Dt.-Jap. Kirchenkonsultation 2013 - Projekt des YWCA

Dt.-Jap. Kirchenkonsultaion 2013 in Hamburg
12. - 15. Februar 2013
Evang. Missionsakademie Hamburg 


6. Deutsch-Japanische Kirchenkonsultation
Vortrag von Frau Reiko Nishimoto
Vergleichen Sie bitte zu diesem Vortrag die Bilder in der Präsentation von Frau Nishimoto. 

Projekte der japanischen Young Women Christian Association (YWCA) zur Unterstützung der Opfer der schweren Erdbebenkatastrophe in Japan

Guten Tag und Konnichi wa. Mein Name ist Reiko Nishimoto. Ich danke unserem Gott dafür, dass er es uns gewährt hat, dass wir uns hier mit euch, unseren Brüdern und Schwestern im Herrn, von Angesicht zu Angesicht treffen und mit euch sprechen können.

Ich arbeite seit dem April 2011 für die YWCA in Kobe beziehungsweise speziell für Projekte der japanischen YWCA zur Unterstützung der Betroffenen der Erdbebenkatastrophe.

Lassen sie mich bitte zuerst den aus Japan mitgebrachten Dank dafür aussprechen, dass Sie alle, aus Deutschland und aus der Schweiz, für die betroffenen Menschen aus dem fernen Japan gebetet haben, ohne einen einzelnen zu vergessen, und diesen Menschen fortwährend Ihren konkreten Beistand zukommen ließen. Sie waren eine der Organisationen, die gleich nach der schweren Erdbebenkatastrophe, die sich am 11.3.2011 im Nordosten Japans ereignete, den Kontakt zu uns aufgenommen haben. Wir sind eigentlich keine Nichtregierungsorganisation (NGO), die Sofort-Hilfen für Katastrophen zum Ziel hat. Mithilfe Ihres Vertrauens in den Erfolg unserer Hilfsaktionen nach dem Großen Erdbeben in Kobe von vor 18 Jahren jedoch, und Ihren Geldsammlungen gaben Sie uns unter anderem die Kraft, das zu tun.

• Allem voran haben wir den Kinderkrippen und Kindergärten, und, mittels der Kirchen, den Frauen und Kindern unter anderem Papierwindeln, Milchpulver, Babyflaschen, Babynahrung, Toilettenpapier und Sanitärartikel zugesandt. Des Weiteren konnten wir an das Katastrophengebiet die uns durch die südkoreanische YWCA zugesandten über zwanzigtausend Wasserflaschen und über vierzigtausend Portionen Trockennudeln weitergeben. Auf Nachfragen aus dem Katastrophengebiet und den Spenden eines Unternehmens konnten wir dem Gebiet außerdem Curry-Paste zukommen lassen.

• Des Weiteren konnten wir auch Mitarbeiter in das betroffene Gebiet entsenden, um zu erkunden, was vorgefallen war und was wir tun können. Durch diese Untersuchung noch während der Tsunami-Katastrophe trafen wir auf die Küstenstadt Shinchimachi im Bezirk Sōma in der Präfektur Fukushima, in die es noch keine anderen Hilfsorganisationen geschafft hatten, und konnten einen Teil dringlicher Hilfsaktivitäten übernehmen. Mit den Menschen in Shinchimachi stehen wir immer noch in ständiger Verbindung.

• Unserer Unterstützung besteht vor allem darin, denjenigen Kindern und Familien, die in der Präfektur Fukushima nach dem AKW-Unfall im Atomkraftwerk des Tokyoter Stromversorgers Tōkyō Denryoku, Fukushima Daiichi, inmitten der Strahlung leben müssen, mithilfe verschiedener Erholungsprogramme und Erholungscamps unserer YWCA anzubieten, sich eine Zeit lang in einer anderen Präfektur zu erholen. Insgesamt 726 Personen konnten dadurch im Sommer und Winter 2011, des Weiteren im Frühjahr und Sommer 2012 Körper und Geist erholen lassen.

• Und schließlich konnten wir ab dem Oktober 2012 inmitten von Fukushima-Stadt ein Zentrum für unsere
Aktivitäten etablieren. Unsere YWCA-Mitglieder vor Ort haben ihm den Namen „Caro Fukushima“ gegeben. Das Wort „caro“ hat auf Italienisch die Bedeutung „lieb, liebenswert“. Wir hoffen, dass das Zentrum ein Ort wird, an dem die Menschen, die gezwungenermaßen in dem verstrahlten Fukushima bleiben und dort leben müssen, in einer sorgenfreien Atmosphäre Informationen austauschen, ins Gespräch kommen und gemeinsam aktiv sein können. Auch das Etablieren von „Caro Fukushima“ geschah dank Ihrer aller Hilfe. Ich möchte Ihnen allen dafür noch einmal von Herzen danken. Vielen herzlichen Dank!

• Bei den genannten Aktivitäten liegt meine Zuständigkeit in der japanischen YWCA bei der Koordination des „Second House-Programms“, mit man sich eine Zeitlang außerhalb der Präfektur Fukushima erholen kann. Das „Second House-Programm“ beinhaltet, dass Kindern, Familien und alleinstehenden Frauen aus dem verstrahlten Fukushima von Mitgliedern der YWCA und der YWCA verbundenen Personen aus 26 Regionen in ganz Japan unentgeltlich Zimmer und Wohnungen zur Verfügung gestellt werden, die zu dem augenblicklichen Zeitpunkt nicht gebraucht werden. Die gesamten Reisekosten und die während des Aufenthalts entstehenden Kosten für Wasser, Licht und Heizung übernimmt die YWCA. Die Zeit des Aufenthalts muss mehr als drei Übernachtungen bzw. vier Tage betragen können. Für die geliehenen Häuser gilt außerdem die Bedingung, dass ein Mindestbestand an Hausrat vorhanden ist.

• Auf die Nutzer entfällt also nur die Bürde der Ausgaben für Lebensmittel und die verschiedenen anderen Kosten während ihres Aufenthalts. Es genügt, wenn sie zu ihrem „Second House“ kommen. An Orten, an denen die Nutzer niemanden kennen, hat sich die örtliche YWCA während des Aufenthalts im „Second House“ um die Nutzer gekümmert, wenn der Wunsch danach bestand.
Heute möchte ich Ihnen einen Einblick in diese Aktivitäten geben, in die Gedanken, die mir dabei kamen, und das, was ich dabei gelernt habe.
Ich weiß nicht, wie viel Sie darüber wissen, inwiefern Japan von der Strahlung betroffen ist. Wahrscheinlich haben Sie genau die Folgen des Atomunfalls verfolgt und in welcher Situation sich Japan damals befand.

