Dt.-Jap. Kirchenkonsultation 2013 - Migration/J

Dt.-Jap. Kirchenkonsultation 2013 in Hamburg
12. - 15. Februar 2013
Evang. Missionsakademie Hamburg 


6. Deutsch-Japanische Kirchenkonsultation

Das Große Ostjapanische Erdbeben und seine Auswirkungen auf die ausländische Bevölkerung

Nobuyuki Satô
Leiter des Forschungsinstituts für die Koreaner in Japan (Research Action Institute for the Koreans in Japan)


1. Ausländer im Katastrophengebiet

Das Große Ostjapanische Erdbeben am 11. März 2011 beeinträchtigte nicht nur das Leben vieler Japaner, sondern auch das von 2,1 Millionen Ausländern, die in Japan wohnten. In den 154 Städten und Dörfern, in denen das Katastrophenhilfegesetz angewandt wurde, lebten 75.281 Ausländer (Abb. 1). Die Katastrophenhilfe wurde eingeleitet, bevor überhaupt das Ausmaß der Not und die Bedürfnisse erfasst werden konnten.

(Abb. 1) Anzahl der betroffenen Ausländer nach Präfektur/Nationalität


*Anzahl der ausländischen Bevölkerung in jenen Städten und Dörfern, in welchen im März 2011 das Katastrophenhilfegesetz angewandt wurde. (Quelle: Homepage des Justizministerium)

Vier Monate nach dem Erdbeben, im Juli 2011, organisierte die „Japanische Christliche Konferenz für die Schaffung eines Grundgesetzes für ausländische Einwohner“1 gemeinsam mit National Christian Council Japan, Catholic Bishops’ Conference of Japan, National Christian Council Korea das 16. Internationale Symposium in Tokio mit dem Schwerpunktthema „Das Große Ostjapanische Erdbeben und Ausländer – Die Missionierungsaufgaben Japans, Koreas und Kirche der Zainichi-Koreaner“. Nach einer zweitägigen Diskussion wurde folgende gemeinsame Erklärung verabschiedet.

„Das starke Erdbeben der Stärke M9 und der Tsunami, die am 11. März 2011 die Regionen Tôhoku und Nord-Kantô trafen, haben unzähligen Menschen das Leben und ihre Lebensgrundlagen genommen. In den Städten und Dörfern entlang der Küstenregion, die insgesamt eine Länge von 500km umfasst, hinterließ die Naturkatastrophe verheerende Schäden; die Zahl der Opfer und Vermissten stieg auf über 20.000, und auch heute noch, vier Monate nach der Katastrophe, sind 90.000 Menschen gezwungen, in Notunterkünften zu leben. Außerdem wurde durch den Unfall im Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi eine große Menge an radioaktiven Substanzen freigesetzt, was die Arbeit der Katastrophenhilfe äußerst erschwert hat. Diese Katastrophe war das Ergebnis eines blinden Glaubens an den Sicherheitsmythos und somit von Menschen verursacht. Jetzt, da uns dieses tragische Ereignis diese Tatsache vor Augen geführt hat, ist es nun unsere Aufgabe die Vergangenheit zu überdenken und eine grundsätzliche Veränderung in der Gesellschaft und in unserem Lebensstil einzuleiten.“

Dieses Symposium wurde zum Anlass des Projekts „Unterstützung für die ausländische Bevölkerung in den Katastrophengebieten“, das in Zusammenarbeit mit dem Sendai Christian Alliance Disaster Relief Network und der Bürgerorganisation NPO „Egao“ – Helping People Smile, welche in den betroffenen Gebieten tätig waren, im September 2011 ins Leben gerufen wurde. Dieses Projekt erhielt großzügige Spenden von Kirchen im Ausland. Dennoch stießen wir bei unseren Hilfsaktionen auf große Schwierigkeiten. Zum einen lag es daran, dass es sich hierbei um ein übermäßig großes Katastrophengebiet handelte und die betroffenen Ausländer überall verteilt lebten. Eine weitere Ursache dafür war, dass die ausländischen Mitbürger in den jeweiligen lokalen Gesellschaften marginalisiert wurden und nicht als „Ausländer“ sichtbar waren.

Seit den 1990er Jahren kamen immer mehr chinesische, koreanische und philippinische Frauen durch internationale Ehen in die Bauern- und Fischerdörfer von Tôhoku. Vergleicht man die ausländische Bevölkerungszahl zwischen den beiden Geschlechtern, kamen im Jahre 1990 87 Männer auf 100 Frauen in der Präfektur Iwate, 102 in Miyagi und 87 in Fukushima. Dahingegen waren es 20 Jahre später im Jahre 2010 34 in Iwate, 69 in Miyagi und 47 in Fukushima. Diese Zahlen sprechen eindeutig für die Überzahl der Ausländerinnen. Und dies lässt sich auf die drastisch gestiegene Anzahl der internationalen Eheschließungen zurückführen. Doch diese Frauen wurden zu Hause dazu gezwungen, der Rolle als „Ehefrau eines Japaners“ gerecht zu werden, und in der lokalen Gesellschaft waren sie lediglich „Familienangehörige eines japanischen Ehemannes“, die nicht weiter beachtet wurden.

2. „Untersuchung zur Lage der ausländischen Katastrophenopfer“ in der Stadt Ishinomaki

Ein Jahr nach der Katastrophe, im März 2012, hat die in Küstennähe der gelegene Stadt Ishinomaki, Präfektur Miyagi, gemeinsam mit Kwak Ki Hwan(郭基煥) von der Tôhokugakuin Universität eine Untersuchung durchgeführt. 426 Ausländer, die 20 Jahre und älter waren und in Ishinomaki lebten, wurden gebeten an einer „Umfrage zur Schadenslage und zum multikulturellen Zusammenleben“2 teilzunehmen.

