DARUM 2010/1: Als Ökumenische Mitarbeiterin im Ausland

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Mira Sonntag mit einem Teil ihrer Forschungsgruppe zum Religionsunterricht

 

Dr. Mira Sonntag

Von der FDJ in die Mission

Beinahe täglich aufs Neue bin ich erstaunt über den Weg, den Gott mich führt. Ich hätte nie gedacht, dass ich als Kind der DDR inklusive FDJ-Mitgliedschaft einmal missionarisch in Tokyo aktiv werden würde. 1998 ging ich nach Japan, um als Japanologin mit Schwerpunkt Religion in Tokyo zu promovieren. Ich wollte erleben, was es für Japaner und Japanerinnen bedeutet, sich gegen den Zeitgeist zum Christentum zu bekennen. Denn trotz über 450 Jahren christlicher Mission hat sich in Japan nie mehr als ein Prozent der Bevölkerung zum Christentum bekannt.

2003 lernte ich das EMS und die zur EMS-Gemeinschaft gehörende japanische Kirche KYODAN auf einer deutschjapanischen Kirchenkonsultation kennen. Dort zu dolmetschen war unglaublich spannend. Beide Seiten hatten drängende Fragen und waren neugierig auf die Antworten des anderen. Doch ich stellte fest, dass es viel Geduld und einfühlsames Bedenken braucht, damit die Reaktionen des anderen die eigene Perspektive bereichern können. Ebenso ist viel Mut erforderlich, um Probleme, die man bei der anderen Seite wahrnimmt, zu benennen.

Später dolmetschte ich für Studierende des EMS-Programms Studium in Ostasien bei einem interreligiösen Dialog mit der buddhistischen Neureligion Risshô Kôseikai. Mit vielen Zitaten aus den jeweiligen heiligen Schriften beschrieben beide Religionen ihre Wege zur Erlösung. Am meisten beeindruckte mich dabei das Erstaunen einer Studentin, als ihr der buddhistische Vertreter auf den Kopf zusagte: Du siehst für mich sehr erleuchtet aus. Sie spürte, dass der Buddhist anerkannte, wie ernsthaft ihr Glauben war, unabhängig von der Religion. Und ihr war klar, dass dieses Zugeständnis eine Aufforderung an sie selbst war.

Missionieren mit sozialer Verantwortung

Auch ich erfuhr in diesen Begegnungen Mission ganz neu und entdeckte, dass sie bei allen Schwierigkeiten im Umgang mit historischen Altlasten auch Freude machen kann. Meine Talente und Fähigkeiten für einen guten Zweck einzusetzen und den christlichen Glauben in der Verantwortung für meine soziale Umwelt zu leben, hatte ich mir lange gewünscht. Also sprang ich im April 2005 über meinen Schatten und wurde Missionarin. In der Terminologie des EMS heißt es Ökumenische Mitarbeiterin, doch hier vor Ort spricht man wie einst von Missionaren. Ich wurde Studienleiterin am Tomisaka Christian Center (TCC), einem aus der Tradition der Deutschen Ostasienmission (DOAM) hervorgegangenen interdisziplinären Forschungszentrum. Meinen Dienst dort trat ich zum 120. Jubiläum der Ostasienmission und 30. Jubiläum des TCC an. In diese Geschichte bin ich täglich hineingestellt.

Meine Arbeit ist erfrischend vielfältig. Ich forsche, lehre, berate und organisiere, begegne immer wieder neuen Menschen mit ihrem ganz persönlichen Hintergrund. Für sie bin ich ein Stück Deutschland zum Anfassen.

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Blick auf den buddhistischen Ginkakuji-Tempel in Kyoto. Beim Studium in Ostasien erleben deutsche Studierende auch den japanischen Buddhismus. Das Programm war einer der ersten Berührungspunkte von Mira Sonntag mit dem EMS.

 

Forschen mit sozialem Engagement

Im TCC steht die Forschung zu sozialethischen Fragen im Mittelpunkt. Wichtige Beiträge zum Verhältnis von Religion und Staat, zur Vergangenheitsbewältigung, zum Umgang mit der ökologischen Krise und zum Frieden in Ostasien sind hier entstanden. Dabei heißt Forschen immer auch Solidarität mit betroffenen Menschen: mit den Christen und Christinnen in Südkorea, die sich für die Demokratisierung einsetzten, mit japanischen Lehrkräften, die staatlichen Disziplinarmaßnahmen unterworfen werden, mit den Opfern der japanischen Entwicklungspolitik in Sri Lanka und Indonesien oder auch mit psychisch kranken Kirchenmitgliedern. In Japan werden neben dem Christentum auch andere Religionen beargwöhnt. Deshalb leite ich eine Forschungsgruppe zum Religionsunterricht an öffentlichen Schulen und wir versuchen, das Tabuthema Religion in die Schule zu bringen. So wollen wir dazu beitragen, dass die Gesellschaft den Beitrag der Religionen realistischer wahrnimmt. Christliche, buddhistische und atheistische Forscher und Forscherinnen aus dem In- und Ausland arbeiten dabei Hand in Hand.