• Zuerst möchte ich noch einmal festhalten, was in Fukushima und nach dem elften März geschehen ist. Dort liegt Japan. Dort Fukushima. Die aufgrund des Tsunami entstandenen Schäden erstreckten sich nebenbei gesagt von Iwate bis Chiba, das ist eine Länge von ungefähr 500 km. Auch das an der Küste der Präfektur Fukushima gelegene Atomkraftwerk des Tokyoter Stromversorgers Tōkyō Denryoku, Fukushima Daiichi, wurde natürlich durch das Erdbeben und den Tsunami beschädigt. Nach dem elften März gab es einen Atomunfall des Schweregrads 7. Dies entspricht dem des Atomunfalls in Tschernobyl. Die von dem Atomunfall betroffenen Gebiete liegen in einem Radius von 200 km ausgehend von dem Störreaktor in jede Himmelsrichtung. Auch Tokyo, das Zentrum Japans, liegt auf dieser Linie.

• Das ist Fukushima. Bis zum Zeitpunkt des Atomunfalls war ich noch nie in Fukushima. Ich wusste nicht, was es für ein Ort ist und ich kannte niemanden dort. In den letzten zwei Jahren ist Fukushima zu einem Ort geworden, den ich mehr als jeden anderen Ort besucht habe. Und es ist die Stadt Fukushima, wo ich hauptsächlich tätig bin.

• Lassen Sie mich kurz etwas über Fukushima erzählen. Fukushima ist eine der größeren Präfekturen Japans. Die Hauptstadt der Präfektur heißt ebenfalls Fukushima. In Japan ist es flächenmäßig gesehen die drittgrößte Präfektur und damit achtzehn Mal so groß wie Hamburg, also fast so groß wie Schleswig-Holstein.

• Fukushima ist ein Königreich für Obst und andere landwirtschaftliche Produkte. Von Tokyo liegt es ein bisschen weniger als zwei Stunden entfernt. Trotz dieser Nähe schien es viele Menschen zu geben, die das Leben auf dem Land dem Leben in der Stadt vorzogen und sich dort ansiedelten. Außerdem gab es wohl viele Menschen dort, die biologische Landwirtschaft betrieben. Eine Mutter aus Fukushima-Stadt äußerte sich folgendermaßen über Fukushima: „Die Stadt Fukushima liegt in einer Mulde am Fuße der Agatsuma-Gebirgskette. Der Sommer ist sehr heiß, der Winter sehr kalt, allein das Obst schmeckt gut. Es ist eine mittelmäßige Stadt, die auch wenig an touristischen Attraktionen zu bieten hat.“ Für einen Großstädter wie mich jedoch ist Fukushima wirklich eine schöne Stadt. Das erste Mal kam ich im April vor zwei Jahren nach Fukushima. Es war noch kalt und die Berge waren mit Schnee bedeckt, gleichzeitig blühten Pflaumen- und Kirschbäume in allen Schattierungen von Rosa und es roch nach Frühling. Hier ist eine Postkarte, die ich damals bekam. Das damalige Fukushima war tatsächlich genau so schön wie auf dieser Karte. Warum musste gerade hier so etwas passieren? Ich erinnere mich daran, dass sogar als ich noch nicht wusste, wie sehr Fukushima durch Radioaktivität kontaminiert war, ich angesichts dieser Ungerechtigkeit nur schreien wollte.

• Auf welche Weise und wie viel hat sich die Radioaktivität direkt nach dem Unfall ausgebreitet? Auf der Internet-Seite des „Spiegels“ findet sich eine Veranschaulichung dessen, wie sich die Radioaktivität nach der Wasserstoffexplosion am zwölften März ausgebreitet hat. Es ist deutlich erkennbar, das sich die Radioaktivität erst Richtung offenes Meer und am fünfzehnten März wieder Richtung Landesinneres bewegte. Man sagt, dass die Strahlung in Fukushima-Stadt täglich bis zu 25 Mikrosievert betrug.

• Hier sehen Sie eine Karte mit der radioaktiven Verschmutzung (Stand September 2011), die von dem Vulkanforscher Yukio Hayakawa erstellt wurde. Ich habe gehört, dass es in Tschernobyl auch so war, dass sich Radioaktivität nicht gleichmäßig in konzentrischen Kreisen ausgebreitet hat. Tatsächlich wird sie wie Vulkanasche vom Wind davongetragen und gerät so dahin, wo man es nie vermuten würde. Auch auf dieser Karte sieht man, dass sich die Radioaktivität vom Atomkraftwerk aus Richtung Nordwesten bewegt hat. Und bis zu einer Entfernung von 200 km hat sie vereinzelte Hot Spots zurückgelassen.

Die japanische Regierung konnte bereits vor dem Erdbeben auf SPEEDI (= System for Prediction of Environment Emergency Dose Information / Netzwerk-System für die Vorausberechnung der Auswirkung radioaktiver Strahlung.) zurückgreifen. Das ist ein System, das von dem Technischen Zentrum für Atomreaktor-Sicherheit angewandt wird und das im Falle eines atomaren Unfalls mithilfe der Windrichtung und unterschiedlicher anderer Faktoren berechnet, in welche Richtung sich die radioaktive Strahlung bewegt. Das Zentrum nahm seine Berechnungen ab dem frühen Abend des elften März auf und gab die Angaben über die vorausberechnete Ausbreitung einmal pro Stunde an Regierung (Kultusministerium, Ministerium für Wirtschaft und Industrie, Amt für Reaktor-Sicherheit) und an die Präfektur Fukushima weiter. Warum aber wurden diese Daten nicht benutzt und erst am 26. April, über einen Monat nach dem Störfall bekanntgegeben? Die Menschen in Fukushima bezeichnen SPEEDI noch heute als „SLOWLY“.