Am 10. April wurden die Umfragen eingesammelt. Insgesamt wurden 92 Antworten im Rathaus abgegeben.
Dass wir von fast 1/4 der in der Stadt lebenden Ausländer eine Antwort erhielten, obwohl sich die Region inmitten des Wiederaufbaus befand und einzelne Personen damit beschäftigt waren wesentliche Elemente wie das Wohnen, Arbeiten und Lernen in Griff zu bekommen, zeigt ihren starken Willen, als Betroffene und als Mitglied der lokalen Gemeinde die Stadt Ishinomaki wieder aufzubauen und eine multikulturelle Gesellschaft zu realisieren.

Das „Zentrum für die Unterstützung ausländischer Katastrophenopfer“3 begann sofort mit den Auswertungen der Umfragen. Kwak Ki Hwan (郭基煥, Soziologie) von der Tôhokugakuin Universität und Lee Sun Hee (李善姫, Anthropologie) von der Tôhoku Universität leiteten die Analyse an. Ferner wurden ab Juni im Rathaus Interviews mit jenen 39 Katastrophenopfern durchgeführt, die am Ende der Umfrage unter Angabe ihrer Namen und Kontaktdaten um Unterstützung gebeten hatten.

So begann die „Untersuchung der Stadt Ishinomaki“ – ein bahnbrechendes Projekt, in dem zum ersten Mal eine vom Erdbeben betroffene Kommune die Sachlage von ausländischen Katastrophenopfern untersuchte. Zwar handelt es sich bei der „Untersuchung der Stadt Ishinomaki“ lediglich um eine der 154 betroffenen Kommunen, doch werden hier die Not und die Bedürfnisse aller betroffenen Ausländer ersichtlich.

3. Erkenntnisse aus der „Untersuchung der Stadt Ishinomaki“

(1) Ausländer in Ishinomaki
Die Stadt Ishinomaki wurde bei dem Großen Ostjapanischen Erdbeben am Schwersten getroffen. 3.251 Menschen kamen unmittelbar bei der Katastrophe ums Leben, 220 Menschen starben darauf in Folge, 476 Menschen werden vermisst (Stand August 2012). Unter den Toten befinden sich auch sieben Ausländer.
Vor der Katastrophe wohnten in der Stadt Ishinomaki 782 Ausländer. Nach der Katastrophe sank die Zahl auf 513. Die 269 Personen, die die Differenz ausmachen, waren zum größten Teil Praktikanten aus China, die in Fischverarbeitungsfabriken arbeiteten. Diese kehrten nach dem Erdbeben in ihre Heimat zurück.

Ein Jahr nach der Katastrophe wohnen heute in der Stadt Ishinomaki 201 Chinesen, 124 Koreaner, 74 Philippiner, 29 US-Amerikaner usw. Betrachtet man sie nach den unterschiedlichen Aufenthaltsberechtigungen sind es 185 Personen mit Niederlassungserlaubnis (Permanent Residents), 80 mit Japanern verheiratete Ehegatten, 80 Praktikanten (Technical Intern Trainees), 42 Personen mit einer Sonderaufenthaltsgenehmigung (Special Permission to Stay in Japan) und 35 mit einer unbefristeten Aufenthaltserlaubnis. Sieht man von den Praktikanten ab, sind die meisten in Ishinomaki ansässigen Ausländer chinesische, koreanische oder philippinische Frauen, die entweder mit Japanern verheiratet sind, sich in der Stadt niederließen und eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung erwarben, oder als „Ehegatte eines Japaners“ ihre auf ein bzw. drei Jahre befristeten Aufenthaltstitel erneuern müssen.

(2) Der durchschnittliche Umfrageteilnehmer
Das Alter der 92 Teilnehmer der Umfrage erstreckte sich von 20 bis 75 und der Mittelwert lag bei 40. Vergleicht man die Geschlechter, waren die Frauen mit 85% in der eindeutigen Mehrheit.
Die meisten der verheirateten Ausländer haben einen japanischen Ehegatten und nur 10% sind mit einem weiteren Ausländer verheiratet. Der älteste Ehegatte war 73 Jahre alt und der Mittelwert lag bei 54. In den Familien mit Nachkommen war im Durchschnitt das erstgeborene Kind um die acht Jahre alt und das zweitgeborene Kind zwischen neun und zehn Jahre alt. Außerdem stellte sich heraus, dass 37 (58%) der mit einem Japaner verheirateten Ausländer mit mindestens einem Elternteil des Ehegatten zusammen leben.
Seit der Katastrophe bleibt für viele keine andere Wahl, als mit Großeltern und Kindern auf engem Raum für ein, zwei Jahre in einer provisorischen Unterkunft zusammenzuleben. Dies stellt besonders für die Migrantinnen einen großen Stressfaktor dar, was auch durch unsere Interviews mit betroffenen Frauen bestätigt wurde.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Durchschnittsteilnehmerin „eine chinesische, koreanische oder philippinische Frau ist, die mit einem zehn bis zwanzig Jahre älteren Mann verheiratet ist, mit seinen Eltern zusammen wohnt und Kinder im Alter zwischen null bis zehn Jahren hat“.

(3) 11. März – die Katastrophe
① Tsunami
Am 11. März wurden die meisten Ausländer in Ishinomaki entweder zu Hause oder am Arbeitsplatz vom Erdbeben und Tsunami überrascht. Tatsächlich antworteten 68% der befragten Ausländer, der Tsunami hätte sie „erreicht“.