 

Lehren aus eigener Erfahrung

Was ich weiß, das will ich weitergeben: beispielsweise meine Muttersprache anzukünftige Stipendiaten des Nationalen Kirchenrats von Japan (NCCJ) oder andere Theologiestudierende. Meine Außenperspektive auf die Geschichte des Christentums in Japan vermittle ich durch Kurse an der Universität. Dabei versuche ich, Studierende zu ihrer eigenen Lesart des Christentums anzuregen. Bei EMS-Projekten wie Die Bibel mit den Augen anderer lesen und der Tagung Theologie im Gespräch mit Frauen aus Ostasien habe ich wertvolle Einblicke in die Lebenswelten von Frauen gewonnen. Einige Frauen ließen sich von mir filmen. Die Begegnung mit ihnen auf der Leinwand wühlt auch die Studierenden hier in Japan auf und lässt sie altbekannte Interpretationen der Bibel hinterfragen.

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Bewohnerinnen des Wohnheims für chinesische Studentinnen, das Mira Sonntag geleitet und danach weiterentwickelt hat. Inzwischen ist die Einrichtung gewachsen.


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Die Pfarrerin der Shitaya-Kirche in Tokyo nahm mit ihrem Bibelkreis am Bibelprojekt des EMS teil. Mira Sonntag vermittelte dabei die Kontakte und beriet.


Beraten als Mittlerin zwischen Welten

Manchmal werde ich um Beiträge zu Gottesdiensten gebeten, zum Beispiel in der Kami-Tomisaka-Gemeinde direkt vor der Haustür oder in christlichen Grundschulen. Statt zu predigen gebe ich Zeugnis und versuche zu beraten. So auch im Bibelleseprojekt des EMS, an dem sich gleich zwei sehr verschiedene Frauengruppen beteiligten. Michiko Narimatsu und Yôko Sugimori waren außer sich vor Freude, als sie zum Abschluss ihre Partnergruppe in Deutschland besuchen durften. Gitta Klein von der Partnergruppe im württembergischen Remshalden stattete ihnen einen Gegenbesuch ab. Beide Seiten konnten Verbindungen knüpfen, die weit über einen theologischen Austausch hinausgehen. Meine Sprachkenntnisse erleichtern den Kontakt der japanischen Seite zur EMS-Geschäftsstelle und zur Deutschen Ostasienmission (DOAM). Mein sozialistisches Erbe fördert den Kontakt in die beiden Koreas und nach China. Zweimal wurde mein Vertrag verlängert, seit Sommer 2008 trägt die japanische Stiftung Christliche Ostasienmission 70 Prozent der Personalkosten. Obwohl es auch Reibungspunkte gibt, weil eine Mitarbeiterin auf Basis von Personalaustausch manchmal unbequem ist, überwiegt die Bereicherung. Sie sind für uns ein Geschenk Gottes, sagte mir Takehisa Takeda, Vorstandsmitglied der Stiftung, vor einiger Zeit.

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Die Koreanerin Lee Chunsun fotografiert ein japanisches Denkmal für gelynchte Koreaner. Die Solidarität mit den Leidenden ist in Mira Sonntags Forschung zentral.

Redaktion Birte Petersen

DARUM ist eine Zeitschrift des Evang. Missionswerks in Südwestdeutschland (EMS)
vertrieb@ems-online.org

 

Dr. Mira Sonntag

Mira Sonntag ist ein Glücksfall für das EMS: Sie spricht fließend Japanisch und die japanische Kirche vertraut ihr so sehr, dass sie inzwischen Direktorin einer renommierten Forschungseinrichtung geworden ist. Eine persönliche Zwischenbilanz der Japanologin 

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Heft 2010 Nr. 1

 

Ökumenische Mitarbeitende im EMS

In der EMS-Gemeinschaft findet Personalaustausch in drei Richtungen statt: Es werden von Deutschland aus ökumenische Mitarbeitende in Kirchen in Afrika, Asien und dem Nahen Osten ausgesandt. Umgekehrt kommen Mitarbeitende aus diesen Kirchen zum Dienst in deutsche Kirchen. Außerdem tauschen die Kirchen im Süden untereinander Mitarbeitende aus (Süd-Süd-Austausch). Dahinter steht die Überzeugung, dass Mission keine Einbahnstraße ist. Denn, wie es in der Theologischen Orientierung des EMS heißt: Wir bezeugen das Evangelium von Jesus Christus am jeweiligen Ort auf einladende und glaubwürdige Weise. Die Erfahrung von Fremdheit in der Begegnung und im Austausch über Grenzen hinweg hilft uns, das Evangelium in neuer Weise zu entdecken.

Das EMS gewährleistet eine sorgfältige Vorbereitung, Begleitung und Auswertung aller Einsätze. Es geht darum, eine berufliche Qualifikation einzubringen, einen Dienst an der internationalen EMS-Gemeinschaft zu leisten und um die eigene ökumenisch-interkulturelle Qualifizierung, die auch nach der Rückkehr fruchtbar wird.

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