2012: Trouble in Paradise: Chejudo

Trouble in Paradise

Auf der strategisch bedeutsamen südkoreanischen Insel Jeju wächst der Protest von Fischern und Bauern gegen den Bau einer Marinebasis.
Von Rainer Werning

Knapp 2.000 Einwohner zählt das Dorf Gangjeong auf der Insel Jeju ganz im Süden Südkoreas. Bis vor kurzem gingen dort die ansässigen Bauern und Fischer friedlich ihrer Arbeit nach. Sie führten ein beschauliches Leben in einer Gegend, die von der Natur verwöhnt und vom Tourismus umworben wird.

Spätestens seit den Weihnachtstagen 2010 ist es mit der Idylle in Gangjeong jedoch vorbei. Wie die südkoreanische Marine verkündete, will sie für umgerechnet 970 Millionen US-Dollar einen Stützpunkt in der Nähe des Dorfs errichten, der Platz für 20 Kriegsschiffe (inklusive U-Booten) und zwei Luxusliner bieten soll. 2014 soll die Basis fertig sein und der Marine übergeben werden. Die meisten Bewohner von Gangjeong sind strikt gegen den Stützpunkt, der sich laut der Lokalzeitung »Jeju Weekly« über rund 500.000 Quadratmeter erstrecken wird. Dafür müssen unter anderem fruchtbares Ackerland, Gewächshäuser, Korallenbänke, Gärten und buddhistische Tempel weichen. Für die Betroffenen eine Horrorvorstellung, zumal die Gemeinde noch vor wenigen Jahren vergleichsweise wohlhabend war und über eines der besten Frischwasserreservoirs der Insel verfügt.

Als zu Beginn des Jahres 2011 die Bauarbeiten starteten, nahmen die Proteste der lokalen Bevölkerung zu. Jung und Alt, Fischer und Mandarinenbauem bauten Zelte auf, brachten Plakate an und beäugten rund um die Uhr die Baustellenzufahrt auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Einige haben es vorgezogen, dauerhaft Wache zu schieben; die Feldarbeit liegt derweil brach. Pastoren aus verschiedenen Gemeinden trafen sich auf Jeju zu einem theologischen Seminar und veröffentlichten am Ende ihres Treffens ein »Manifest des Friedens 2011«, in dem sie gegen den Bau der Marinebasis protestierten. Der katholische Bischof von Jeju schloss sich den Protesten öffentlich an.

Seit dem Frühjahr 2011 kam es zu Hungerstreiks gegen die Baumaßnahmen, an denen sich auch der Bürgermeister von Gangjeong, Kang Dong-Kyun, beteiligte. Wiederholt wurden Demonstranten verletzt, als sie anrückende Baumaschinen blockierten. Mitte Mai 2011 erfolgten erste Festnahmen. Unter den Inhaftierten befanden sich (zeitweilig) auch Kang sowie die aus der Nähe von Seoul stammende Künstlerin Choi Sung-Hee. Diese hatte sich zuvor als aktives Mitglied im Global Network Against Weapons and Nuclear Power in Space engagiert, das ebenfalls gegen den Bau der Militärbasis mobilisiert.

Die Bewohner von Gangjeong sind nicht allein in ihrem Widerstand. Sympathiebekundungen gab es sowohl in Südkorea als auch in anderen Ländern. Solidaritätsbotschaften haben die Protestierenden auch aus dem japanischen Okinawa erhalten, wo sich die Bevölkerung seit Jahren für die Verlegung beziehungsweise Schließung der Futenma-Militärbasis starkmacht, auf der etwa die Hälfte der insgesamt 47.000 US-Truppen in Japan stationiert ist.

Die geostrategische Lage

Jeju, weniger als 100 Kilometer südlich des südkoreanischen Festlands gelegen, ist ein beliebtes Reiseziel von Touristen und Jungvermahlten aus dem In-und Ausland. Jährlich verschlägt es etwa vier Millionen von ihnen aus den angrenzenden Ländern (vor allem aus Japan und China) auf dieses subtropische Eiland, das reich ist an Sandstränden, Palmen, Mandarinenhainen, Golfplätzen, Meeresfrüchten und erstklassigen Hotels. Einige Flecken der Insel hat die UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt. Vom Reiz Jejus konnte sich vor einem Jahrzehnt auch die Fußballnationalmannschaft überzeugen, anlässlich der WM 2002 weilten die Kicker eine Zeitlang in Seogwipo, der mit knapp 90.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt der Insel.