Viele der Frauen, mit denen wir ein Gespräch führten, haben unter Tränen von der Angst und dem Chaos in diesem Moment berichtet. Dabei bedienten sie sich teilweise des Japanischen oder ihrer Muttersprache (Chinesisch, Koreanisch oder Tagalog usw.). Eine Migrantin, die im Nachbarort von Ishinomaki wohnte, sprach: „Ich möchte das Meer, das mir meinen Mann und meine Schwiegermutter genommen hat, nie mehr wieder sehen.“ Heute lebt sie mit ihrer Tochter, die auf die Highschool geht, 20km weit im Landesinneren in einer Behelfsunterkunft.

Lediglich 29% der Ausländer konnten unmittelbar nach dem Erdbeben einen Tsunami vorausahnen. Hinzu kommt, dass, auch wenn viele bereits vor der Katastrophe Wörter wie „hinan (flüchten)“ und „Tsunami“ kannten, 43% der Ausländer den Begriff „takadai (Anhöhe)“ nicht kannten. Somit konnte die Hälfte der Ausländer den japanischen Satz „Flüchten Sie auf eine Anhöhe!“ nicht verstehen.

Dass trotz allem 46% der Befragten angaben, dass sie „schnell flüchten konnten“ kann auf die Tatsache zurückgeführt werden, dass sie über Notfunk, Familie, „Nachbarn“ oder „zufällig anwesend gewesene Personen“ in Kenntnis gesetzt wurden, dass sie flüchten sollten.

Doch müssen wir uns dessen bewusst sein, dass 29% der Ausländer antworteten, dass sie „niemand“ über die Ankunft eines Tsunamis „informierte“ und 55% von sich gaben, dass sie „den Notfunk nicht gehört bzw. nicht verstanden“ hatten.

② Komplette/Teilweise Zerstörung von Gebäuden
Das Erdbeben und der Tsunami zerstörte 36% der Gebäude komplett, 28% zur Hälfte und 23% teilweise. Im Innenbereich wurden in 41% der Fälle die Einrichtung komplett zerstört, in weiteren 41% zum Großteil und in 27% teilweise beschädigt. Nur bei den wenigsten Ausländern hinterließ die Naturkatastrophe keine Schäden, sowohl am Haus als auch im Innenbereich.

③ Das Leben in den Notunterkünften
Dementsprechend blieb zahlreichen Ausländern (63%) keine andere Wahl als in Notunterkünften wie Schulen oder Gemeindehäusern Zuflucht zu suchen. Der Zeitraum variierte von „ein bis zwei Tage“ (12%), „drei bis sieben Tage“ (38%), „eine Woche bis ein Monat“ (26%) bis sogar „über einen Monat“ (24%).

Viele antworteten bezüglich der zwischenmenschlichen Verhältnisse während ihres Aufenthalts, dass „man sich gut verstanden“ habe (84%), und dass „die Anweisungen oder die Regeln in der Notunterkunft sehr verständlich“ waren (92%). Auch gaben 56% der Befragten an, dass “andere Betroffene besonders Rücksicht nahmen“, nachdem sie erfahren hatten, dass sie Ausländer seien (56%). Aus diesen Aussagen geht hervor, dass der Aufenthalt in den Notunterkünften relativ reibungslos verlief.

Auf der anderen Seite antworteten einige, dass sie „unangenehme Äußerungen von anderen Katastrophenopfern haben ertragen müssen“ (36%) oder versuchten zu verbergen, dass sie Ausländer sind (26%). Daraus können wir entnehmen, dass viele Ausländer (60%) auch angesichts dieses Notstandes, das die Japaner als auch die Ausländer gleichermaßen traf, in den Notunterkünften mit dem Bewusstsein verbrachten, „dass sie Ausländer sind“.

(4) Ein Monat nach der Katastrophe
① Für die Familie
Im ersten Monat nach der Katastrophe haben jene Ausländer mit Familienmitgliedern im hohen Alter oder mit Behinderung, unter extremen Bedingungen versucht, sie so gut wie möglich zu pflegen.
Ein Japaner, den wir im Nachbarort von Ishinomaki trafen, hatte aufgrund eines älteren Familienmitglieds mit Behinderung davon abgesehen, in die vom Staat errichteten temporären Wohnungen einzuziehen und wohnte in einem Fertighaus, welches er eigenhändig auf einem Berg errichtet hatte.

② Für die Nachbarn
Ausländische Katastrophenopfer hatten im ersten Monat nach dem Ereignis genauso wie für ihre Familien auch für ihre Nachbarn verschiedene Hilfeleistungen erbracht. „Ich habe unmittelbar nach dem Erdbeben die Tsunamiwarnung weitergeleitet oder zur Flucht aufgerufen.“ (16%), „Ich habe Informationen zum Verbleib meiner Mitmenschen gesammelt.“ (26%), „Ich habe jemandem Gesellschaft geleistet und versucht, die Person zu beruhigen.“ (22%), „Ich habe bei der Beschaffung von Nahrung, Essenszubereitung oder bei der Verteilung von Hilfsartikeln mitgewirkt“ (41%). Viele Migrantinnen schilderten uns ihre Erfahrungen sehr genau. Für sie, die sie noch nicht ausreichend auf Japanisch kommunizieren konnten, war dies die maximale Hilfeleistung, die sie erbringen konnten.

(5) „Heimkehr in das eigene Land“
① „Die Ausländer haben das Land verlassen.“ – Gerüchte und Realität
Nach dem 11. März wurde zwischen den Nachrichten, die Tag für Tag mehr über den Reaktorunfall von Fukushima Dai-ichi berichteten, auch verbreitet, dass „sämtliche Ausländer in ihr Land zurückgekehrt“ seien.
Doch wie verhielt es sich mit den Ausländern in den betroffenen Gebieten? 64% „blieben im Land“ und 36% waren „bis Ende April in ihr Land zurückgekehrt.“

Das Verlassen des Landes bedeutet in diesem Fall eine „vorübergehende Ausreise“, bei der im Vorfeld eine Wiedereinreiseerlaubnis erworben wird. Dass der Anteil jener Ausreisenden sich auf 36% belief, ist nur nachvollziehbar angesichts der Tatsache, dass die Wiederherstellung der Infrastruktur für den Alltag nicht absehbar war, und der Reaktorunfall gefährliche Radioaktivität freisetzte. Für die Migrantinnen, die innerhalb Japans kein „Elternhaus“ hatten, bei dem sie Zuflucht suchen konnten, war eine vorübergehende Flucht mit ihren Kindern ins „Elternhaus im Ausland“ eine selbstverständliche Entscheidung.

