.

Sprache ist ein Tor zum Menschen. Sehr eindrücklich habe ich dies bei einer Begegnung einer Schamanin mit zwei Pfarrersehepaaren erlebt. Der Sinn dieser Begegnung war es nicht, sich über Glaubensätze auszutauschen, sondern einfach miteinander ins Gespräch zu kommen, einander von den eigenen religiösen Erfahrungen zu erzählen und einander zu befragen hinsichtlich des Sinnes, des „Eigensinns“ den Religion jeweils für den andern macht. „Wenn ich bei einem „Kut“ (einer schamanistischen religiösen Zeremonie) beteiligt bin, dann spüre ich, wie die Kraft Gottes mich durchdringt“ so erzählt die Schamanin. Woraufhin sich ein lebhaftes Gespräch darüber entwickelt, wie christliche Gottesdienste erlebt werden. „Manchmal ist es so, dass mich ein Bibelwort oder ein Lied so anspricht, dass mir ganz warm ums Herz wird“, so erzählt ein Teilnehmer und eine andere berichtet von ihren Erfahrungen beim Beten. Es wird festgestellt, dass es durchaus Ähnlichkeiten gibt im religiösen Erleben, aber es wird auch das angesprochen, was ganz fremd ist. So erzählt die Schamanin davon, dass sie die Götter und Geister manchmal als sehr herausfordernd, ja als bedrohlich erlebt. Woraufhin einer der Pfarrer nachdenklich bemerkt: „Durch Christus erfahre ich die Liebe Gottes, aber es kann schon sein, dass wir uns eine Bild von Gott als dem „lieben Gott“ machen, das ihn als zu harmlos zeichnet“.

Es ist ein lebendiges Gespräch, das sich hier entwickelt. Es geht nicht um Dogmen, sondern Menschen, sind füreinander aufgeschlossen (hier haben wir schon das Bild des Tors), lassen einander teilhaben, an dem, was sie bewegt, bemühen sich einander von „innen“ her zu verstehen. Sie sprechen nicht (nur) von dem, was sie gelesen und gedacht haben, sondern sie sprechen von dem, was sie erfahren haben. Sie sagen einander nicht nur, was sie im Kopf haben, sondern auch, was sie auf dem Herzen haben. Vielleicht liegt darin das Geheimnis des glückenden Dialogs verborgen, dass Menschen einander sagen, was sie auf dem Herzen haben.

Dazu eine erste wunderbare biblische Anregung: 1.Joh, 1,1-4
1 Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir gesehen haben mit unsern Augen, was wir betrachtet haben und unsre Hände betastet haben, vom Wort des Lebens -
2 und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugen und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist -,
3 was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir auch euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.
4 Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.

1.2. Chinesische Zeichen.

Wie die meisten von Ihnen wissen sind etwa 1/6 der chinesischen Zeichen Bilder, es ist eine Bildersprache und für mich ist es bis heute faszinierend ihnen nachzusinnen.
Torst2011_chin01_745

Mundst2011_chin02_740

Ohrst2011_chin03_777

Hörenst2011_chin04_680

Fragenst2011_chin05_680

Eines ist ganz besonders bedenkenswert an diesen Zeichen. Dass jemand, der zuhört, sich seinem Gegenüber öffnet, das leuchtet uns unmittelbar ein. Im Hören nehme ich die Worte und Gedanken eines anderen gleichsam in mich auf. Im Deutschen gibt es einen sehr „sprechenden“ Ausdruck für diesen Sachverhalt. Von einem Menschen, der intensiv und ganz geöffnet zuhört, sagen wir, er sei „ganz Ohr“. Was jedoch hier darüber hinaus gesagt wird ist dies: Auch der Fragende, indem er fragt, öffnet sich dem anderen. Es gibt eine Kunst der Frage in der der Fragende sein Interesse bekundet und dabei auch etwas von sich selbst sagt.

In solchem Gespräch miteinander öffnen Menschen gleichsam ihre inneren Türen, geben einander Zugang, laden ein sich umzusehen. Das Ergebnis solchen Dialogs ist, dass Menschen sich „von innen her“ und nicht nur „oberflächlich“ verstehen.

Auch noch einige andere Assoziationen zu dieser offenen Tür kommen mir in den Sinn:
Einladend sein, – bevor wir missionarische Kirche werden können, sollten wir uns darum bemühen wirklich „einladende“ Kirche zu sein, die meisten Gemeinden sind „closed circles“ nach dem Motto „gleich und gleich gesellt sich gern“
„Aufgeschlossen“ sein für den anderen, meine Tür klemmt manchmal.
„Entschlossen“ sein. Auch das ist notwendig für den Dialog: David Bosch spricht von der „bold humility“. Ich sage was ich sagen kann und weiß zugleich, dass alles von Gott selbst abhängt.

