Dt.-Jap. Kirchenkonsultation 2013 - Migration/D

Dt.-Jap. Kirchenkonsultation 2013 in Hamburg
12. - 15. Februar 2013
Evang. Missionsakademie Hamburg 


6. Deutsch-Japanische Kirchenkonsultation

„Migration als Herausforderung für die Kirchen in Deutschland“

 

Pastorin Martina Severin-Kaiser
Ökumenebeauftragte
Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland


Migration – der demografische Wandel

In Deutschland wird viel vom demografischen Wandel gesprochen. Allerdings wird dies bis heute allzu oft allein auf die Überalterung der Gesellschaft bezogen, in der die Zahl der Sterbefälle die der Geburten seit langem schon übersteigt. Dabei ist noch nicht so sehr ins Bewusstsein gerückt, dass die andere gravierende Veränderung durch Zuwanderung und Flucht von Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt nach Deutschland entsteht. Dadurch entsteht bei uns eine neue Situation, die wir in dieser Form noch nicht kennen.
Anders als beispielsweise England oder Frankreich gibt es in Deutschland keine lange Erfahrung des multikulturellen Zusammenlebens. Als vor 50 Jahren die ersten Arbeitsmigranten aus Südeuropa angeworben wurden, ging man davon aus, dass diese Menschen nur für einige Jahre in Deutschland leben werden. Sie wurden Gastarbeiter genannt – Gäste, die eben auf Zeit bei uns sind. Diese Gruppe von Menschen stellte eine Herausforderung für unsere Diakonischen Werke dar, insofern sie Beratung brauchten über die Rechte, z.B. ihre Familien nachzuholen, einen Deutschkurs besuchen zu können und etliche Dinge mehr.

Heute sehen wir, dass ein großer Teil dieser Gäste geblieben ist und zu ihnen in den vergangenen Jahren noch weitere Migrantinnen und Migranten hinzugekommen sind. Als Beispiel nenne ich hier Menschen aus Westafrika, die nach Europa kommen auf der Suche nach einem menschenwürdigen Leben, nach Arbeit und Bildungsmöglichkeiten für ihre Kinder. Sie gehen nicht allein aufgrund der wirtschaftlich und politisch vergleichsweise stabilen Situation nach Europa. Sie folgen auch einem Bild von den Ländern Europas, das diese selbst in der Kolonialzeit in viele Regionen des globalen Südens transportiert haben.

Alle diese Entwicklungen haben dazu geführt, dass wir es in Deutschland heute mit einer zunehmend ethnisch differenzierten Gesellschaft zu tun haben. Ich will dies nur an einigen wenigen Zahlen am Beispiel Hamburgs erläutern. Heute hat fast ein Drittel der Bevölkerung, eine Migrationsgeschichte (Mikrozensus von 2011). D.h. diese Personen oder ihre Eltern sind nicht in Deutschland geboren worden. Damit befindet sich Hamburg im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten eher im Mittelfeld. Schauen wir uns die Altersstruktur an, wird schnell deutlich, dass der Anteil von Menschen mit Migrationsgeschichte in Hamburg in Zukunft steigen wird. Und dies in einem Maß, dass die Unterscheidung in eine deutsche Mehrheitsgesellschaft und zugewanderte Minderheit zunehmend fragwürdig wird. In der Altersklasse der unter 18 Jährigen beträgt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund heute 45,6%. Bei Kindern bis 5 Jahren handelt sich schon um 50 %, d.h. jedes zweite Kind! So wird Hamburg heute schon als die Hauptstadt Ghanas auf dem europäischen Kontinent bezeichnet. Alle Zugewanderten – woher auch immer sie kommen - bringen ihr spezifisches Weltverständnis, ihre Art der Lebensgestaltung, ihre Erziehungsmuster und religiösen Prägungen und vielfach ihre guten Beziehungen in die Herkunftsregionen mit.