Viele der Frauen, mit denen wir sprechen durften, erhielten im ersten Monat nach der Katastrophe Anrufe aus ihrer Heimat. Sie wurden gedrängt, mit Kind und Ehemann (Japaner) sofort das Land zu verlassen und zurückzukehren. Daher entschieden sich einige zur vorübergehenden Ausreise, „um ihre Familie in der Heimat zu beruhigen“. Sie hätten keine andere Wahl gehabt.

② Ausländer die „nicht in ihr Land zurückkehrten“
Die Ausländer in den betroffenen Gebieten sahen sich einer noch nie zuvor erlebten Situation gegenüber. Ihre Befürchtungen waren, „dass sie wieder von einem Tsunami oder Erdbeben erfasst werden“ (95%), „welche Auswirkungen die radioaktive Strahlung auf ihre Kinder haben“ (89%), und „wie sie ihren Lebensunterhalt verdienen sollen“ (81%).

Gleichzeitig zögerten manche, die „Information zur Ausreise über Bekannte oder die Botschaft erhalten hatten“ (53%), vor der „Heimkehr in die Heimat“. Der Anteil jener, die „in ihr Land zurückkehren wollten, aber aus finanziellen Gründen aufgegeben hatten“ lag bei 42%, solche, die „eine pflegebedürftige Person hatten und deswegen von einer Ausreise absahen“ belief sich auf 38%.
57% der Befragten hätten ohnehin nicht „zurückkehren“ können. Die Zainichi Koreaner und Zainichi Chinesen, die bereits vor dem Zweiten Weltkrieg nach Japan kamen, und viele der mit Japanern verheirateten Ausländerinnen hatten sowohl damals als auch heute, zwei Jahre nach der Katastrophe, keine Rückkehr-Alternative.

(6) Ein Jahr nach der Katastrophe
① Wohnungen der Katastrophenopfer
Ein Jahr nach der Katastrophe (April 2012) leben 33% der ausländischen Katastrophenopfer im „eigenen Haus“, 27% in einer „Mietwohnung“ und 26% in einer „Behelfsunterkunft“. Die Situation ist dabei bei jedem anders. Manche leben nur noch im 1.Stock, nachdem die Flutwelle das Erdgeschoss weggespült hatte, andere wohnen in einer provisorischen Unterkunft, da ihr Zuhause komplett oder zur Hälfte zerstört wurde und ein Umbau oder eine Renovierung noch nicht in Aussicht steht.

Zum Beispiel gab es auch einen Fall einer Migrantin, die selbst bei einer Freundin in Sendai unterkam, jedoch nun getrennt von ihrem Ehemann lebt, der mit seinen Eltern in einer provisorischen Unterkunft zusammen wohnt. Dieses Ehepaar möchte so bald wie möglich wieder zusammenziehen. Doch das Erdgeschoss des Hauses, welches sie anlässlich ihrer Eheschließung gebaut hatten, wurde weggeschwemmt. Da die Kredite noch nicht abbezahlt sind und da eine Renovierung ohne eine weitere Kreditaufnahme nicht möglich ist, zögern sie vor dem nächsten Schritt.

② Armut in ausländischen Familien
Vor der Katastrophe waren viele Einwanderinnen nicht beschäftigt bzw. Hausfrauen (36%) oder waren Gelegenheitsbeschäftigte in Verarbeitungsfabriken bzw. im Verkaufsbereich von Meeresprodukten (32%).
Doch durch das Erdbeben und den Tsunami am 11. März ging ein Großteil ihrer Arbeitsplätze verloren. Dies zeigt auch die drastische Abnahme von „Gelegenheits-“ und „dauerhaften Beschäftigungen“ sowie die plötzliche Zunahme von „Arbeitslosen“.

Wenn man andererseits die Beschäftigungen ihrer Ehemänner betrachtet, wird deutlich, dass diese vor der Katastrophe in den Bereichen „Fischerei / Landwirtschaft“ (19%) und „Verarbeitung / Verkauf von Meeresprodukten, Transport“ (50%) tätig waren. Doch kommen auf 36 „Unternehmer / dauerhafte Beschäftigte / Selbständige“ 14 „Gelegenheitsbeschäftigte“. Das heißt, dass 30% der Beschäftigten in einem atypischen Beschäftigungsverhältnis standen. Hinzu kommt, dass seit der Katastrophe die Anzahl der Selbstständigen stetig zurückgegangen ist.

An ihren Anstellungsformen und Arbeitsinhalten lassen sich vor und nach der Katastrophe keine großen Veränderungen beobachten. Doch in der Realität kamen Fälle zutage, in welchen eine Firma insolvent ging bzw. der Betrieb gekürzt wurde und der Arbeitnehmer nun in einer anderen Firma der „gleichen Branche“ arbeitete, oder vier Stunden in eine andere Stadt pendeln musste.

49% der bisher gelegenheitsbeschäftigten Frauen und auch 32% ihrer Ehemänner verloren durch die Katastrophe ihr halbes bzw. ganzes Einkommen.