Was bedeutet dies nun für den interreligiösen Dialog? Es gilt, eine Kultur des Dialogs in wechselseitiger Offenheit weiter zu entwickeln. Dabei geht es nicht nur darum, Informationen über die fremde Religion zu erhalten, sondern mehr noch, den anders glaubenden Menschen zu verstehen. Es ist nicht hilfreich, sich im Dialog gleichsam hinter Fragen zu verbarrikadieren, weiterführend ist es vielmehr, wenn der Fragende transparent macht, weshalb er diese Fragen stellt. Vielleicht ist es sogar so, dass erst die Offenheit des Fragenden die Offenheit des Hörenden und seine „Antwort“ ermöglicht. Weiter noch: Es gibt eine Kunst des Fragens, die „einladend“ ist. Und an dieser Stelle werden diese Einsichten auch wichtig im Blick auf das dialogisch missionarische Zeugnis. Es gibt eine Kunst des Fragens, durch die der andere Zugang zum Fragenden gewinnt und beginnt ihn zu verstehen. Wir als Christinnen und Christen sind dazu eingeladen, im Dialog, hörend und fragend unsere Türen zu öffnen. Wir tun dies in der Hoffnung, dass Gott selbst, nach dem Motto „Gott ist da wo man ihn einlässt“ in diesem offenen Raum gegenwärtig ist, wir tun dies in der Hoffnung, dass er selbst zwischen uns, in diesem Sprachgeschehen Zugang zu uns und dem anderen findet. Wir tun dies in der Hoffnung, dass Gott selbst zu Wort kommt.

Eine zweite wunderbare biblische Anregung:

Auch in einem biblischen Text ist im Zusammenhang mit dem Zeugnis von einer „Tür“ die Rede, Bibelfeste sind gefragt. Kol. 4,3 – 8
3 Betet zugleich auch für uns, dass Gott uns eine Tür für das Wort auftue und wir das Geheimnis Christi sagen können, um dessentwillen ich auch in Fesseln bin,
4 damit ich es offenbar mache, wie ich es sagen muss.
5 Verhaltet euch weise gegenüber denen, die draußen sind, und kauft die Zeit aus.
6 Eure Rede sei allezeit freundlich und mit Salz gewürzt, dass ihr wisst, wie ihr einem jeden antworten sollt.

Vers 3. war Losung an meinem letzten Tag in Korea und ich weiß, dass einige koreanische Freundinnen bis heute für mich beten, dass Gott eine Tür für das Wort auftue damit wir das Geheimnis Christi sagen können. Bei fast jeder Predigtvorbereitung fällt mir das ein.

2. „Von Gott“ und nicht „über Gott“ sprechen

Klingt beim ersten Lesen seltsam: „Von Gott“ und nicht „über Gott“ sprechen.
Es ist kein Zufall, dass die Bitte in dem Kolosserbrief lautet „das Geheimnis Christi sagen zu können“ und das heißt auch es zu wahren, es aufleuchten zu lassen. Es gibt leider eine Banalisierung Gottes, die oft mit einer objektivierenden Sprache einhergeht. Es ist nicht möglich „Christus zu den Heiden zu bringen“ als wäre das göttliche Geheimnis, das in ihm aufleuchtet etwas, das man in seinem Umzugsgut mitnehmen kann, sondern es ist allenfalls möglich ihn, der uns immer vorausgeht, immer schon da ist, bleibende Gegenwart, im Gespräch mit den Menschen, gemeinsam zu entdecken.

„Das Geheimnis Christi“ – „Einen Gott, den es gibt, gibt es nicht“, dies ist einer der Grundsätze der Theologie. „Deus semper major – Gott ist immer größer“, größer als alles was wir von im wissen. Gott kann niemals zum Objekt unserer Rede gemacht werden, wir können nicht verantwortlich über Gott reden, so die negative Theologie, die davon ausgeht, dass wir immer nur sagen können was Gott nicht ist. … (und in Konsequenz dessen sind auch diese Sätze nichtig.)