Beide, das südkoreanische Festland und die Insel Jeju, verbindet aber auch ein Makel: ihre geostrategische Lage, die (Süd-)Korea in der Geschichte bereits mehrfach zum Verhängnis wurde. Eingekeilt zwischen China und Japan, verlaufen ausgerechnet in seinen Gewässern bedeutsame Schifffahrtsrouten. Überdies werden dort riesige Öl- und Gasvorkommen vermutet, auf die neben den Anrainerstaaten auch die USA begehrliche Blicke werfen. Während Südkorea den Bau der Marinebasis mit dem Argument befürwortet, nur so ließen sich die Seewege für seine Ölimporte und wachsenden Ausfuhren längerfristig sichern, sehen die meisten Menschen in Gangjeong und die Aktivisten der Bewegung gegen den Marinestützpunkt andere Motive dahinter. Die Basis ist für Seouls engsten Verbündeten, die USA, ein vorgeschobener Brückenkopf gegen China. Sollten sich in der Region künftig Rivalitäten um Hoheitsrechte auf See oder um die Öl- und Gasressourcen verschärfen, wäre der Marinestützpunkt in Gangjeong aus Sicht seiner Gegner ein potentielles Angriffsziel.

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Offiziell wiegelt man in Seoul und Washington ab. Weder seien die USA am Bau des neuen Marinestützpunkts beteiligt, noch richte sich dieser gegen ein bestimmtes Land. Die südkoreanische Regierung versucht dabei das Kunststück, gleichzeitig mit der Bekräftigung ihrer Sicherheitsinteressen (und jener der USA) das Verhältnis zu China zu vertiefen. Schließlich übersteigt der Handelsaustausch mit China längst Südkoreas kombiniertes Handelsvolumen mit den USA und Japan.

In den vergangenen Jahren entzündete sich zwischen China und den USA ein Streit über die Einbindung der südkoreanischen Streitkräfte in ein von den USA entwickeltes regionales Raketenabwehrsystem. Die Auseinandersetzung verschärfte sich, als die südkoreanische Marine dazu überging, ihre Flotte mit modernen KDX III-Zerstörern auszustatten, die mit dem amerikanischen Aegis-Frühwarn- und Feuerleitsystem ausgestattet sind. Während sich China dadurch herausgefordert und bedroht sieht, werten die amerikanische, die südkoreanische und die japanische Regierung diese Maßnahme unisono lediglich als Schutz vor möglichen Raketenangriffen aus Nordkorea.

2005 erkor der damalige Präsident Südkoreas, Roh Moo Hyun, Jeju zur "Friedensinsel". Doch die Zeiten haben sich geändert: Die seit Februar 2008 amtierende Regierung unter Lee Myung-Bak, der seinen Spitznamen »Bulldozer« ganz offensichtlich genießt, begründete den Bau der Marinebasis in Gangjeong unter anderem mit dem Argument, hier entstehe schließlich ein »ökofreundlicher« Hafen, der als »eine neue Attraktion für das schöne Jeju« später auch Kreuzfahrtschiffe beherbergen und vielfältige Erholungsmöglichkeiten bieten würde. Das lässt bei den wenigen Befürwortern des Stützpunkts Dollarblütentraume blühen: die Vorstellung nämlich, dass ein US-amerikanischer Flugzeugträger mit Tausenden von vergnügungswilligen Seeleuten dort vor Anker geht.

Mitte August 2011 ließ der »Bulldozer« vorsorglich schon mal in und um Gangjeong 1.200 Polizisten aufziehen, von denen 500 eigens vom Festland nach Jeju verschifft worden waren. Sie sollen fortan für »Ruhe und Ordnung« sorgen, was unter den älteren Inselbewohnern· bittere Erinnerungen wachruft.