Auch wenn in vielen Fällen der Eindruck entsteht, dass die ausländischen Katastrophenopfer, besonders die Frauen und ihre Familien, nun ein Jahr nach der Katastrophe in ihren Häusern oder provisorischen Wohnungen „ihren friedlichen Alltag“ zurückgewonnen hätten, geht aus den Umfragen hervor, dass viele (86%) auf eine „finanzielle Unterstützung angewiesen“ sind und dass sie sich mit den Hilfsgeldern gerade einmal über Wasser halten. Aber Pläne für die Zukunft entwickeln können sie damit nicht.

③ Zainichi-Koreaner und -Chinesen in Isolation
Die Mehrheit der in Ishinomaki lebenden Ausländer sind eingewanderte Frauen, die mit Japanern verheiratet sind. Doch ca. 10% gehören zu den Zainichi-Koreanern, die eine Sonderaufenthaltsgenehmigung besitzen oder zu den Zainichi-Chinesen mit einer Niederlassungserlaubnis. Unter zainichi versteht man jene Menschen und ihre Nachkommen, die durch die japanische Kolonialpolitik nach Japan kamen. Da Japan im Staatsangehörigkeitsgesetz das Abstammungsprinzip beibehält, werden die zweite, dritte, vierte und jede weitere Generation, auch wenn sie in Japan geboren und aufgewachsen sind, immer noch als „ausländische Staatsbürger“ geführt und werden in ihren bürgerlichen Rechten sehr eingeschränkt.

Vier Umfrageteilnehmer konnten wir zu einem Gespräch einladen. Davon waren drei ältere Personen dabei, die der zweiten Generation der Zainichi angehörten, die vor dem Zweiten Weltkrieg in Japan geboren wurden und heute trotzdem keine Rente erhalten. Kommunen in den Regionen Kansai oder Kantô zahlen Leistungen an ausländische Bürger im hohen Alter oder mit Behinderung eine sogenannte „Wohlfahrtsbeihilfe“ in Höhe von 10.000 bis 20.000 Yen im Monat, doch in den Katastrophengebieten wurden derartige Maßnahmen nicht umgesetzt. Die betroffenen Menschen mussten ohne jegliche Art von Rente auskommen. In einem Fall zog ein altes Ehepaar, ein Zainichi-Chinese und eine Japanerin, in eine Behelfsunterkunft, weil das Gebäude, welches ihnen als Laden und Wohnung diente, von den Flutwellen weggeschwemmt wurde. Sie leben nun von den 30.000 Yen, die die japanische Frau im Monat als Rente erhält.

(7) Bedürfnisse der ausländischen Katastrophenopfer
① Informationen zur Flucht und radioaktiven Kontamination
Seit dem 11. März werden die betroffenen Gebiete immer wieder von Nachbeben heimgesucht. Das havarierte Atomkraftwerk in Fukushima stellt uns nach wie vor vor Herausforderungen. Vor diesem Hintergrund ist das Verlangen nach „Informationen von sicheren Zufluchtsstätten“ (89%) und „Informationen zur Strahlung“ (86%) seitens der ausländischen Betroffenen sehr stark.

Die Stadt Ishinomaki liegt mehr als 100km entfernt vom Atomkraftwerk Fukushima Dai-ichi, doch steht im Nachbarort das AKW Onagawa. Die Verteilung von radioaktiven Substanzen ist ferner ein essentielles Problem, das entscheidend für den Neustart und Wiederaufbau der Landwirtschaft und der Fischereiindustrie ist. Dies trifft auch auf die Ausländer zu, deren zugelassenes Arbeitsgebiet eingeschränkt ist.

Außerdem sehen sich Familien mit der Frage konfrontiert, welche Auswirkungen die radioaktive Strahlung auf die Gesundheit ihrer Kinder haben könnte. Doch wenn es selbst uns Japanern schwerfällt, die „gegenwärtige Lage und die Zukunft“ des Atomkraftwerks sowie das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung zu erfassen, ist es für die eingewanderten Frauen, die zusätzlich mit der japanischen Sprache konfrontiert werden, noch schwieriger, die Lage zu verstehen und zu einzuschätzen. Die Tatsache, dass 44% der Befragten sich Informationen in ihrer Muttersprache wünschen, spiegelt ihre Situation wider. Außerdem wächst die Unsicherheit, wenn sie ständig den Eindruck gewinnen, nicht ausreichend informiert worden zu sein.

② Informationsmangel im Alltag
Ein Jahr nach der Katastrophe ist die Verwaltungsfunktion in den betroffenen Gebieten, unter anderem auch dank der Entsendung von Aushilfekräften aus anderen Kommunen des Landes, fast wieder hergestellt. Dennoch wünschen sich 82% der Ausländer mehr „Informationen für den Alltag“. Gerade wenn die Menschen plötzlich aus einer vertrauten Gegend, in der sie vor dem Erdbeben integriert waren, in eine Behelfsunterkunft versetzt wurden, ist es nur verständlich, dass sie auf öffentliche Informationen angewiesen sind. Besonders eingewanderte Frauen tun sich schwer, „Alltagsinformationen“ aufzunehmen und diese anzuwenden. Sie sind bei Mitteilungen aus dem Bürgeramt oder Aushängen bei den Behelfsunterkünften auf die Hilfe ihrer japanischen Ehemänner oder ihrer Nachbarn angewiesen, die ihnen den Inhalt in einem „einfachen Japanisch“ wiedergeben.

③ Familien mit Kindern – dringender Bedarf nach mehr Unterstützung
Ein weiterer wichtiger Punkt, zu dem sich 62% der Migrantinnen mehr Informationen wünschen, ist der Bereich „Erziehung und Bildung der Kinder“. 28% der Frauen gaben an, dass sie gerne mehr in ihrer Muttersprache erfahren wollen würden.

Wenn wir Babykleidung und Nahrung verteilen und in die kleinen Zimmer kommen, in welchen junge Mütter mit ihren in dieser schweren Zeit geborenen Säuglingen leben, schmerzt uns das Herz angesichts ihrer Situation. Die jungen Frauen können sich weder Rat bei ihren Müttern im Heimatland holen, noch an ihre Nachbarn wenden, wenn das Kind plötzlich erkrankt.

