1943-2013: Gedenkgottesdienst Freiburg 2014

26. Januar 2014, Freiburg im Breisgau


Ökumenischer Gedenkgottesdienst für die aus Freiburg deportierten Sinti
1943 - 2014  -  70 Jahre

17:30 Uhr in der St. Johann-Kirche

Die Namen der Deportierten:



Die Predigt von Dr. A. Hoffmann-Richter

Ökumenischer Gedenkgottesdienst am 26.01.2014 um 17:30 Uhr
Johanneskirche Freiburg i.Br.


Predigttext Lukas 9, 51-56:
51 Es begab sich aber, als die Zeit erfüllt war, dass er hinweggenommen werden sollte, da wandte er sein Angesicht, stracks nach Jerusalem zu wandern.
52 Und er sandte Boten vor sich her; die gingen hin und kamen in ein Dorf der Samariter, ihm Herberge zu bereiten.
53 Und sie nahmen ihn nicht auf, weil er sein Angesicht gewandt hatte, nach Jerusalem zu wandern.
54 Als aber das seine Jünger Jakobus und Johannes sahen, sprachen sie: Herr, willst du, so wollen wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre.
55 Jesus aber wandte sich um und wies sie zurecht.
56 Und sie gingen in ein andres Dorf.
Amen.


Liebe Gemeinde,

Es ist erschreckend und böse, wie die Freunde von Jesus reagieren, als sie in jenem Dorf der Samariter nicht beherbergt werden. Die Freunde von Jesus wünschen im Ernst, Feuer möge auf das Samariterdorf fallen, damit es in Schutt und Asche fällt. Lukas hat sich nicht gescheut, vom Hass und den Vorurteilen der Jünger und Freunde von Jesus gegen die Samaritaner zu berichten. Er will uns dadurch kritisch machen gegen uns selbst, denn Diskriminierung und Antiziganismus ist unser eigenes Problem.

Eine Untersuchung, die an der Universität Wien in Auftrag gegeben wurde, kam zu dem Ergebnis, dass die meisten EU Projekte für Roma in der Slowakei derzeit aus drei Gründen scheitern,
1. weil es an der Bereitschaft der Organisatoren vor Ort fehlt, mit den Vertretern der Roma auf Augenhöhe zu verhandeln und zu planen.
2. Wegen des starken Antiziganismus unter den Sozialarbeitern und in der Verwaltung.
3. Wegen der viel zu kurzen Befristung der Projekte.

Jesus stoppt seine Jünger. Und er zeigt ihnen und uns sehr interessante Methoden zur Überwindung unserer Vorurteile.
1. Er erzählt eine gute Geschichte von einem Samariter. Die erste Methode heißt: Gutes Erzählen von diskriminierten Menschen.

Wo wir keinen Kontakt zu Sinti und Roma wünschen, da wendet uns Jesus den Rücken zu wie er es in diesem Fall gegenüber Jakobus und Johannes tut. Er zieht es vor, Kontakt zu den Diskriminierten zu suchen.

2. Die zweite Methode von Jesus ist es, Kontakt aufzubauen zu den Diskriminierten. Deshalb ist er nicht zufrieden, ehe seine Freunde nicht mit ihm in einem Dorf der Samariter übernachten und mit den Leuten dort in Ruhe ins Gespräch kommen. Es gibt zwei Wege von Galiläa nach Jerusalem, einen durch das Jordantal über Jericho nach Jerusalem. Den wählten die Juden gewöhnlich, um den Kontakt zu den Samaritanern zu vermeiden. Oder man geht durch Samarien. Dann muss man dort aber übernachten, denn der Weg durch ihr Gebiet dauert zwei Tage. Das andere Dorf, in dem Jesus mit seinen Freunden anschließend doch übernachtet, ist also ein samaritanisches Dorf.

Die Freunde erleben dort die Gastfreundschaft von Menschen, die sie vorher verachtet hatten.


Wir gedenken in diesem Gottesdienst besonders der Sinti und Roma aus Freiburg, die 1943/44 nach Auschwitz gebracht und dort ermordet wurden und derer, die Auschwitz traumatisiert überlebten und nach dem Krieg nach Freiburg kamen. Wir denken heute weiter an ihre Nachkommen, an die Freiburger Sinti und Roma in Geschichte und Gegenwart.

Bis heute ist ja in den Schulen die Behandlung des Völkermords an den Sinti und Roma nicht die Regel, auch nicht der Blick auf die Abschiebung von Rückkehrern nach dem Krieg, die Fortsetzung rassistischer Sondererfassung der Sinti und Roma durch die Polizei bis in die 80er Jahre des 20. Jahrhunderts oder die unterlassenen oder verzögerten Kompensationszahlungen für erlittenes Unrecht und die fortgesetzte Diskriminierung bis in die Gegenwart.

Wir denken an die Mitschuld er Kirchen durch die Amtshilfe für die Vorbereitung des Völkermords z.B. durch die Öffnung der Kirchenbücher zur Identifikation der später deportierten und ermordeten Menschen.

Erschreckend ist, dass die Schuld gegenüber den Sinti und Roma – von Ausnahmen abgesehen - erst seit den 80ger Jahren von mehr Menschen in den Blick genommen wurde.

In jüngster Zeit wird endlich auch der schon lange vor dem Nationalsozialismus akkumulierte Antiziganismus erforscht.

Als Sinti und Roma nach 1400 versuchten, sich hier als freie Handwerker und Händler niederzulassen, wurde ihnen in den Kaiserlichen „Schutzbriefen“ nur Durchzugsrecht, d.h. nur die Möglichkeit zu ambulantem Gewerbe eingeräumt. Das heißt, sie wurden durch die öffentliche Hand zum Umherziehen gezwungen.