Ich habe gehört, dass die Menschen aus der nur zehn Kilometer vom Atomkraftwerk entfernt liegenden Stadt Nami´emachi dem Verlauf der Ausbreitung der Strahlung entlang Zuflucht gesucht haben, weil die Bewegung der Radioaktivität den Betroffenen nicht mitgeteilt wurde. Das ist nicht nur in Nami´emachi der Fall. In Fukushima-Stadt wurden just am fünfzehnten an vielen Oberschulen die Ergebnisse der Eingangsprüfungen für Gymnasien geführt und viele Kinder und ihre Familien hielten sich außer Haus auf. Ich habe von vielen Müttern gehört, dass sie diesen Moment bereuen.

• Die japanische Regierung nimmt gegenwärtig (Stand 30.11.2012) folgende Einteilung der Evakuierungszonen vor: Gebiete, in die vermutlich nicht zurückgekehrt werden kann, Gebiete, in denen das Wohnen nur eingeschränkt möglich ist, Gebiete, in denen besondere Wachsamkeit vonnöten ist, Gebiete, für die eine Evakuierung geplant ist, Gebiete, in denen die Evakuierungsverordnung aufgehoben ist. Für die Bewohner innerhalb dieser Grenzlinie sind Unterstützung und Kompensationen vorgesehen. Die Regierung proklamiert die „Sicherheit“, dass, wenn man sich außerhalb dieser Grenzlinie aufhalte, „es nicht unbedingt einen Schaden für die Gesundheit bedeute.“ Wie jedoch bei der Betrachtung der Ausbreitung von Radioaktivität deutlich geworden ist, sind die von der Regierung gezogenen Grenzen der Evakuierungszonen, in „sicher, nicht sicher“, bei denen man an das Leben und die Gesundheit der Bevölkerung denkt, nicht nachvollziehbar. Die Regierung berechnet sie nach wirtschaftlichen Kriterien, und so ist diese Grenzlinie eine, die nach einer Abwägung der Entschädigungszahlungen entstanden ist.

Man war intuitiv misstrauisch gegenüber der Aussage „Es besteht keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit“, und stand den später ununterbrochenen erfolgenden wichtigen Meldungen ungläubig gegenüber. In dieser Atmosphäre begannen sich ausgehend von Experten und Bürgergruppen mit unterschiedlichen Standpunkten plötzlich Nachrichten zu verbreiten, die sich von denen der Regierung um 180 Grad unterschieden. Gegenüber dieser chaotischen Lage äußerte sich die im Vorigen bereits zu Wort gekommene Mutter folgendermaßen: „Es war fast so, dass wir als Belästigung wahrgenommen wurden, wenn wir die Wahrheit wissen wollten.“

Und ungefähr im Juni 2011, drei Monate nach dem Unglücksfall, konnte ich in meiner Umgebung Veränderungen wahrnehmen. Ich bemerkte, dass meine Nachbarn nicht mehr da waren. Irgendwann schienen sie umgezogen zu sein. Sie hatten eifrig Informationen gesammelt und weitergegeben. Die Eheleute stimmten hinsichtlich der Frage der Radioaktivität nicht überein, ließen sich scheiden und retteten sich wegen der Kinder in eine andere Präfektur. Andererseits gab es auch viele Menschen, die den Stimmen derjenigen Experten glauben wollten, die unentwegt in die Präfekturen kamen und sagten, dass alles in Ordnung sei und keine unmittelbare Gefahr für die Gesundheit bestehe. Eine Mutter aus der Stadt Fukushima äußert sich zu dieser Situation folgendermaßen: „Gerade ist es sehr schwierig, innerhalb der Stadt seine Unsicherheit zu äußern. Man hört sofort Worte wie ‚Warum wirst du unsicher? Die Fachleute haben doch gesagt, dass alles in Ordnung sei’, oder ‚Du bist viel zu kritisch’, oder ‚Ich würde es lieber sehen, wenn du nicht so kritisch wärst. So stachelst du die Ängste nur an’, oder ‚Wenn du so sehr weg möchtest, würde ich es lieber sehen, dass du leise verschwindest, ohne dass es einer merkt’. An der Schule, die meine Kinder besuchen, wird die Radioaktivität noch nicht einmal gemessen. Die Menschen in meiner Nachbarschaft mochten es gar nicht leiden, dass ich im Umkreis unseres Hauses die Strahlung messe. Viele Leute wollten die „Wahrheit“ nicht erfahren. Sie wüssten nicht, was sie tun sollen, wenn sie es erführen. Viele Menschen können diese Stadt, in der sie Arbeit haben und Häuser, die sie abzahlen müssen, und in der ihre Kinder die Schule besuchen, nicht verlassen.

Die Vorstandsvorsitzende der YWCA in Fukushima hat mir Folgendes gesagt: „Frau Nishimoto, wenn Sie wissen möchten, was die Menschen in Fukushima über die Radioaktivität denken, so genügt es, wenn Sie sie fragen, wo sie ihre Wäsche zum Trocknen aufhängen. Ich hatte, als die Empfehlung zur Evakuierung herauskam, gehört, das man keine Entschädigungen erhält, auch wenn man nur für kurze Zeit die Stadt verlässt.“ Solche Gerüchte gingen auch um. So jagte eine Sorge die nächste.

• Das „Second House“ begann inmitten dieser für die Familien in Fukushima chaotischen Zeit. Das größte Problem bestand nun darin, wie man inmitten einer Stimmung, in der man Skrupel hat, sogar nur von „Evakuierung“ zu sprechen, eine Gelegenheit zur Evakuierung anbieten kann.

So haben wir aufgehört, das Wort „Evakuierung“ zu verwenden. Wir haben uns dafür entschieden, die Menschen folgendermaßen anzusprechen: „Könnten Sie sich vorstellen, dass Sie in einer anderen Präfektur ein ‚Second House’ besitzen und sich dort erholten?“ Den Namen des Programms haben wir auch in „Second-House-Programm“ geändert. Zu Beginn haben wir damit geworben, dass man die Möglichkeit besitzt, es ein Jahr lang zu nutzen. Die Angabe dieser Zeitspanne haben wir geändert in „Auch nur für kurze Zeit möglich“. Auch auf den Handzetteln haben wir eine freundliche Atmosphäre abgebildet, so als ob man sorglos zu einer Kurzreise aufbrechen wollte.