Aber gibt es nicht etwas anderes, dass wir “von Gott“ reden und gleichsam Gott mitschwingt in dem was wir sagen. Gibt es nicht eine neue Sprache „belebend, ursprünglich und befreiend“ wie die Worte Jesu, so ähnlich hat Bonhoeffer geträumt. „So viel Gott strömt über“ – so Else Lasker – Schüler in einem ihrer Gedichte und es ist etwas zu ahnen davon, dass Gott sprudelnde Lebendigkeit ist.

Neben der Theologie braucht es die Theopoesie – so Dorothee Sölle. Wir brauchen Bilder. Wenn ich versuche Bilder, die Bilder, die die Mystikerinnen des 13. und 14. Jahrhunderts aus den damaligen Minnegesängen übernommen haben in die heutige Sprache zu übersetzen, dann klingt das vielleicht so: „Gott ist zuvorkommend, wie ein Liebhaber “ – „Er ist attraktive wie eine wunderbare Geliebte“ Ich spreche bewusst in Bildern von beiden Geschlechtern, denn Gott ist nicht Mann oder Frau! Wir brauchen Bilder und zugleich müssen wir wissen und sagen „Gott ist anders als wir denken“ – so Kurt Marti. Er spricht übrigens vom Heiligen Geist als der „geselligen Gottheit“.

„Soro Donghada“ so sagen die Koreanerinnen, wenn man sich von Innen her versteht. Gott versteht uns von Innen und sein Geist ist es, der Kommunikation ermöglicht und den Weg zur „Kommunion“ im tieferen Sinne, zur Teilhabe an, zur Einheit mit Gott eröffnet. … So die Mystiker aller Zeiten, die alle darunter gelitten haben, dass das Eigentliche nicht mehr in Worte zu fassen ist. Es gibt einen tiefen Zusammenhang zwischen Mystik, Mission und Mysterium. Für mich besteht er in dem Geheimnis, dass die Fülle Gottes offenbar geworden ist in Jesus Christus, dass sich in ihm Himmel und Erde verbunden haben, in ihm Gott und Mensch eins geworden sind. So ist er für mich Weg, Wahrheit und Leben.

„Von Gott“ und nicht „über Gott“ sprechen – ich versuche dem noch ein wenig nachzusinnen. Ich spreche gerne von „Nachsinnen“ es steckt das Wort „Sinn“ darin, und es ist angedeutet dass es um etwas tieferes geht als um das Nachdenken des Verstandes. Kopf und Herz und Seele sind beteiligt. Ziel ist Erkenntnis und aus der jüdischen Tradition wissen wir, dass „erkennen“ und „lieben“ (Abraham erkannte Sarah) in einem unauflöslichen Zusammenhang stehen – zumindest da, wo es um Erkenntnis Gottes geht. Vielleicht hat Barth deshalb am Ende seines Lebens gesagt „Theologie kann man nur betend studieren“. Eine Predigt oder eine Bibelarbeit kann man auch nur betend vorbereiten – was nicht heißt, dass man dazu keine Kommentare oder Predigthilfen benützen sollte – aber ich wage zu behaupten, dass die Zuhörer es spüren, ob da einer etwas sagt, was er gelesen hat oder etwas, das durch ihn hindurchgegangen ist.

„Von Gott sprechen….“ D.h. aus der Kommunikation mit ihm heraus ihn kommunizieren in der Hoffnung, dass er selbst zu Wort kommt. Die Alten haben dafür das Wort „in der Kraft des Geistes“ benutzt. Und das ist das Fazit dieses Abschnitts, dass sowohl gelingendes missionarisches Zeugnis wie auch gelingender Dialog mit Menschen anderen Glaubens auf die Gegenwart Gottes in seinem Geist angewiesen ist. Dies aber ist menschlich nicht machbar, es kann nur erbeten werden, wir können dafür allenfalls Raum schaffen und Türen öffnen.

3. Bereicherung durch den Glauben der anderen.

„Der religiöse Mensch der Zukunft wird ein interreligiöser Mensch sein, tief verwurzelt in der Kernerfahrung des eigenen Glaubens, streckt er sich aus zu anderen Religionen, um von ihnen befruchtet zu werden“ so schreibt der Inder Sebastian Painadath in seinem Buch „Der Geist reist Mauern nieder – Die Erneuerung unseres Glaubens durch interreligiösen Dialog“. (Kösel, Müchen 2002).