Als 1750 in den Habsburgischen Territorien Sinti und Roma ihre Kinder planmäßig weggenommen und zur Zwangsadoption gegeben wurden, warf man den Sinti vor, Kinder zu stehlen, d.h. ihre eigenen Kinder wieder zurückzuholen.

In der Zeit des Absolutismus wurden Sinti im jeweiligen Territorium an einem Stichtag örtlich festgeschrieben und Familien dabei auseinandergerissen. Wer des wirtschaftlichen Überlebens willen noch seine Kunden außerhalb aufsuchte oder seine getrennten Familienmitglieder treffen wollte, wurde kriminalisiert.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden die überlebenden Sinti und Roma zunächst abgewiesen, dann am Rand der Städte gehalten.

Als schließlich in Osteuropa in den 90er Jahren in Folge der Beseitigung des Eisernen Vorhangs und der Wirtschaftsumstellung die Arbeitslosigkeit wuchs, wurde diese dort überproportional auf die Roma abgewälzt. Diejenigen, die vor der EU-Osterweiterung als Asylbewerber nach Westen kamen, wurden zurückgeführt in ihre südöstlichen Heimatländer. Dies Programm scheitert dort aber am Willen der Arbeitgeber, Roma einzustellen.

Die Frist für die niedrige Arbeitslosenhilfe und Sozialhilfe wird für die Betroffenen in vielen Ländern aus Finanzmangel sehr kurz gehalten. Viele dortige Roma werden dadurch in den Hunger, zum Betteln und in die Schwarzarbeit gedrängt, was man umgekehrt wiederum ihnen in die Schuhe schiebt.

Wer auf Grund der aussichtslosen Situation (nochmals) z.B. nach Deutschland, floh, musste oft ohne Aussicht auf Sozialhilfe leben. Wer dadurch in aussichtslose finanzielle Lage geriet, dem wird dies selbst zur Last gelegt.

Vor drei Monaten schürte die griechische Polizei und die europäische Presse das Vorurteil des Menschenraubs gegen Roma. Das blonde bulgarische Mädchen Maria bei einer griechischen Roma-Familie traf auf ein Vorurteil. Das Mädchen wurde von der griechischen Polizei seinen Pflegeeltern weggenommen. Die Darstellung als Menschenraubs wurde ausgegeben und europaweit ausgeschlachtet, bis sich innerhalb weniger Tage herausstellte, dass die leibliche Mutter das Kind selbst an die betreffende Familie gegeben hatte. Auch vor rassistischen Vorstellungen schreckte die Polizei und Presse dabei nicht zurück. Als ob ein Kind dunkelhaariger Eltern nicht blond sein könne. Auch die hiesige Presse war sich nicht zu schade, dabei erst einmal mitzumachen, ehe die Richtigstellung kam.

Heute besteht die häufigste Art der Diskriminierung in der Vermeidung von Kontakt mit Sinti und Roma. Noch immer gibt es bei einem großen Teil der Bevölkerung diese Haltung, auch unter Christen.

Ähnlich wie unter den Jüngern gegenüber den Samaritanern: Matthäus will den Kontakt von Jesus zu ihnen nicht wahrhaben, Lukas erwähnt die Samaritaner wiederholt positiv, nach Johannes (8,48) beschimpften die Leute Jesus selbst als „Samariter“. Aber Jesus ist sich dessen gewiss: Samariter sind bei Gott geachtet.
Sie haben die höchste Würde auf Erden, die Menschenwürde. Und sie genießen Gottes Zuwendung, Anrede und Gemeinschaft.
Amen.

Zum Programm des Gottesdienstes:

Gedenkgottesdienst für die aus Freiburg deportierten Sinti
Sonntag, 26.01.2014, 17:30 Uhr in St. Johann

Vorspiel (Orgel)
Votum (Dekan Gaber)
Begrüßung (Dekan Gaber)
Lied 1: GL 436, 1-5 Ach bleib mit deiner Gnade
Eingangsgebet: Bußpsalm 51, EG 730 (Pfr. Philippi)

Verlesung der Namen der aus Freiburg nach Auschwitz deportierten Freiburger Sinti (mit Vermerk der Todesdaten)

Entzündung von Gedenkkerzen für jeden Verlesenen
Musik aus der Gemeinde Weingarten

Stilles Gebet/Gedenken
GL 157 Herr, erbarme dich (nach kurzer Intonation 2x)
Lesung: 1. Mose 1, 27 (Pfr. Philippi)
Lied 2: GL 464, 1-8 Gott liebt diese Welt
Lesung aus dem Bericht von Wilhelm Spindler (Gemeinde Weingarten)

Musik aus der Gemeinde in Weingarten

Predigt zu Lukas 9, 51-56 (Pfr. Hoffmann-Richter)
Chor der ESG Freiburg
Fürbittengebet (Pastor Kobi/ Pfr. Philippi), Vater unser
Lied 3: GL 468, 1-3 Gott gab uns Atem, damit wir leben

Mitteilungen: Opfer zur Hälfte für die Gemeinde St. Johann und an den "AK Sinti/Roma und Kirchen BW".
Grußwort von Pfr. Philippi im Namen der Evangelischen Gemeinden und Einladung zum anschließenden Gespräch mit Pfr. Dr. Hoffmann-Richter in die ESG Freiburg

Lied 4: GL 475 Verleih uns Frieden gnädiglich
Segen (Dekan Gaber)
Chor der ESG Freiburg

(Programmentwurf: Pfr. Dr. A. Hoffmann-Richter)





 

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