• Ein weiteres Problem war die Frage, auf welche Weise man für das Programm Werbung betreiben kann. Hier sehen Sie ein Flowchart, auf dem die Familien in Fukushima und das Second House verbunden sind. Auf der Abbildung bin ich diejenige, die das „Sekretariat“ betreibt. Mithilfe einer Website konnten wir in großem Maß Werbung für das Second House betreiben. Doch es herrschte ein wenig Argwohn darüber, dass man von einer ziemlich unbekannten Organisation zu einem Aufenthalt bei Familien eingeladen wird, die man weder sieht noch kennt, bzw. zu einem Aufenthalten an Orten, in die man überdies sogar mit dem Schnellzug Shinkansen länger als 5 Stunden lang fahren muss. Auch ich bzw. wir vom Second House mussten die Verantwortung, dass die Wohnungs- und Hauseigentümer der YWCA vertrauen und sich dazu bereit erklären, Fremde aufzunehmen, die sie noch nie gesehen haben und nicht kennen, ernst nehmen. Dazu war eine Organisation nötig, die zwischen den Familien in Fukushima und der YWCA vermittelt und der beide Seiten vertrauen. Das ist natürlich an erster Stelle die YWCA Fukushima. Und freundlicherweise beteiligte sich auch die Kirche vor Ort. Ich hatte zu jener Zeit gehört, dass die protestantische Kirche in Fukushima-Stadt damit begonnen hatte, ein Netzwerk aufzubauen. Ich erkundigte mich also nach deren Sekretariat bzw. ihrer Kirche. Ich durfte also über die YWCA und unser Programm berichten und bat um Werbung für das Second House und um die Nutzung des Programms. Im ersten Sommer, als das Second-House-Programm anlief, machten zwölf Familien davon Gebrauch, vier davon waren durch dieses kirchliche Netzwerk geworben worden. Ich bin sehr dankbar dafür, dass man der völlig unbekannten YWCA vertraute und viele Menschen das Programm nutzten.

Es gibt gerade immer mehr „Erholungs-Programme“ und auch als Ergebnis der Werbung der Menschen, die unser Programm bereits genützt haben, gibt es inzwischen so viele Anfragen, dass wir einige ablehnen müssen.

• Das Second House ist
o auf einen gewissen Zeitraum beschränkt (Sommer-, Winter- und Frühlingsferien)…
o wie das Haus eines Verwandten, in das man beliebig oft zurückkehren kann…
o so, das man es mit einem Minimum an Gepäck sofort beziehen kann…
o so, dass man sich selbst in einer unbekannten Gegend wohlfühlt, da sich Vermieter und die YWCA vor Ort sich um einen kümmern…
Solch ein Haus ist das Second House, nämlich wie ein Zweithaus, das in einer anderen Präfektur liegt.

• (siehe Foto eines Second House in der Präsentation)
Wenn man die „Second Houses“ verwaltet, hört man die Stimmen der unterschiedlichsten Menschen.
Die heute von dem Kernkraftwerkunfall Betroffenen sind Menschen, die in eine andere Präfektur evakuiert haben, Menschen, die in der Präfektur Fukushima geblieben sind, Menschen, die innerhalb der Präfektur Fukushima evakuiert haben, und aufgrund der weit verbreiteten Hot Spots auch Evakuierte außerhalb der Präfektur Fukushima. Man fühlt jedoch, dass jeder einzelne von ihnen an einem Gefühl von Einsamkeit, Verbitterung und Schuld trägt. Die Menschen, die in eine andere Präfektur evakuiert haben, denken, sie sind geflohen. Solche Gefühle finden sich auch bei den Kindern: „Meine Mutter sagt, dass ich die Schule wechseln werde, weil es gefährlich ist, hier zu bleiben. Was aber wird dann mit meinen Freunden, die hier bleiben?“ Und wenn man hört, dass die Dekontamination von den Bewohnern der Region betrieben wurde, nachdem man selbst evakuiert hat, mag man denken: „Es ist unmöglich, in eine Stadt zurückzukehren, in der die Menschen, die dort zurückgeblieben sind, die Gefahr getragen und die Stadt dekontaminiert haben.“ Und die Menschen, die zurückgeblieben sind, mögen sich denken: „Setze ich meine Kinder nicht einem großen Risiko aus, nur weil ich gezögert habe wegzugehen?“ Zudem wird man dadurch verletzt, dass man aus den Präfekturen gefragt wird, warum man nicht flieht.

• Im November 2011 gab es in Iwaki, einer Stadt im Küstenbereich der Präfektur Fukushima, eine Versammlung zur medizinischen Beratung, an der ich teilgenommen habe. Da man in Iwaki einer ähnlichen Strahlenbelastung ausgesetzt ist wie in Fukushima-Stadt innerhalb der Häuser, ging ich irgendwie davon aus, dass es ein mehr oder weniger sicherer Ort sei. Denkt man jedoch genau darüber nach, ist die Strahlendosis hier ungefähr fünf Mal so hoch wie die gewöhnliche Strahlendosis außerhalb der Präfektur. Eine Mutter, die die Versammlung besuchte, sagte unter Tränen: „In meinem Umkreis kehrt man bereits zum Alltagsleben zurück. Ich dachte, unter den Eltern sei es jetzt nur noch ich, die ihre Kinder nicht ins Schwimmbad und nicht in der Schulmensa essen lässt. Das bereitete mir Kopfzerbrechen. Und so bin ich froh, dass es in meiner Nähe Menschen gibt, die ähnlich denken wie ich.“ Das hat mich überrascht. Zumindest im November 2011 habe ich in Fukushima-Stadt keinen Menschen gesehen, der unter Tränen sagte, dass er glücklich sei, weil er Gleichgesinnte habe, und dass das offene Sprechen über Radioaktivität ihn erleichtere und freue. Ich war darüber schockiert, dass die niedrigere Strahlendosis dort das Einzelgängertum verstärkt hatte. Und ich war darüber beschämt, ein Urteil darüber abgegeben zu haben, dass eine Strahlendosis niedrig oder hoch ist, obwohl ich von außerhalb bin.