Migration – die interreligiöse Herausforderung

Migration wurde lange vor allem als Ursache der religiösen Pluralisierung Deutschlands wahrgenommen. Heute leben ca. 5% Muslime in Deutschland. In Großstädten wie Hamburg gehen wir von mindestens 8% aus. Darüber hinaus gibt s in größeren Städten jüdische Gemeinden, buddhistische Zentren, Hindu-Tempel, die Gemeinschaft der Bahaí um nur die größten Religionsgemeinschaften zu nennen. Vielfach sind sie alle in deutschen Städten an Interreligiösen Foren oder Runden Tischen beteiligt, in denen in der Regel auch die beiden Großkirchen (die jeweilige evangelische Landeskirche und die Römisch-Katholische Kirche) vertreten sind. Wie wichtig solche institutionalisierten Gesprächszusammenhänge sind, zeigte sich an vielen Orten 2001 nach den Anschlägen auf das Worldtrade-Center in New-York. So konnten sich hier in Hamburg die Religionsgemeinschaften schnell auf eine zentrale Gedenkfeier auf dem Rathausmarkt einigen, in der die Vertreter der Religionen jeweils ein Friedensgebet aus ihrer Tradition zu sprachen. Für den Frieden in religiös plural geprägten Großstädten war es in dem Moment wichtig, dass die Muslimischen Vertreter in der Öffentlichkeit ihre Abscheu vor den Anschlägen und ihre Bitte um Frieden für alle Menschen unabhängig von ihrer ethnischen und religiösen Zugehörigkeit vortragen konnten.

Die großen Kirchen wissen, dass sie gegenüber dem Staat unbedingt für die Religionsfreiheit für alle - ob alteingesessen oder zugewandert – eintreten müssen. Das Recht der freien Religionsausübung nehmen wir schließlich auch für uns in Anspruch. Wir wissen, dass wir in einem „freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat“ leben. Im Rahmen seiner Verfassung können sich die Religionsgemeinschaften frei entfalten. Die Grundlage des Staates ist einerseits säkular. Andererseits ist klar, dass unser Staat von Voraussetzungen lebt, die er sich selber nicht garantieren kann. Hier sind nicht nur die Kirchen sondern alle Religionen gefragt, die Voraussetzungen von denen unser Gemeinwesen lebt, die Werte, die es prägen, mitzugestalten.
Über diese säkulare Perspektive hinaus müssen wir natürlich auch theologisch unser Verhältnis zu den Religionen klären. Die meisten Evangelischen Kirchen haben dies in den letzten Jahren zunächst in Hinblick auf das Judentum durchdacht. Im Verhältnis zum Islam wird heute auf alle Fälle betont, dass es wichtig ist seinem diesem Glaubenszeugnis auch angesichts der Unterschiede mit Respekt zu begegnen. Die Nachbarschaft zu Moscheen gehört an vielen Orten für Kirchengemeinden heute zum Alltag, der gestaltet werden muss. Respekt gegenüber und Interesse für andere Religionen braucht Übung. Wir stehen vor der Aufgabe eine alltagstaugliche Theologie der Religionen für die Situation vor Ort zu entwickeln. Hier sind wir meiner Wahrnehmung nach über die ersten Schritte noch nicht hinausgekommen.

Migration – die innerkirchliche Herausforderung

Erst vor wenigen Jahren wurde deutlich, dass die Mehrheit der nach Deutschland zuwandernden oder fliehenden Menschen einen christlichen Hintergrund haben (s. hessischer Migrationsmonitor von 2010, der von 65% Christen unter den Zugewanderten spricht). Infolge dessen sind in den letzten Jahrzehnten in vielen Groß- und Kleinstädten eine Fülle von orthodoxen und freien Gemeinden entstanden meist charismatisch-pfingstlicher Prägung entstanden. War Deutschland doch lange das Land, das kirchlich vor allem durch einen nahezu gleichgroßen Anteil von Katholiken und Evangelischen geprägt war, sind heute fast überall alle Kirchenfamilien präsent. Die Ökumenische Situation vor Ort hat dies entscheidend verändert. Ein Beispiel dazu: Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen – die älteste Form der regionalen Ökumene bei uns - bestand in Hamburg vor 40 Jahren aus Evangelisch-Lutherischen, Baptisten und Katholiken. Heute gehören 34 Kirchen von Orthodoxen bis hin zu Pfingstgemeinden unterschiedlicher kultureller und nationaler Prägung dazu. Wir müssen also nicht nur in Hamburg lernen, dass viele unterschiedliche Kirchen mit uns Kirche Jesu Christi vor Ort präsentieren. Für die großen Mehrheitskirchen ist dies eine neue und ungewohnte Situation, heißt dies doch angestammte Rechte und Gewohnheiten mit anderen zu teilen. Das wird zum Beispiel interessant, wenn wie bisher üblich am Tag Deutscher Einheit – unserem Nationalfeiertag – ein ökumenischer Gottesdienst mit der Bundesregierung gefeiert wird. Wer sind dann die Kirchen, die hier vorbereiten und auftreten – allein die Evangelischen Landeskirchen und die Römisch-Katholische Kirche? An diesem und vielen anderen Punkten werden noch interessante innerchristliche Diskussionen auf uns zukommen.