④ Japanischunterricht
Viele der betroffenen Ausländer (69%) suchen verzweifelt nach Einstellungsinformationen. Jedoch stellt dies eine große Herausforderung dar, zumal das Gewerbe in Ishinomaki sich erst jetzt langsam wieder erholt.
Des weiteren sehen sich viele Migrantinnen mit der japanischen Sprache konfrontiert. Auch wenn sie im Alltag mit ihrem Japanisch zurechtkommen tun sich viele schwer im Lesen und besonders im Schreiben. In der Umfrage antworteten 61% der Befragten, dass sie in der „Konversation“ „gar keine bzw. kaum Schwierigkeiten“ hätten. Doch wenn es um das „Lesen“ oder „Schreiben“ geht, fühlen sich nur noch 42% bzw. 30% sicher genug.

Auch wir mussten feststellen, dass nur die wenigsten Migrantinnen, die wir interviewten, ihren Lebenslauf auf Japanisch hätten verfassen können. Außerdem wünschen sich 41% der Befragten neben Informationen auf Japanisch auch „Stellengesuche in ihrer Muttersprache“.

Diese Ergebnisse weisen auf die dringende Notwendigkeit von „Japanischunterricht“ (73%) und von „Job-Informationen sowie eine Möglichkeit zum Lernen“ (74%) hin.

Außerdem wünschten sich 40% der Befragten „Informationen zu den Sitten und Bräuchen in Japan“.
Auch wenn sich nach den Weltkriegen einiges verändert hat, so herrschen in Japan auch heute noch Elemente des konservativen Familiensystems ieseido vor, das sich im Zuge der Modernisierung etabliert hatte. Gerade für Migrantinnen, die als „Braut eines Japaners“ nach Japan kamen, sind „die japanischen Sitten“ bei aller Liebe zur Familie doch manchmal schwer nachvollziehbar. Es müsste eigentlich die Aufgabe des „japanischen Ehegatten und seiner Familie“ sein, ihr dieses Hindernis zu nehmen. Doch in der Realität wird sie dafür verantwortlich gemacht, wenn Missverständnisse auftreten. Wir wurden in den Katastrophengebieten mehrmals mit derart absurden Fällen konfrontiert.

Daher muss als erster Schritt den Zugewanderten eine Möglichkeit gegeben werden, sich mit „Japanisch“ und den „Gesellschaftssystemen Japans“ (d.h. die Rechtsstellung eines Ausländers, soziale Systeme wie Krankenversicherung und Rente, Sitten und Bräuche in der Familie etc.) vertraut zu machen. Derartige Maßnahmen werden bereits in vielen Einwanderungsländern auf dieser Welt praktiziert. Doch in Japan gibt es kein System, das den Spracherwerb und die gesellschaftliche Integration fördert. Dies hängt mit der Tatsache zusammen, dass es zwar ein System zur „Verwaltung von Ausländern“ gibt, jedoch keine Politik zur Integration.

⑤Multikulturelles Lernen
Aus den Umfragen geht hervor, dass die Fragen „Sprechen Sie zu Hause Ihre Muttersprache?“ sowie „Verfügen Ihre Kinder über gute Kenntnisse über die Kultur und Geschichte Ihres Heimatlandes?“ jeweils mit 31% und 35% positiv beantwortet wurden. Auf der anderen Seite antworteten 82% der Befragten, dass sie es als wünschenswert erachteten, ihren Kindern Wissen über ihre Heimatländer zu vermitteln. Gerade für viele Migrantinnen ist es ein Anliegen, dass ihre Kinder (die in den meisten Fällen auch nur die japanische Staatsangehörigkeit besitzen) eine Gelegenheit erhalten, die Herkunftssprache und -kultur der Mutter kennenzulernen.

Dass viele Mütter darauf Wert legen, dass ihre Kinder auch die Sprache und Kultur ihrer Heimat lernen, ist nicht nur Ausdruck der Volksidentität. Sie haben selber „über Grenzen hinweg“ eine neue Familie gegründet, ihre Kinder sind in mehreren Kulturen – also „unabhängig von Grenzen“ – zu Hause. Somit wünschen sie sich für ihre Kinder eine globale Identität.

Diese junge Generation muss in ihrer bikulturellen Identität und in ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden. Wenn die Schulbildung dies ermöglichen würde, würden auch die sich in der Mehrheit befindenden japanischen Kinder diverse Anregungen erhalten und lernen können, die Vielfalt zu schätzen. Dies ist von großer Bedeutung und Japan wird immer wieder von internationalen Menschenrechtsorganisationen darauf hingewiesen.
 
⑥ Gesellschaftliche Integration
Aus der Umfrage zu der Situation nach der Erdbebenkatastrophe geht hervor, dass 85% der Ausländer „durch den Alltag in der Evakuierung nun mehr Solidarität mit den Menschen aus der Nachbarschaft“ empfinden. Auf die Frage, was jetzt von großem Bedarf wäre, hieß es in 78% der Antworten: „Gelegenheiten zum Austausch mit den japanischen Mitbürgern“.

Zum Zugehörigkeitsgefühl sagten 89% der Befragten, dass sie „stolz auf ihr Heimatland“ seien. Gleichzeitig jedoch waren 75% auch „stolz auf Ishinomaki“ und 80% wollten „wenn es die finanzielle Lage erlaubt, weiterhin in Ishinomaki leben“.