• Im Sommer 2011 schienen alle für die Menschen in Fukushima Gesundheitsfürsorge betreiben zu wollen. In ganz Japan entstanden einige hundert Erholungs-Programme. Auch die regionalen Gruppen der YWCA boten außer dem Second House weitere 16 Erholungsprogramme an. Die Sommerferien der Kinder dauern einen Monat, von Ende Juli bis Ende August. Viele Programme funktionieren so, dass Gelder gesammelt und Freiwillige angeworben werden. Auf diese Weise kann ein Erholungs-Programm ungefähr eine Woche lang durchgeführt werden. Diejenigen Mütter in Fukushima, die ihre Kinder ein wenig länger in eine andere Präfektur schicken wollten, beantragten alle möglichen Zeltlager und die Kinder gingen oft auf vier oder fünf mit. Es gab auch Mütter, die man als Zeltlager-Profis bezeichnen könnte. Diese beantragten ununterbrochen Zeltlager-Plätze für ihre Kinder, wählten dann einen aus und sagten die ab, die ihnen nicht gefielen. Auf der anderen Seite gab es viele Menschen, die nur Absagen bekamen, egal wie viel sie sich bewarben. Man hört sogar davon, dass manche Mütter die Informationen über ein gutes Zeltlager sogar vor ihren Freundinnen geheim hielten.

Ich bin ja in der Verwaltung tätig und nehme die Anträge und die telefonischen Anfragen aus Fukushima entgegen. Es erscheint mir so, als ob mir in jenem Sommer die Ohren dröhnten von Sätzen wie „Wenn man unentschlossen ist, werden einem die guten Zeltlager weggeschnappt“, oder „Wenn man seine Rolle nicht geschickt spielt, hat man verloren“ bzw. „Wenn man sich nicht besser erkundigt, hat man keine Chance“. Auf der anderen Seite gab es auch Menschen, die mich anriefen und sagten: „Ich habe weder einen Computer noch eine E-Mailadresse. Die anderen gehen ständig auf schöne Zeltlager. Mir wird von niemandem geholfen.“ Wenn ich darauf etwas erwidern wollte und eine Reihe von Informationen anbot, verstärkte ich die Unzufriedenheit und den Missmut nur. Die Verbitterung dieser Personen hat sich ausgebreitet. Man merkt, dass sich anhand der Tatsache, ob man schon an einem Erholungs-Programm teilgenommen hat oder nicht, unter den Menschen in Fukushima ein Graben aufgetan hat. Das ist ein bedrückendes Gefühl.

Wir hatten den Eindruck, dass wir die Art des Programms, die Art seiner Durchführung bei Gelegenheit überprüfen und verbessern müssen. So haben wir im vergangenen Winter das „Second House“ eine Zeitlang pausieren lassen und beschlossen, ab dem Frühjahr 2013 mit einem neuen „Second House“ zu beginnen. Wir möchten dafür Vorbereitungen treffen, dass sich die Menschen, die auf lange Sicht von der Strahlung betroffen sein werden, ein wenig ausruhen und sich regelmäßig bzw. systematisch in einer anderen Präfektur erholen können. Dafür sollen sie auch das Second House nicht nur in der Ferienzeit, sondern das ganze Jahr hindurch nutzen können.

• Wir haben uns bis jetzt darum bemüht, Kinder und Familien aus Fukushima auf alle Fälle im jetzigen Zeitraum aus Fukushima herauszuholen. Leider ist es sicher, dass wir unsere Aktivitäten auf lange Sicht fortsetzen werden müssen. Das gesamte Projekt für diejenigen, die von der Strahlung betroffen sind, haben wir „Com 7300“ genannt. Es beruht auf einem Beschluss, der von der gesamten japanischen YWCA getragen wird. „Com“ bedeutet „zusammen“. Die Zahl 7300 steht für 7300 Tage. Das sind umgerechnet 20 Jahre. Damit wollen wir sagen, dass wir die Kinder, die im Jahr der Erdbebenkatastrophe geboren wurden, bis zu ihrem 20. Lebensjahr begleiten werden.

Auch Sie würde ich gerne zu diesem Kreis dazu zählen. In dem Second House in Kobe zum Beispiel, in dem ich bin, würden 182 Euro (20000 Yen) genügen, um ein Kind zur Erholung aufzunehmen. Ich bitte Sie hiermit alle um Ihre tatkräftige Unterstützung.

• Im Folgenden möchte ich Ihnen ein wenig die gegenwärtige Situation in Fukushima-Stadt schildern. Das ist ein Foto, das im April 2012 vor dem Bahnhof in Fukushima-Stadt aufgenommen wurde. Zu dieser Zeit betrug der Strahlenwert stündlich 0,66 Mikrosievert. Das entspricht dem Zahlenwert in Bereichen, die unter besonderer Strahlenaufsicht stehen. Hier tätigen die Menschen ihre täglichen Einkäufe, trinken Tee, und die Kinder spielen hier.

• Das ist ein Foto, das auf der anderen Seite des Bahnhofs aufgenommen wurde. Die Messstation zeigt 0,9 Mikrosievert pro Stunde an. Das sind ungefähr 1,8 Mal so viel wie in Bereichen, die unter besonderer Strahlenaufsicht stehen, wie zum Beispiel in einem Röntgenzimmer. Während proklamiert wird, dass alles unter Kontrolle sei und der Bevölkerung gleichzeitig diese Zahlenwerte vor Augen stehen, lebt man in der Präfektur seinen Alltag. Ich denke, dass dieses Foto die absurde Situation in Fukushima enthüllt.

• Kurz bevor ich nach Deutschland kam, am 28. Januar, war die Situation in Fukushima-Stadt meinem Eindruck nach so, dass es Stellen mit hoher, aber auch mit vergleichsweise niedriger Strahlendosis gab. Auf einer Betonstraße wurden zum Beispiel nur 0,2 Mikrosievert gemessen. Näherte man sich jedoch einer Straße mit lärmmindernden Fahrbahnbelägen, stieg der Strahlenwert und erreichte 0,72 Mikrosievert.
Das Problem ist, dass diese Straße zu der Bibliothek führt, die die Kinder benutzen. Auch zeigt die an der Seite der Straße errichtete Kontrolltafel nur die Hälfte der Zahlenwerte auf der Straße an. Das hängt damit zusammen, dass der Boden, auf dem die Messstation errichtet wurde, aus Beton ist, und zudem dekontaminiert wurde. So sieht es leider so aus, als ob der Zahlenwert auf der Straße, auf der die Kinder gehen, gleich niedrig ist.