Ein Vermächtnis

Jejus Bevölkerung hat in der Geschichte stets versucht, ihre inneren Angelegenheiten selbst zu regeln und sich nicht gängeln zu lassen. Das schien in den ersten Jahren nach Kriegsende auch zu gelingen. Doch als die Herrschenden in Seoul im April 1948 ihre Macht einsetzten, um die dreijährige Selbstverwaltung der Insel durch die als »kommunistisch unterwandert« geltenden Volkskomitees zu beenden, antworteten die Bewohner von Jeju mit einem Aufstand. Was darauf folgte, beschrieb Christian SchmidtHauer in der »Zeit«:

Die amerikanische Militärregierung rüstete das 9. Regiment auf Jeju mit schweren Waffen aus, nachdem sie die koreanische Armee bis dahin nicht einmal mit Karabinern versehen hatte. Sie setzte rechtsextreme Kommandanten an die Spitze des verstärkten Regiments. Einer von ihnen, Kim Sang Gjom, rief seine Soldaten auf "Tötet alle, verbrennt alles, plündert alles!" Der erste Chef der US-Militärberatergruppe, Brigadegeneral Roberts, hatte zuvor die Devise ausgegeben: »Die roten Banditen im amerikanischen Stil ausrotten«. So zitierte ihn das Blatt »Dong-A Ilbo« am 9. Mai 1948 unwidersprochen. ... »Weite Teile Koreas«, berichtete Walter Sullivan im März 1950 für die »New York Times«, »sind heute verdüstert durch eine Wolke von Terror, der wahrscheinlich beispiellos ist in der Welt.« Auf Jeju verbrannten 270 von 400 Inseldörfern. 38.285 Häuser, so die offizielle Zählung, wurden zerstört. .... In den US-Nationalarchiven findet sich die Aussage des damaligen Gouverneurs von Jeju gegenüber amerikanischen Geheimdienstlern, wonach 60.000 Menschen ums Leben kamen. ... 1962 wurde ausgerechnet Song Yo Chang* Ministerpräsident Südkoreas. Er hatte im Krieg in der japanischen Armee gedient und war im Juli 1948 von der U5-Militiirregierung zum Kommandanten des 9. Regiments auf Jeju ernannt worden -und damit für die Politik der verbrannten Erde mitverantwortlich. Unter ihm durfte der Aufstand mit keinem Wort erwähnt werden.

Der erbarmungslose Feld- und Rachezug der Truppen des südkoreanischen Präsidenten Rhee Syngman bedeutete eine traumatische Zäsur im Leben der Menschen auf Jeju. Für den damaligen US-Außenminister Dean Acheson und den Chef des politischen Planungsstabs im US Außenministerium, George F. Kennan, war die Niederschlagung von Protest und Widerstand gegen die Behörden in Seoul indes der Lackmustest für das politische Überleben des Rhee-Regimes. Je effektiver und schneller dies geschehe, so das Kalkül in Seoul und Washington, umso besser. Fünfzig lange Jahre musste die Bevölkerung von Jeju ein staatlich verordnetes Beschweigen dieser Gräueltaten dulden, bis der 1998 gekürte Präsident Kim Dae-Jung anordnete, den »Geschehnissen« auf der Insel auf den Grund zu gehen.

Folgende Links berichten regelmäßig über die Entwicklungen in und um Gangjeong:

http://www.savejejuisland.org

http://www.narpi.net/1722 (Webseite des National' Network of Korean Civil Society for Opposing the Naval Base in Jeju Island, das sich aus über 100 Organisationen und mehreren hundert Einzelpersonen zusammensetzt) .

http://koreareport2.blogspot.com/2011/07/opposition-to-jeju-naval-base.html (Korea Report in Washing-. ton, D. c.)

Rainer Werning hat gemeinsam mit Du-Yul Song das Buch Korea: Von der Kolonie zum geteilten Land verfasst (Promedia-Verlag)

Mit freundlicher Erlaubnis des Verfassers. Vgl. konkret 5/2012

Anmerkung:
* Der Autor meinte offensichtlich Generalleutnant Song Yo-Chan, der vom 3. Juli 1961 bis zum 16. Juni 1962 als Premierminister (damals: Chief Cabinet Minister) Südkoreas amtierte und unter Generalskollegen und Offizieren kurz »Tiger« genannt wurde: www.time.com/time/magazine/articleJo,9171.865052.0o.html

 

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