Zwei Dimensionen werden hier angesprochen, zum einen die „Kernerfahrung des eigenen Glaubens“ und zum anderen das „Befruchtet-Werden durch die Begegnung mit Menschen, die anders glauben“. Was ist die „Kernerfahrung des eigenen Glaubens“ – eine Frage, die ich gerne auch an die Leserin, den Leser weitergebe? Was ist es, das Sie unbedingt angeht? Was ist der Grund, auf dem Sie stehen? Was gibt Ihrem Leben Sinn? Was gibt Halt auch angesichts der Abgründigkeit und Endlichkeit menschlicher Existenz? Diese Fragen machen deutlich, dass es bei der „Kernerfahrung des Glaubens“, nicht um das dogmatisch Richtige, sondern um das existentiell Wahre geht. Aus welchem Grund bin ich Christ, gründe ich mich in Christus, berufe ich mich auf ihn, finde ich mich in ihm wieder?

Es gehört zu den herausfordernden und beglückenden Erfahrungen im interreligiösen Dialog, dass er uns gleichsam dazu zwingt, Antworten auf diese Fragen (neu) zu suchen. Auch wenn es dann schwer fällt, das immer wieder neu und auch anders Entdeckte in Worte zu kleiden und die Antworten manchmal auch fast banal erscheinen, so trägt zur Klärung bei, es zumindest zu versuchen. Ich will in aller Vorläufigkeit meine eigenen Antwortversuche nicht verschweigen: Gott begegnet mir in Christus als derjenige, der auf der Suche nach uns Menschen ist und es gibt keinen Ort zwischen Himmel und Hölle, an dem er uns nicht finden könnte. Was ich dazu beitragen kann ist ganz einfach die Bereitschaft, mich finden zu lassen. Das Gott mich sucht und findet, dafür gibt es ein altes Wort und das heißt Gnade. Gott wurde in Christus Mensch und hat sich so auf die ganze Wirklichkeit und Endlichkeit menschlicher Existenz eingelassen. Nichts Menschliches ist ihm fremd. Christus ist derjenige, der mich auch dann noch versteht, wenn ich mir selbst zum Rätsel werde. Und last not least gibt es das Geheimnis seines Todes und seiner Auferstehung und die Hoffnung, dass die Beziehung, die er zu mir geknüpft hat und zu der ich immer und immer wieder „Ja“ sage, tragen wird auch in der Stunde des Todes und darüber hinaus. Durch Christus und in Christus habe ich Teil an der Wirklichkeit Gottes und bin zugleich verbunden mit allem Lebendigen….. Kernerfahrungen eigenen Glaubens, die in unterschiedlichen Lebenssituationen immer wieder neu und immer wieder anders gemacht werden können und die immer wieder neu auch nach sprachlichem Ausdruck drängen, die immer wieder neu durchbuchstabiert werden müssen.

Seit einigen Jahren eröffnen wir im Rahmen der beiden Programme „Studium in mittleren Osten“ (SIMO) und „Studium in Ostasien“ jungen Menschen die Möglichkeit, ganz bewusst im Gespräch mit ihren Vertretern andere Religionen kennen zu lernen. Übereinstimmend berichten sie davon, dass die Begegnungen mit Menschen, die anders glauben, Anlass waren, sich vertieft des eigenen christlichen Glaubens bewusst zu werden.

Die beiden Studienprogramm sind so angelegt, dass selbstverständlich Kenntnisse über die anderen Religionen vermittelt werden. Es ist wichtig ihre Lehren, ihre Rituale, ihre Geschichte und ihre gesellschaftliche Bedeutung kennen zu lernen. Dabei wird übrigens deutlich, und das ist eine ganz wesentliche Erkenntnis, dass jede Religion in sich ein Hochdifferenziertes Gebilde ist. Es gibt nicht d e n Islam oder d e n Buddhismus, ebenso wenig wie es d a s Christentum gibt, sondern es gibt in jeder dieser Religionen zahlreiche Richtungen und Ausprägungen. Und es gibt in jeder Religion Menschen, die bereit sind für den interreligiösen Dialog. Und darin liegt die große Chance dieser Programme: Es wird nicht nur ü b e r die fremde Religion gesprochen, sondern es gibt zahlreiche Gelegenheiten, direkt m i t Vertreterinnen und Vertretern dieser Religionen ins Gespräch zu kommen und an ihren Ritualen beobachtend teilzunehmen. In solchen Begegnungen kann dann die Frage gestellt werden, nach der „Kernerfahrung“ des anderen und ansatzweise begriffen werden, welchen „Eigensinn“ seine Religion für diesen Menschen macht. Solche Begegnungen können “fruchtbar“ werden. Zurückgekehrt berichten die jungen Menschen dann, wie sehr sie die Hingabe angesprochen hat, die ihnen bei muslimischen Gläubigen begegnet ist. Oder sie entdecken für sich, dass es hilfreich sein kann, schweigend zu beten, erfüllt mit einer großen Sehnsucht nach dem Absoluten, wie es buddhistische Mönche in ihren Meditationen praktizieren. Und immer wieder ereignet es sich, dass in solchen Begegnungen der eigene Glaube neu, tiefer und „wirklicher“ wird.