Aus diesen Zahlen geht hervor, dass seit dem Erdbeben der Zusammenhalt und der Wunsch nach mehr Integration in die kommunale Gesellschaft größer geworden ist. Wie wird nun dieser Wunsch der ausländischen Bevölkerung von uns Japanern und der japanischen Gesellschaft aufgenommen?
Es ist wichtig, dass die Ausländer als „Mitbürger“ und „Nachbar“ sichtbar werden und dass es ihnen ermöglicht wird, sich gesellschaftlich einzubringen. Dies ist für den Wiederaufbau Ishinomakis und der kommunalen Gesellschaft unverzichtbar.

⑦ Einwanderer-Communities und Aussprache
Wir waren sprachlos, als im Sommer 2012 nach einem zweistündigen Interview im Rathaus eine Migrantin in Tränen sprach: „Ich wünschte, ich wäre am 11. März gestorben. Dann hätte ich jetzt nach dem Erdbeben all diese Qualen nicht erleben müssen.“

Die Umfragen zeigen, dass zwar ein Großteil der Migranten von Familien, benachbarten Japanern, sowie Bekannten aus der selben Heimat unterstützt werden, doch befinden sich unter den Befragten auch solche, die niemanden haben, an den sie sich wenden können (4%) bzw. niemanden haben, mit dem sie ihre Sorgen teilen können (4%).

Bis vor dem Erdbeben kam es zu keiner Gründung von Communities von bestimmten Migrantengruppen. Der Austausch zwischen den Migrantinnen aus China, Korea und den Philippinen erfolgte lediglich in den Sprachkursen oder in der Kirche. Und das auch nur auf eine oberflächliche Art. Dies lag in erster Linie daran, dass jede individuell mit den unterschiedlichsten Hintergründen nach Japan kam, und dass jede Familie auch anders war. Somit verband sie keine Gemeinsamkeit. Jede lebte einzeln für sich.

Doch mit dem Erdbeben veränderte sich ihr Alltag dramatisch. Viele (74%) der betroffenen Ausländer haben sich innerhalb des ersten Monats für ihre Mitbürgerinnen und Mitbürger aus dem gleichen Herkunftsland eingesetzt, sich nach ihrem Wohlbefinden erkundigt und ihnen Hilfeleistungen angeboten. Auch danach beraten und trösten sie sich gegenseitig, telefonieren und mailen „fast täglich“ (28%), „mindestens einmal pro Woche“ (26%), oder „mindestens einmal im Monat“ (10%) mit in Japan lebenden Landsleuten, um wichtige Informationen zu erhalten. Manchmal treffen sie sich auch, um sich auszutauschen.

Auf die Frage, wer sie nach dem Erdbeben am meisten unterstützt hat, kamen nach „Ehegatte“ und „Kinder“ (79%), „in Japan lebende Landsleute“, „Landsleute, die man aus der Kirche kennt“, „Landsleute, die den selben Japanischkurs besuchen“ (50%). Hieraus lässt sich schließen, dass mehr als die Hälfte der Ausländer sich wünschen, dass eine Community von Landsleuten gegründet wird und die Selbsthilfe strukturell organisiert wird. Wenn eine Selbsthilfeorganisation von den jeweiligen Bevölkerungsgruppen gegründet würde, könnte jenen geholfen werden, die sich an niemanden wenden können, und mit niemandem über ihre Sorgen sprechen können. Außerdem könnten die Migrantinnen ihren „Wünschen“ und „Meinungen“ Stimmen verleihen und diese innerhalb der Gemeinde vertreten.

Kommunen und Zivilgesellschaft müssen die Organisation zur Selbsthilfe der Migrantinnen unterstützen. Ferner müssen Ausländer (d.h. Migranten, Zainichi-Koreaner, Zainichi-Chinesen) und Japaner bei den Wiederaufbauprojekten in den jeweiligen Regionen zusammenarbeiten. Das ist das zentrale Thema für die Unterstützung der ausländischen Katastrophenopfer und das Ziel unserer Arbeit.

4. Aufgaben der Kirche und der Christen

In dem am Beginn erwähnten internationalen Symposium im Juli 2011 haben Japan, Korea und die Koreanische Christliche Kirche Japans folgende Missionsaufgaben benannt.

„Die Aufgaben zur Unterstützung der Katastrophenopfer sind komplex und vielschichtig, doch die grundsätzlich kommt es darauf an, wie wir eine Gesellschaft aufbauen, die auf der Würde und des Bandes jedes einzelnen Menschen basiert. Eine Gesellschaft, die Produktivität und Effizienz dem Zusammenhalt der Menschen vorzieht, ist aggressiv und schwach zugleich. Ein Maßstab des Wiederaufbaus und der Regenerierung der Gesellschaft sollte das Wohlbefinden der Ausländer sein.“

„Wenn die Kapitallogik außer Kontrolle gerät und der Kolonialismus seinen Kopf erhebt, werden die Menschen nach ihrem Arbeitsgebiet kategorisiert, Rängen zugewiesen und jeder Schritt, den sie unternehmen, kontrolliert und bewacht. Das Ergebnis ist eine Standardisierung und Homogenisierung jener Arbeitskräfte aus dem Ausland, die eigentlich einen multinationalen und -kulturellen Hintergrund besitzen. Ihnen wird verwehrt, als Hauptakteur der Kulturvielfalt und als Austauschträger zu agieren. Sie werden voneinander getrennt und ausgegrenzt.“

„Die heutige Welt wird von einer globalisierten Begierde dominiert, unter welcher viele Menschenleben der Gefahr von Diskriminierung und Unterdrückung, Ausbeutung und Plünderung, und einer Kette des Hasses ausgesetzt sind. Doch inmitten dieser Welt wird jeder einzelne von uns in die frohe Botschaft der Versöhnung berufen, in der wir uns unserer Würde bewusst werden, an dem uns geschenkten Leben erfreuen und unsere Unterschiede gegenseitig akzeptieren können. Lasst uns mit Jesus Christus zusammen leben. Herr der Versöhnung, der bei den Kleinsten das Reich Gottes verkündete, der Gott und Mensch verbindet.“
„Wir glauben und appellieren, dass solange jene ausländische Bürger in Vergessenheit bleiben, die in Japan durch die Katastrophe ihr Leben verloren oder nun in Trauer versinken, weder ein wahrer Wiederaufbau noch ein Aufbau einer neuen Gesellschaft möglich ist.“

Seit April 2012 bin ich jede Woche aus Tokio in das betroffene Gebiet gefahren, hielt Gespräche mit ausländischen Katastrophenopfern und habe sie unterstützt. Doch noch immer ist die Arbeit der japanischen Christengemeinde und der Kirche der Zainichi-Koreaner in Japan nur ein dünner Faden, der einen Punkt mit einem anderen verbindet.