• Die Dekontaminierung der Wohnhäuser in Fukushima wird von Unternehmen und den Bürgern selbst mit Hochdruckreinigungsmaschinen betrieben (Stand November 2012). Man entfernt die betroffene Erde, aber auch für die herabgefallenen Blätter und Äste steht nicht fest, wo sie verwahrt werden sollen. Im Moment ist die Situation so, dass einem nichts anderes übrig bleibt, als sie am anderen Ende des Gartens einfach mit einer blauen Plastikplane zu bedecken.

• Dies ist ein Bild, bei dem man sich fragt, wie sehr die Regierung die Wirklichkeit der Verstrahlung eigentlich bagatellisieren will. In Fukushima-Stadt gibt es zwei Messstationen (Stand November 2012). Damit die zuerst installierten Geräte präzise Werte anzeigt, hat die Regierung mit einer extra Firma einen Vertrag abgeschlossen. Ein Professor der Ryūkyū-Universität hat die Strahlendosis an 100 Orten gemessen und untersucht, weil er selbst die Fakten kennen wollte. Als Ergebnis kam heraus, dass die gegenwärtigen Kontrolltafeln in stark verstrahlen Gebieten nur ungefähr 70% der tatsächlichen Strahlendosis anzeigten. Tatsächlich waren nur die Kontrolltafeln in eine Eisenplatte eingegeben und in hohem Maße dekontaminiert. Es gibt Berichte darüber, dass die Wahrscheinlichkeit groß ist, dass diese Art von Handhabung weit verbreitet ist. Zurzeit geht man davon aus, dass die besagte Firma bei der Regierung einen Entschädigungsantrag stellen wird, wenn sie dem einseitigen Vertragsbruch nicht zustimmen kann (vgl. http://www.janjanblog.com/archives/82543).

• Im Folgenden möchte ich Ihnen einige Worte von Menschen weitergeben, die ich getroffen habe, und durch die man meiner Meinung die gegenwärtige Lage in Fukushima nachfühlen kann: „Die schönste Zeit war die Stunde auf dem Erddamm des Flusses Muko in der Nähe von Osaka. Eine Stunde lang einfach spazieren zu gehen und sich zwischendurch hinzusetzen. Eine Stunde, in der gelegentlich Läufer vorbeikamen und in der auf dem Rückweg Möwen vorbeiflogen. Einfach nur der Damm, einfach nur Gras.“
Das waren die Worte eines Vaters, die er während seines Aufenthaltes in seinem Second House in Kobe, für das ich verantwortlich bin, auf Twitter schrieb. Wie ich bereits erwähnte, unterstützt das Second-House-Programm die Teilnehmer bei den Kosten für Hin- und Rückfahrt und den Kosten für Wasser, Heizung und Strom. Das ist nicht gerade ein geringer Geldbetrag. Diese Person, die das Second House in Anspruch nahm und für die ich direkt verantwortlich war, besichtigte auch Kyōto und Nara und wir versuchten alles, dass er sich wohlfühlt, so gaben wir zum Beispiel auch eine Willkommensfeier für ihn. Aber das, was er am Schönsten fand, waren „einfach nur der Damm“ und „einfach das Gras“.

Was hatten die Menschen in Fukushima alles verloren und was erfüllte sie! Seine Worte brachten mich darauf, dass das Second House doch nicht nur finanzielle Unterstützung leistet.

• Und jemand anderes, der von einem Second House Gebrauch machte, sagte: „Ungefähr eine Woche, nachdem ich hierherkam, habe ich gemerkt, wie der Stress aus meinen Fingerspitzen wich.“ Mein Herz tat mir weh, als ich mir überlegte, mit welchen Dingen dieser Mensch in Fukushima belastet ist.

• Eine weitere Person sagte: „Fukushima und das Second House sind so unterschiedlich. Es war, als ob ich meinen Gleichgewichtssinn verloren hatte, denn ich wusste tatsächlich nicht mehr, welche Welt die reale ist. Und obwohl das Leben, das ich im Second House erfahren habe, das Leben von wirklichen Menschen ist, hatte ich das Gefühl, dass es eine sehr sehr ferne Welt ist. Kinder und Erwachsene spielten im Park, saßen auf der Wiese oder auf Holzbänken, in den Dreirädern im Eingang der Häuser lag Spielzeug für den Sandkasten. Das hatte ich in Fukushima ein ganzes Jahr lang nicht zu Gesicht bekommen.“ Bei diesen Worten dachte ich, dass wir nicht verstehen, was es bedeutet, in Fukushima zu leben, wenn wir nicht mit jemandem aus Fukushima zusammentreffen. Und ich dachte, dass das Second House uns dazu bringt, dass wir, die aus einer anderen Präfektur kommen, im gleichen Maße dazulernen wie wir handeln.

• Eine Person, die von dem Second House in Kobe Gebrauch machte, sagte: „Es war gut, dass wir uns dafür entschieden fortzugehen. Als mein ältester Sohn aus dem Second House zurückkam, sagten alle, dass er sich verändert hat. Ob er dadurch Selbstbewusstsein gewonnen hat, dass er viel alleine unternommen hat, oder dadurch, dass er in eine große Stadt kam und die Weite der Welt spürte, weiß ich zwar nicht. Er hat sich jedoch in einen guten Menschen verwandelt.“ Das Kind, über das hier gesprochen wird, ist an der Mittelschule und hat das Asperger-Syndrom. Während seines Aufenthalts im Second House in Kobe unternahm er nichts zusammen mit seiner Mutter und seinen kleinen Geschwistern. Manchmal stieg er alleine auf sein Fahrrad, manchmal alleine in einen Zug. Es schien, als ob er an verschieden Orte auf Erkundungsreise ging. Und ich dachte, dass Kinder, in welcher Situation auch immer, weiter wachsen und diese Möglichkeit nicht so schnell zerstört wird.

