Die geplante Marinebasis auf Jeju-do

Zu diesem Artikel vgl auch "Zur geplanten Marinebasis auf Jeju-do" von G. Köllner

Vier Millionen Touristen aus allen umliegenden Ländern besuchen jährlich das „Hawaii Ostasiens", die 85 km südlich des Festlandes gelegene, koreanische Insel Jeju-do. Sandstrände und gute Hotels, Palmen und Mandarinenhaine erwarten die Gäste an der subtropischen Südküste. Der knapp 2000 m hohe Vulkan Halla-san und seine bizarren Lavahöhlen gehören zum UNESCO Weltnaturerbe. Dieses Urlauberparadies hat jedoch eine recht traurige Vergangenheit. Und unter militärischen Gesichtspunkten liegt die Insel strategisch „günstig" zwischen China, Japan und den beiden koreanischen Staaten, ähnlich „günstig" wie die heute zu Japan gehörenden Okinawa-Inseln.

Die Insel mit den schwierigen Bedingungen für Bauern, die sprichwörtlich über viel Wind, viele Steine und viele hübsche Frauen verfügen soll, hat die Einverleibung nach Korea, die Abgeschiedenheit und geringe Bildungsmöglichkeiten, die japanische Besatzung und das Massaker vom 3. April erlebt. Zigtausende von Bewohnern sind im letzten Jahrhundert grausam ums Leben gekommen, und dass viele Menschen auch heute noch gegenüber Regierungsentscheidungen skeptisch sind, kann nicht verwundern.

Wenn der Reisende heute entlang der Südküste im Auto oder Bus unterwegs ist, dann tauchen im Südwesten nahe Seogwipo hinter einer scharfen Kurve nach kilometerlangen Eindrücken von Obstbäumen, Hotelhinweisen und hübschen Dörfern mit bunten Ziegeldächern plötzlich meterhohe Protestplakate auf. Nach wenigen Metern weicht das Fahrzeug provisorischen Zelten aus, die anscheinend eine Baustellenzufahrt auf der


geplantemarinebasis01 635Protestierende Bauern vor einem Zelt

gegenüberliegenden Straßenseite bewachen. Ein großes Informationsschild vor dieser Einfahrt zeigt ein Bild von bummelnden Menschen neben Anlegestellen von Wasserfahrzeugen, die den Eindruck von Ausflugsschiffen vermitteln. So ist ein erster Gedanke an eine touristische Einrichtung nicht verwunderlich. Erst der Name der projektverantwortlichen Organisation lässt stutzen: „Republic of Korea Navy".

Die Protestplakate daneben sprechen eine andere Sprache: „No Guam, no Hawaii, no Okinawa" ist hier zu lesen. Mandarinenbauern aus dem hier liegenden Dorf Gangjeong kommen aus den Zelten und erzählen, weshalb sie nicht auf ihren Feldern sind, sondern täglich 24 Stunden lang diesen Ort bewachen. Sobald Baufahrzeuge anfahren und mit Bauarbeiten begonnen werden sollte, werden Projektgegner überall in Korea benachrichtigt.

Geplant ist hier eine neue Marinebasis mit 480.000 Quadratmetern Ausdehnung, gemäß der englischsprachigen Jeju Weekly (28.10.2009) Platz genug für 20 Kriegs- und zwei Kreuzfahrtschiffe. Der Bauherr ist zwar das koreanische Militär, aber genutzt wird die Basis natürlich auch von den US-Streitkräften, die seit 1945 im Land stationiert sind. In Gangjeong sollen rund 30 ha landwirtschaftliche Flächen wegfallen, sehr fruchtbares Land voll Gewächshäuser. Dieser südwestliche Teil der Insel wird intensiv touristisch genutzt, hier liegen die wichtigsten Strände und viele Attraktionen wie der botanische Garten, Museen, buddhistische Tempel und vieles mehr, und die bei Wanderfreunden so beliebten Olle-Wanderpfade kreuzen auch Gangjeong (Weg Nr. 7). Diese ausgeschilderten Wege haben in den letzten Jahren einen weiteren Boom bei den Touristenzahlen auf der Insel gebracht. Direkt vor dem Strand von Gangjeong gibt es Weichkorallenvorkommen, die durch den Bau der Basis unweigerlich zerstört werden würden. Bei den zu erwartenden Umweltverschmutzungen im Bereich eines Marinestandortes ist auch eine Regeneration der Flora und Fauna nach dem Ende der Bauarbeiten nicht zu erwarten. Und die Bauern aus Gangjeong sind zudem enttäuscht, dass sie und ihre Meinung bei den Planungen wenig berücksichtigt worden seien. Wegen einer fehlenden Umweltverträglichkeitsprüfung für das Bauvorhaben läuft ein gerichtliches Verfahren.