Denn du bist ein heiliges Volk dem Herrn, deinem Gott.
Dich hat der Herr, dein Gott, erwählt zum Volk des Eigentums aus allen Völkern, die auf Erden sind. Nicht hat euch der Herr angenommen und euch erwählt, weil ihr größer wäret als alle Völker - denn du bist das kleinste unter allen Völkern -, […] er [hat] euch herausgeführt mit mächtiger Hand und hat dich erlöst von der Knechtschaft […] (5.Buch Mose 7:6-8) 

 

 


1 Die „Japanische Christliche Konferenz für die Schaffung eines Grundgesetzes für ausländische Einwohner“ ist ein 1987 gegründetes Netzwerk, welches die Grundrechtsprobleme der in Japan ansässigen Koreaner und anderer Ausländer zur Missionierungsaufgabe gemacht hat. Dazu gehören verschiedene Religionsgemeinschaften/ -gesellschaften (Japanischer Katholischer Bischofsrat / NCC Japan / Vereinte Christliche Kirche Japans / Koreanische Christliche Kirche Japans / Anglikanische Episkopalkirche Japans / Union der Japanischen Baptisten / Bund der Japanischen Baptisten / Japanische Christliche Kirche/Freie Methodische Religionsgemeinschaft Japans / YWCA Japan / Organisation der Christliche Frauen Japans) und das Christian Network for the Human Rights of Foreign People in Hokkaidô, Kantô, Kanagawa, Chûbu, Kansai, Hiroshima und Yamaguchi (Kyûshû).
2 Das „Umfrageformular” wurde unter der Leitung von Kwak Ki Hwan erstellt und besteht aus 28 Fragen/16 A4 Seiten. Neben einer japanischen Version wurden Ausgaben auf Englisch, Chinesisch, Koreanisch, Tagalog und Thai erstellt und zusammen mit der japanischen Ausgabe versandt.
3 Das „Zentrum für die Unterstützung ausländischer Katastrophenopfer“ wurde durch das Unterstützungsprojekt für ausländische Katastrophenopfer im April 2012 in der Stadt Sendai errichtet. Zu den freiwilligen Helfern zählten nicht nur Japaner, sondern auch Koreanerinnen, Chinesinnen und Thailänderinnen.

 

 

 

 

 

Konsultationen

Zur Chronologie der Beziehungen:
DOAM und Tokyo / Tomisaka 

1945

Pfarrer Dr. Liemar Hennig in Kyoto, Pfarrer Theodor Jaeckel und der japanische Pfarrer FUKATSU Fumio in Tokyo.

1946

Dr. Hennig und Pfr. Jaeckel werden entlassen. Pfr. FUKATSU bleibt allein.

1952

Pfarrer Harald Oehler aus Halle wird als erster Missionar nach dem 2. Weltkrieg nach Japan entsandt. Er versteht seine Arbeit als "Pioniermission" in einer Zeit des Aufbruchs, des Suchens nach beständigen Werten in der jap. Gesellschaft. Er findet ein im Krieg weithin zerstörtes, aber in schwerer Nachkriegszeit schon wieder im Aufbau befindliches Tomisaka vor. Pfarrer FUKATSU Fumio hatte über Krieg und Nachkriegszeit alle Kraft zur Erhaltung des Besitzes verwendet. Ein Jahr später,

1953

wurde Pfr. Fukatsu entlassen, der sich dann zur Diakonie hin orientierte und das große Diakoniewerk "Kanita-no-Mura" in Tateyama, Chiba-Ken aufbaute.

1957

kam Superintendent Alfred Schmidt nach Tokyo um den Aufbau einer Akademiearbeit nach deutschem Vorbild in Japan voranzutreiben. Bis 1959 geschah dies in Zusammenarbeit mit der DOAM, danach machte sich die Akademiearbeit selbständig.

1961

kamen Pfr. Heyo Hamer und Pfr. Norbert Klein nach Tokyo. Letzterer arbeitete von 1962-1965 in der Akademie. Pfr. Hamer ging nach dem Studium in eine neue Arbeit nach Fukuoka bis 1968. Dort arbeiette er eng zusammen mit Prof. TAKIZAWA Katsumi von der Kyushu-Universität.

1965

wurde Pfr. Günter Dressler nach Japan entsandt, um die Nachfolge von Pfr. Oehler anzutreten. Er kehrte 1975 aus Japan zurück. Im gleichen Jahr,

1975

wurde Pfr. Schneiss im Auftrag des EMS (und DOAM) in den Dienst der Vereinigten Kirche Christi in Japan (Kyodan) nach Japan ausgesandt.

 

Die japanischen Mitarbeiter

1887

Gründung der Kamitomisaka-Gemeinde

1937-1954

Pfarrer Fukatsu Fumio

1954-1967

Pfarrer Matsumoto

1967-1984

Pfarrer Bitoh Shunichi

1985-1998

Pfarrer Ishimaru Yasuki
(Pfr. Ishimarui versieht weiterhin die Pfarrstelle)