• Eine junge Erwachsene, die im vergangenen Sommer von einem Second House in Kobe Gebrauch machte, sagte: „Was am besten war? Am besten war, dass ich ein normales Leben führen konnte.“ Die Sommerferien in Japan dauern ungefähr einen Monat lang. Diese Person hatte in diesem Zeitraum an dem Erholungs-Zeltlager einer anderen Organisation und eine Woche lang an dem Zeltlager der Kirche, zu der sie gehörte, teilgenommen. Dazwischen hat sie eine Woche lang in einem Second House verbracht. Man fragt sich, ob sie sich denn überhaupt erholen konnte, wenn sie so viel unterwegs war. Sie sagte jedoch: „Das Gute am Second House ist einfach, dass ich ein normales Leben führen kann. Wenn ich in Fukushima bin, habe ich zuallererst einmal Schwierigkeiten mit dem Einkaufen, nämlich Lebensmittel aus einem unbelasteten Anbaugebiet zu finden. Hier in Kobe muss ich keine Zeit und Mühe dafür aufwenden. Ohne nachzudenken kann ich zu den Produkten aus der Gegend greifen. An heißen Tagen kann ich das Fenster öffnen, die Wäsche und das Bettzeug kann ich draußen zum Trocknen aufhängen, ich kann mich im Garten betätigen und die Blumen gießen. Ich bin alleine bis zum Damm spazieren gegangen. Das war auch sehr schön.“ Dieser Mensch fand es schön, dass er sich bei normalen Dingen erholen konnte. Das hat mich tief bewegt.

• Eine Mutter, die im vergangenen Sommer in ihr Second House in Kobe kam, sagte: „In Wirklichkeit ging der Eifer für Erholungscamps von meinem Mann aus. Ich dagegen konnte selbst zu dem Zeitpunkt, als ich von dem Atomunfall wusste, noch keine Initiative ergreifen. Mein Mann jedoch sagte sofort: ‚Lass uns weggehen!’“ Normalerweise sind es Mütter mit ihren Kindern, die von dem Second House Gebrauch machen. In diesem Fall waren es jedoch Vater, Mutter und ihre drei Kinder. Es zeigte sich, dass der Ehemann auch alle Anträge und die Korrespondenz übernommen hatte. Auch diese Familie hatte an dem Erholungs-Camp einer anderen Organisation teilgenommen und gab auf lustige und interessante Weise Anekdoten zum Besten, bei deren Hören auch mir der Bauch vor Lachen wehtat. Während ich ihren Geschichten lachend zuhörte, hatte ich das Gefühl, dass die Heiterkeit dieser Menschen wohl von der Einmütigkeit der Eheleute her rührt. Da habe ich gemerkt, dass man wohl alle Sorgen weglachen kann, wenn man eines Sinnes ist.

• Eine Mutter, die im Sommer 2012 an einem anderen Erholungsprogramm der YWCA in Kobe teilgenommen hat, sagte: „Solche Geschichten würde ich gerne auch von den Menschen aus der Stadt hören, in der ich lebe.“ Innerhalb des Programms, an dem sie teilgenommen hatte, gab es auch eine Versammlung zur medizinischen Beratung, in der die Internistin Furetsu Katsumi, die immer wieder Kinder aus Tschernobyl medizinisch betreut hat, auf die Fragen der Anwesenden antwortete. Als die Versammlung zu Ende war, sagte diese Mutter, dass sie auch die anderen Menschen in ihrer Stadt an den Erzählungen und Erklärungen der Ärztin teilhaben lassen möchte. Kurz darauf kehrte sie nach Fukushima zurück, rief die Nachbarschaft zusammen und vier Monate später schließlich, im Juli, wurde in der kleinen Stadt, in der sie wohnte, Dr. Furetsu´s Versammlung abgehalten.

In einem der Umfragebögen, die die Teilnehmer an der Versammlung zur medizinischen Beratung ausgefüllt hatten, und die ich später zugesandt bekam, fand sich folgender Satz: „Ich war sehr froh über die Veranstaltung. In dieser Gegend gab es noch nie die Möglichkeit, sich über die Unsicherheiten und Zweifel hinsichtlich der Radioaktivität auszutauschen.“ Diese Äußerung hat mich überrascht und getroffen. Und ich habe daraufhin mit einigen, die an der Versammlung teilgenommen hatten, einen kleinen Gesprächskreis gebildet, den „Kreis für den Gedankenaustausch über die Zukunft unserer Kinder“. Und drei Monate später wurde woanders eine zweite Versammlung zur medizinischen Beratung abgehalten. Diese Mütter, die sich in den Gebieten, in denen viele sich isoliert fühlen, für andere Menschen stark machen, bedeuten meines Erachtens einen großen Hoffnungsschimmer.

• Eine Mutter, die gerade in Kobe evakuiert ist, schrieb mir einen Brief, in dem sich auch die Sätze finden: „Eigentlich möchte ich mit meinem Mann unsere Töchter großziehen. Als Ehefrau möchte ich auch meinen Mann unterstützen. Ich möchte mit meiner Familie leben. Fukushima ist kontaminiert, aber es gibt dort Menschen immer noch, die ich liebe. Egoistischerweise würde ich auch in Fukushima leben wollen, wenn ich selbst damit einverstanden wäre.“ Wir waren eigentlich gar nicht miteinander bekannt. Sie wird wohl irgendwie von der YWCA erfahren haben und hat mir als einer der Verantwortlichen diesen Brief zukommen lassen.
Diese Familie hatte sich direkt nach dem Erdbeben zu den Eltern des Ehemannes gerettet, die in Kobe wohnen. Nach eineinhalb Jahren hat sie sich jedoch nun dazu entschlossen, im kommenden April nach Fukushima zurückzukehren. Die Mutter schrieb weiter: „Ehrlich gesagt habe ich jedoch auch Angst zurückzukehren. Egal wie vorsichtig man lebt, sind da die Furcht und die Unsicherheit gegenüber der unsichtbaren Radioaktivität. Ich stehe vor dem Konflikt, wie ich meine Bedürfnisse und das Glück meiner Kinder in Übereinstimmung bringen kann. Setze ich meine Töchter nicht dem Risiko aus, benachteiligt zu werden, wenn sie heiraten wollen?“ Aber, so schrieb sie, sie wolle die Töchter doch zusammen mit ihrem Mann großziehen.