4. „Rechenschaft geben von der Hoffnung, die in uns ist“
Missionarisch-dialogisches Zeugnis

Neu sprachfähig werden im Glauben, in der Lage sein „Rechenschaft zu geben von der Hoffnung, die in einem ist“(1. Petr. 3,15) – Thema des Fokus des EMS von 2009 – 2013 – das ist oft die Frucht einer Begegnung mit Menschen anderen Glaubens. Ich selbst bin mir meiner christlichen Wurzeln neu bewusst geworden, als ich mich in jungen Jahren ganz existentiell auf Buddhismus und Hinduismus eingelassen habe. „Lebenswege – Glaubensgeschichten… das wäre ein Tagung füllendes Programm und in der Tat haben wir dazu schon einmal eine ganz lebendige Tagung gemacht, in der ChristInnen aus Korea, China Japan genau unter dieser Überschrift Zeugnis gegeben haben.

Zeugen sind Menschen – und da können wir etwas von den Juristen lernen – die etwas gesehen haben, Augenzeugen werden sie dann genannt. Zeugen sind Menschen die etwas erfahren und etwas begriffen haben… anders noch die „ergriffen sind“.

Es ist etwas Wunderbares, Zeuge zu sein. Warum frage ich mich deshalb überlassen wir den Begriff „Zeugnis ablegen“ so ganz den evangelikalen und charismatischen Richtungen des christlichen Glaubens. Haben wir keine Geschichten zu erzählen von Augenblicken, in denen „wir sehend geworden sind“ – ich erinnere an die Bibelarbeit von CHUNG Mee Hyun. Haben wir keine Geschichten zu erzählen von Begegnungen mit Christen anderswo oder mit Menschern anderen Glaubens, in den etwas aufgeleuchtet ist von der Schönheit unseres christlichen Glaubens und vom „Geheimnis Christi“. Und weiter noch: haben wir keine kritischen Fragen zu stellen, die Ausdruck dessen sind, dass wir in unserer Bibel an zentraler Stelle auch eine prophetische Tradition haben. Ich komme nicht umhin als Beispiel eine Frage zu stellen, die mich einfach umtreibt: „Warum haben wir Milliarden für einen „Eurorettungsfond“ und einen „Bankenrettungsfond“ und – um Gottes willen – so wenig für einen „Menschenrettungsfond“? Vielleicht besteht christliches Zeugnis manchmal auch einfach darin, die richtigen Fragen zu stellen …

Ich lass es dabei bewenden: Mission ist Bewegung, und ich bin gespannt wie und wohin uns der Geist Gottes bewegen wird…

Ein weiteres ungeschriebenes Kapitel dieser Anmerkungen erst angedacht und einladend zum Weiterdenken könnte lauten:

5. Ein ungeschriebenes Kapitel:
Ihr seid ein Brief Christi – die Botschaft verkörpern?!

Vom Brief Christi ist im 2, Korintherbrief (2..Kor. 3, 1-3). Ein Fragezeichen steht am Ende dieser Überschrift weil ich mich frage: Bin ich ein Brief Christi? Und ein Ausrufezeichen steht dort, weil ich das will!

Paulus schreibt:
2 Ihr seid unser Brief, in unser Herz geschrieben, erkannt und gelesen von allen Menschen!
3 Ist doch offenbar geworden, dass ihr ein Brief Christi seid, durch unsern Dienst zubereitet, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln, nämlich eure Herzen.

Fast immer, wenn ich mich tiefer auf einen Menschen einlasse, mehr erfahre aus ihrem oder seinem Leben, dann denke ich, dass man über dieses einmalige Leben ein ganzes Buch schreiben könnte.

Und nicht weniger gilt, dass man im Leben anderer, wenn man genau hinsieht Spuren Gottes erkennen. Die anderen werden zu einem Brief Christi und manchmal sogar die Menschen, die einen anderen Glauben haben als ich selbst

Lutz Drescher ist Referent für Ostasien und Indien im Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland, Stuttgart. drescher@ems-online.org

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