Migration – und die Folgen für die großen Kirchen

In der Katholischen Kirche sind durch die Zuwanderung große muttersprachliche Missionen entstanden. Ziehen ein polnischer Katholik oder eine kroatische Katholikin nach Deutschland, sind sie selbstverständlich Teil der hiesigen katholischen Kirche, die ihnen kirchliches Leben in ihrer jeweiligen Muttersprache ermöglicht. Das Selbstverständnis einer Weltkirche erleichtert es, sich Christen anderer Nationalitäten zu öffnen.

Das fällt evangelischen Landeskirchen mit ihren oft sehr ausgeprägt regionalen Eigenarten und vergleichsweise schwach ausgeprägtem Bewusstsein Teil der Weltchristenheit zu sein deutlich schwerer. Welche Herausforderungen sich aus der Perspektive einer Evangelischen Landeskirche ergeben, werde ich nun etwas genauer ausgehend von Alltagserfahrungen schildern.

Es gibt kaum eine landeskirchliche Gemeinde in einer deutschen Großstadt, in der nicht schon einmal Menschen aus Fernost oder zumeist Westafrika gefragt haben, ob sie nicht Räume für ihren Gottesdienst, die Bibelstunde, Prayer-Meetings usw. nutzen könnten. Meist sind dies für die deutschen Gemeinden die ersten Kontakte mit Migranten aus dem globalen Süden. Die Verständigung ist schon meist sprachlich nicht einfach und kulturell eine echte Herausforderung. Auch wenn die einheimischen Christen vielleicht schon einmal vom raschen Wachsen des charismatisch-pentekostalen Zweiges des Christentums gehört haben, zu einer konkreten Begegnung ist es in der Regel noch nicht gekommen. Trotzdem stellen nicht wenige Gemeinden diesen durch Migration bei uns entstandenen Kirchen ihre Räume zur Verfügung. Allerdings gelingt es kaum, über das Verhältnis von Mieter und Vermieter hinaus ein christliches Miteinander zu gestalten. Haben sich die durch Zuwanderung entstandenen Gemeinden etabliert, mieten sie sich häufig Büroetagen oder Lagerhallen und feiern dort ihre Gottesdienste. Manche meinen, dass heute sonntags in einer Stadt wie Hamburg mehr Menschen afrikanischer oder fernöstlicher Herkunft Gottesdienste besuchen als Alteingesessene. Das halte ich noch für eine Übertreibung. Die Entwicklung geht allerdings in diese Richtung. So gehen wir heute davon aus, dass es in Hamburg zurzeit zwischen 80-100 solcher Gemeinden unterschiedlicher Größe gibt.

Diese Gemeinden anderer Sprache und Herkunft stellen eine massive Herausforderung für eine etablierte evangelische Landeskirche vor Ort dar. In dieser Situation drängen sich folgende Fragen auf:

- Warum fällt der Kontakt zwischen uns und den heute als „Gemeinden anderer Sprache und Herkunft“ Bezeichneten so schwer? 
- Warum gelingt es kaum, über kulturelle Unterschiede hinweg mit anderen Christen das Gemeinsame zu feiern und zu leben?
- Weshalb ist die gemeinsame christliche Identität nicht in der Lage, die kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen einheimischen und zugewanderten Gemeinden zu überbrücken?