Neben den direkten Zerstörungen und Umweltbeeinträchtigungen vor Ort sowie heftigen Einbußen im wichtigsten Wirtschaftszweig der Insel, dem Tourismus, betreffen viele Aspekte und Folgen ein weiteres Umfeld. Das Recht auf freie Meinungsäußerung erlebt seit der Regierung des momentanen Präsidenten LEE Myun-Bak spürbare Einschränkungen und NGOs, die sich für den Erhalt der demokratischen Werte im Land einsetzen, sind besorgt und erfahren vermehrt Kontrolle. Dies betrifft auch die Berichterstattung zur Marinebasis. Die Bauern schildern, dass inzwischen alle Zeitungen der Insel auf eine Linie zugunsten der Basis eingeschwenkt seien.

CHOI Sung-HeeAuch kauft Südkorea Kriegsschiffe, die Hyundai zusammen mit Lockheed baut und die mit Radarsystemen und Abfangraketen ausgerüstet sind. Damit wird jedoch die kleine Marine des Landes, die bisher nur die Küstengewässer zu bewachen hatte, im Vergleich zu Japan und USA nach wie vor sehr klein bleiben. Relevant wird sie erst in der Zusammenarbeit mit diesen beiden Ländern. Die geplante Basis wird also sicher auch von deren Kriegsschiffen genutzt werden. Als Gegner kommt dabei die chinesische Kriegsflotte in Betracht, die nach Schätzungen 260 Kriegsschiffe und mehr als 60 U-Boote umfassen soll. Wieder also, wie bereits bei der japanischen Kolonialisierung und im Pazifischen Krieg wird Jeju-do seine strategische Lage zum Verhängnis: von hier aus liegen die wichtigen ostasiatischen Ziele zwischen der russischen Grenze und Taiwan einschließlich aller bedeutenden chinesischen Städte weniger als 2 000 km entfernt. Und im Umfeld von Jeju-do bewegt sich ein Großteil der Rohstofftransporte für die Volksrepublik China. Und was für die Menschen vor Ort ein weiterer Protestgrund ist: im Falle von Kriegshandlungen in Ostasien wäre ein Marinehafen in Gangjeong eines der ersten Angriffsziele.

So setzen Menschen weltweit und auf Jeju-do ihren Widerstand gegen eine Marinebasis fort. KANG Dong-Kyun, der Bürgermeister von Gangjeong hat dafür bereits einen zwei-wöchigen Hungerstreik sowie einen Fußmarsch rund um die Insel hinter sich. Von den rund 2000 Einwohnern des Dorfes haben sich 80 für den Bau der Marinebasis ausgesprochen, alle übrigen unterstützen die Proteste. Das Dorf hat auch Solidaritätsbotschaften mit Okinawa ausgetauscht, wo die Bevölkerung extrem durch Militärbasen belastet ist. Enge Kontakte bestehen auch mit Friedensgruppen auf Guam und Hawaii, die ähnliche Schicksale erleiden. Jeju-do, das unter Präsident ROH Moo-Hyun den Titel „Insel des Friedens" erhielt mit der Hoffnung, dass die Vergangenheit2 überwunden werden könne, möchte seinem Namen gerecht werden.

Traditionell stehen auf Jeju-do und in ganz Korea Harubang-Figuren am Dorfeingang, um den Bewohnern Frieden und Wohlergehen zu garantieren und keine negativen Kräfte eintreten zu lassen. In Gangjeong stehen diese beiden Wächterfiguren an jenem Strand in Richtung zum Meer gewandt, an dem die Militärbasis gebaut werden soll. Bereits jetzt sind Auseinandersetzungen zwischen einzelnen Befürwortern und der großen Gruppe der Basis-Gegnern aufgetreten – mögen die Harubang helfen, dass wieder Frieden einkehre in Gangjeong.

Auf folgenden Internet-Blogs kann man sich in englischer Sprache zu den Vorgängen rund um die Marinbasis informieren: CHOI Sung-Hee (Foto) ist Künstlerin und Kunstlehrerin. Sie stammt nicht aus Jeju-do sondern vom koreanischen Festland, nutzt jedoch ihre Freizeit und jeden Urlaubstag, um über die geplante Marine-Basis in englischer Sprache zu informieren und Friedensaktivisten und Journalisten auf Jeju-do zu begleiten. Ihr Internet-Blog steht in:
http://nobasestorieskorea.blogspot.com/
Sie ist Mitglied im „Global Network against Weapons and Nuclear Power in Space" (siehe: http: //www.space4peace.org/), die ebenfalls über die wichtigsten Ereignisse rund um die geplante Militärbasis berichten.
Fotos: G. Köllner 
Gisela Köllner, Stuttgart, Dipl.-Geografin und Mitarbeiterin im Verbindungsreferat Ostasien des EMS

 

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