Ihr Brief würde zusammengefasst wohl so klingen: „Dass ich mit unserer Rückkehr einverstanden bin, hängt auch mit dem Erholungsprogramm der YWCA zusammen. Denn die Zeitungen haben Fukushima bereits vergessen, in den Nachrichten wird nicht mehr darüber berichtet. Man sieht zwar noch einzelne Events und erfährt vereinzelt Unterstützung. Ich bin jedoch unsicher geworden, wie das nächstes Jahr wird. Wie hoffnungsvoll sind für Mütter mit Kindern gerade da langfristig und regelmäßig abgehaltene Hilfsaktionen und Erholungsprogramme. Ich möchte mit den verschiedensten Menschen zusammentreffen. Denen, die mir ihre Sorge angedeihen ließen, möchte ich in dem mir möglichen Bereich meine Dankbarkeit erweisen. Das Negative möchte ich in positive Erfahrungen umkehren. Ich möchte Sie darum bitten, dass Sie Ihr langfristiges Erholungsprogramm fortsetzen.“

Hier sehen Sie ein Foto, das aufgenommen wurde, als wir, die besagte Mutter und andere Mitglieder der YWCA in Kobe, uns nach dem Erhalt des Briefs kennenlernten. Da, wohin sie zurückkehren möchte, gibt es viele Bereiche, die unter besonderer Strahlenaufsicht stehen. Wenn ich daran denke, für welche Form des „Glücks“ diese Mutter sich nach fast zwei Jahren entschieden hat, möchte ich ihre Entscheidung irgendwie unterstützen und denke, dass wir das Erholungsprogramm nicht enden lassen dürfen.

Immer wenn ich mit den Menschen in Fukushima Kontakt bin, kommen mir folgende Gedanken: Handeln, nicht weil die Regierung es sagt, oder weil jemand anderes es sagt; niemandem die Schuld zuschieben; sondern selbst denken und selbst wählen, darauf kommt es an. Ich denke, dass Fukushima der Ort ist, wo die selbständigsten Menschen in Japan leben.

Ich denke, es gibt bei den Menschen in Fukushima viel, von dem ich lernen sollte. Was mich betrifft, so bete ich „Bewahre mich auch heute“, zum Beispiel dass ich nicht krank werde oder mir ein Unfall zustößt. Die Menschen in Fukushima jedoch scheinen eine andere Botschaft mitzuteilen: Sie machen sich Bedrängnis, Probleme oder sogar Gefahr nicht unbedingt zum Unglück. Sie, die Menschen in Fukushima, denken weiter darüber nach, was „Glück“ für sie bedeutet, treffen ihre Wahl, wenn sie dabei auch ratlos sein mögen, und handeln sodann in Dankbarkeit und Freude.

Ich denke, dass es unsere Pflicht ist, meinen Blick nicht von Fukushima abzuwenden und die Menschen in Fukushima zu unterstützen. Denn die Atomkraftwerke haben unser Leben in der Stadt mit Strom versorgt und durch das Opfer der AKW-Arbeiter könne wir ein gutes und bequemes Leben führen.

Bitte beten Sie für die Menschen in Japan, die von der Strahlung betroffen sind. Dass es auch in dieser schwierigen Zeit Dinge gibt, an denen man Freude hat. Dass es auch in dieser Ausweglosigkeit Liebe gibt. Dass jeder einzelne in Japan, darunter auch ich, tiefe Reue empfindet und den nach Gottes Willen richtigen Weg erwählen.

Denn so schreibt auch Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi:
„Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie´s mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ (Phil 4,11b-13)



 

 

 

Video: F. Enns

Evang. Landeskirche in Baden: Arbeitsstelle Frieden 
Voice for peace Nr. 6: Friedensfragen 
"Können wir unsere christliche Ethik bei Konflikten mit anderen Religionen zugrunde legen?" Diese Frage beantwortet Prof. Dr. Fernando Enns, Leiter der Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen“ Universität Hamburg & Vorstandsmitglied der DOAM. Link: 
https://youtu.be/_Js4f3seossMehr videoclips aus der Reihe "Voices for Peace: Friedensfragen" der Arbeitsstelle Frieden in der Evang. Landeskirche in Baden | YOUTUBE.COM

Projekte

Konsultationen

Zur Chronologie der Beziehungen:
DOAM und Tokyo / Tomisaka 

1945

Pfarrer Dr. Liemar Hennig in Kyoto, Pfarrer Theodor Jaeckel und der japanische Pfarrer FUKATSU Fumio in Tokyo.

1946

Dr. Hennig und Pfr. Jaeckel werden entlassen. Pfr. FUKATSU bleibt allein.

1952

Pfarrer Harald Oehler aus Halle wird als erster Missionar nach dem 2. Weltkrieg nach Japan entsandt. Er versteht seine Arbeit als "Pioniermission" in einer Zeit des Aufbruchs, des Suchens nach beständigen Werten in der jap. Gesellschaft. Er findet ein im Krieg weithin zerstörtes, aber in schwerer Nachkriegszeit schon wieder im Aufbau befindliches Tomisaka vor. Pfarrer FUKATSU Fumio hatte über Krieg und Nachkriegszeit alle Kraft zur Erhaltung des Besitzes verwendet. Ein Jahr später,

1953

wurde Pfr. Fukatsu entlassen, der sich dann zur Diakonie hin orientierte und das große Diakoniewerk "Kanita-no-Mura" in Tateyama, Chiba-Ken aufbaute.

1957

kam Superintendent Alfred Schmidt nach Tokyo um den Aufbau einer Akademiearbeit nach deutschem Vorbild in Japan voranzutreiben. Bis 1959 geschah dies in Zusammenarbeit mit der DOAM, danach machte sich die Akademiearbeit selbständig.

1961

kamen Pfr. Heyo Hamer und Pfr. Norbert Klein nach Tokyo. Letzterer arbeitete von 1962-1965 in der Akademie. Pfr. Hamer ging nach dem Studium in eine neue Arbeit nach Fukuoka bis 1968. Dort arbeiette er eng zusammen mit Prof. TAKIZAWA Katsumi von der Kyushu-Universität.

1965

wurde Pfr. Günter Dressler nach Japan entsandt, um die Nachfolge von Pfr. Oehler anzutreten. Er kehrte 1975 aus Japan zurück. Im gleichen Jahr,

1975

wurde Pfr. Schneiss im Auftrag des EMS (und DOAM) in den Dienst der Vereinigten Kirche Christi in Japan (Kyodan) nach Japan ausgesandt.

 

Die japanischen Mitarbeiter

1887

Gründung der Kamitomisaka-Gemeinde

1937-1954

Pfarrer Fukatsu Fumio

1954-1967

Pfarrer Matsumoto

1967-1984

Pfarrer Bitoh Shunichi

1985-1998

Pfarrer Ishimaru Yasuki
(Pfr. Ishimarui versieht weiterhin die Pfarrstelle)