Dabei begegnen wir in diesen Gemeinden keiner anderen Religion sondern den Nachfahren eines Christentums, das in vielen Fällen erst durch europäische Vermittlung in den jeweiligen Heimatländern entstanden ist.

Migration - vom Fremd- und vom Nahesein

Zunächst ein Beispiel. Eine Gemeinde in Hamburg hat sich nach langen Diskussionen im Kirchenvorstand entschlossen, Räume gegen Kostenbeteiligung an eine Ghanaische Gemeinde zu vermieten. Eine Kirchenvorsteherin entdeckt kurz darauf beim Surfen im Internet die Homepage dieser Gemeinde. Was sie dort liest? Dass die in Ghana und darüber hinaus international vernetzte Gemeinde ihre Berufung in der Missionierung von Deutschland sieht. Denn unser Land liegt in den Händen von Dämonen, die durch kräftiges Beten vertreiben werden müsse. Insgesamt strotzte die Homepage von einer für uns fremden Spiritualität und der Gewissheit, dass die Angehörigen dieser Gemeinde auf der Höhe der Zeit sind und nur wir Hamburger noch nicht begriffen haben, worum es heute eigentlich geht. Die Kirchenvorsteherin rief dann sehr beunruhigt bei mir an: Das alles ist doch nicht evangelisch-lutherisch und von daher doch in ihren Kirchenräumen nicht zu tolerieren! Natürlich, musste ich ihr sagen, dass wir in unserer Kirche überwiegend ein anderes Weltbild haben. Doch es wäre wohl zu einfach, nur das in unseren Räumen zu akzeptieren, was wie einem Abziehbild unserem eigenen kulturellen und theologischen Geschmack entspricht. Warum nicht erst einmal fragen, weshalb sich die Welt für die Menschen aus dieser Gemeinde so und nicht anders darstellt? Warum nicht dann auch ihnen erzählen, wie wir unsere Situation begreifen und darin unseren Glauben gestalten.
Wir leben in einer Welt großer Unterschiede zwischen den Kirchen. Früher war das, was diese Kirchenvorsteherin in ihrem Kirchraum erleben kann, allein in großer geografischer Entfernung zu erleben. Nur einige Missionare oder besonders interessierte Theologen wussten, was von der Situation der Christen in entfernten Erdteilen. Nur heute begegnen wir diesen unterschiedlichsten Strömungen teilweise schon vor unserer Haustür.

Migration – und die Frage nach uns selbst

In der konkreten Begegnung merken unsere Gemeinden häufig zum ersten Mal, wie eng die Grenzen unserer Art Kirche zu sein, gesteckt sind. Viele Selbstverständlichkeiten, die aus dem Gemeindeleben gar nicht wegzudenken sind, sind vielmehr in unserer Kultur verankert als in theologischen Überlegungen. Kultur bedeutet Beheimatung aber eben immer auch Begrenzung auf diejenigen, die diese kulturelle Prägung schätzen und sich in ihr auskennen. Was für uns in einem Mix aus neuem geistlichen Lied und Choral, in einer durch Kerzen erleuchteten Kirche mit sorgfältig geschmücktem Altar und Adventskranz an der Decke stattfindet, geht für die anderen Christen genauso gut bei Neonbeleuchtung und extrem lauter und elektronisch schlecht ausgesteuerter Musik. Die jeweilige kulturelle Prägung des Christentums wird in der konkreten Begegnung deutlich. Wir erleben unsere Grenzen, was die Öffnung angeht und müssen selber überlegen, was und wer wir in Zukunft sein wollen. Wie überwinden wir kulturelle Prägungen, die zur Abschottung führen? Die hindern, dass wir uns neuen Herausforderungen stellen? Wie balancieren wir in unseren Gemeinden das berechtigte Bedürfnis nach Beheimatung in unserer schnelllebigen Welt gegenüber einer ebenso wichtigen Öffnung für die neue Situation aus? Das sind Herausforderungen für die es keine eindimensionale Antwort geben wird.

Außerdem müssen wir uns klar machen, welche gesellschaftlichen Kontexte in der Begegnung mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft möglicherweise aufeinander prallen. Menschen aus überwiegend stabilen bürgerlichen Verhältnissen in den einheimischen Kirchen – und Zugewanderte, Menschen manchmal ohne abgesicherten Rechtsstatus. Wenn sie Arbeit haben dann viel zu oft einen Job aus der aus der Kategorie dirty, difficult, dangerous. Fremd in einer Gesellschaft, die sich nach wie vor schwer tut, Zugewanderten mit einer Kultur des Willkommens zu begegnen. Wer im Alltag bei der Arbeits- oder Wohnraumsuche immer wieder die Erfahrung von rassistischer Ausgrenzung macht, ist froh am Sonntag in der Kirche mit Gott so reden zu können, wie es direkt aus dem Herzen kommt – egal in welcher Zunge. Wenn ich im Alltag eher die Herabsetzung erlebe, dann ist es umso wichtiger am Wochenende in der Gemeinde der Prophet, der Usher oder die Katechetin sein zu können. Ein Amt mit Ansehen und Würde. Hier sehe ich eine Erklärung dafür, dass gerade die Frömmigkeit der Pfingstkirchen in der globalisierten Welt so erfolgreich ist.

Zusammengefasst heißt dies, dass die Evangelischen Landeskirchen in der Begegnung mit Gemeinden anderer Sprache und Herkunft vor erheblichen kulturellen, theologischen und politisch-sozialen Herausforderungen stehen.

Die durch Zuwanderung entstandenen Gemeinden setzen teilweise die große Hoffnung auf diese Begegnung, und den langsam beginnenden Dialog. Sie möchten als Geschwister auf Augenhöhe wahrgenommen zu werden. Sie wollen sich einbringen, Zusammenarbeit gestalten und auch Fragen besprechen, die sie umtreiben. Wichtig ist mir in diesem Zusammenhang, dass sich bei diesem Prozess beide Seiten als Partner verstehen können und dass das Ergebnis damit offen ist. So kann es nicht darum gehen, allein das Ziel zu verfolgen, diese Gemeinden vor allem unter das Dach der Landeskirche zu bringen. Wir werden sehen, wo diese Gemeinde sich in Zukunft verorten, wie sie sich selber verändern, welche Kooperationen sich ergeben werden in Feldern wie Jugendarbeit usw.

Festzustellen ist: Diese Gemeinden anderer Sprache und Herkunft haben die ökumenische Landschaft verändert und sie fordern die evangelischen Landeskirchen in theologischer und gesellschaftspolitischer Hinsicht heraus.

Für unsere Kirchen ist ein tiefgreifender Mentalitätswandel erforderlich. Zu unserem Selbstverständnis gehört es, die Gnade Gottes allem Volk zu verkünden. Wir müssen uns fragen, wie wir diesen Auftrag mit den auf Dauer zu uns gekommenen Christinnen und Christen so anderer Prägung erfüllen. So viel ist schon klar. Diese Auseinandersetzung mit Christen und Gemeinden anderer Sprache und Herkunft werden uns selbst verändern. Denn im Kern geht es hier um die ekklesiologische Frage, wie wir uns für Gemeinden und Einzelpersonen öffnen. Das geht nur, wenn wir unterschiedliche kulturelle Ausformungen des Christlichen auch in unserer Kirche zulassen und unsere Facon nicht als die allein Seligmachende begreifen. Dazu müssen wir zunächst lernen, ihre Existenz als Ausformung der einen Kirche Jesu Christi wertzuschätzen und mit uns nicht nachvollziehbaren Traditionen und Auslegungen in eine geschwisterliche kritische Auseinandersetzung zu treten.

Auch wenn ich in meinen Ausführungen die Herausforderungen auch mit ihren Schwierigkeiten deutlich benannt habe, bin ich von einem überzeugt: Vor uns liegt eine große Chance. Dass mit christlichen Migranten auch Kirchen aus aller Welt in Deutschland präsent sind, kann uns dabei helfen, Auftrag und Dienst der eigenen Kirche neu zu bedenken und das eigene Verständnis des Evangeliums zu weiten. Ich hoffe, dass es uns gelingt, diese Chance auch wirklich zu ergreifen.

21.1.2013