2017: Die traditionelle Rolle

Das Berliner Missionswerk veröffentlichte folgenden Artikel in der neu gestalteten Zeitschrift des BMW "Welt Blick". Zugrunde liegt ein Vortrag von Frau Dr. Min Heul CHEON von der PROK in Südkorea, gehalten in Berlin im Sommer 2016. 

Wir dokumentieren ihn mit freundlicher Erlaubnis des BMW.

Die traditionelle Rolle
Frauen in Südkorea kämpfen gegen viele Bedenkenträger – in Gesellschaft und Kirche

Von Carmen Molitor

In der presbyterianischen Kirche von Südkorea werden Frauen zwar ordiniert, aber sie verdienen viel schlechter als Männer und haben keine Chance auf Leitungsstellen in großen Gemeinden. Ökumene-Referentin Dr. Min Heui Cheon setzt sich für Gendergerechtigkeit ein – und ist ihrer Familie dankbar, dass sie sie auf diesem Weg unterstützt.

Wenn der Vater von Min Heui Cheon früher anderen Vätern davon erzählte, dass das Älteste seiner drei Kinder an die Universität gehen und Theologie studieren werde, erntete er verständnisloses Kopfschütteln: „Du bist verrückt! Wieso gibst du dein Geld für die berufliche Karriere deiner Tochter aus? Lass sie heiraten und spare es lieber für ihre Hochzeit!“ hörte er dann. Doch das beeindruckte ihn nicht. Seine Älteste sollte eine solide Bildung bekommen und später eine gute Arbeit. Das hatte er ihr schon von Kindesbeinen an versprochen.

Foto: Konstantin Börner (Dr. Min Heui Cheon mit Bischof Dr. Markus Dröge auf der Landessynode der EKBO, Herbst 2016)


„Meine Eltern waren nicht wie andere Eltern in Korea, vor allem mein Vater nicht“, erzählt Min Heui Cheon, heute Ökumene-Referentin der Presbyterian Church of the Republic of Korea (PROK) in Seoul.

Normalerweise habe es in koreanischen Familien Priorität, die Söhne zu fördern. Für die Töchter sei dagegen eine traditionelle Rolle vorbestimmt. „In unserer Gesellschaft heiraten die Frauen und bekommen Kinder. Tun sie das nicht, gelten sie als nicht normal.“ Die 47-Jährige lacht auf. In ihrer Familie sei das stets anders gewesen, obwohl sie in einer kleinstädtischen Umgebung aufwuchs, sagt die Theologin. Ihre Eltern und ihre beiden jüngeren Brüder hätten sie immer ermutigt, ihren beruflichen Weg zu gehen. „Das ist der Grund, warum ich so weit gekommen bin.“

Beruflich erfolgreich zu sein oder überhaupt einen Arbeitsplatz zu haben, das ist als Frau in Südkorea nicht selbstverständlich. Das Land wird zwar von einer Frau regiert – der zurzeit wegen Korruptionsvorwürfen höchst umstrittenen Präsidentin Park Geun Hye. Aber nur etwas mehr als die Hälfte der südkoreanischen Frauen hat einen Job. Obendrein verdienen weibliche Beschäftigte für ihre Arbeit im Durchschnitt 37 Prozent weniger als Männer. Das macht Südkorea sowohl bei der Beschäftigungsquote von Frauen als auch in Sachen Entgeltungleichheit (Gender-Pay-Gap) zum Schlusslicht aller OECD-Staaten.

Nur ganz allmählich bessert sich die Situation. „Früher haben die Menschen nicht über das Problem der Benachteiligung von Frauen gesprochen; es war ihnen unangenehm“, sagt Min Heui Cheon. „Man sagte sich: So ist das eben! Doch inzwischen hat sich vieles weiterentwickelt. Wir reden in der Gesellschaft jetzt darüber – und in der Kirche auch.“ Dann fügt sie nachdenklich hinzu: „Aber darüber reden bedeutet nicht unbedingt, es auch zu ändern.“

Zu ändern gäbe es in ihrer Kirche, der PROK, vor allem in Sachen Gendergerechtigkeit noch viel, konstatiert die Pfarrerin. Sie ist „enttäuscht“ von den fehlenden innerkirchlichen Aufstiegsmöglichkeiten für Pfarrerinnen.
1974 hatte die PROK „nach einem langen Kampf und sehr viel Kampagnenarbeit der Frauen“ die Ordination von Pfarrerinnen akzeptiert. Eine Massenbewegung entstand daraus nicht: „Die erste Frau wurde 1977 ordiniert und seitdem sind ihr 320 Pfarrerinnen gefolgt“, berichtet Cheon. Nach wie vor stehen die Theologinnen am Rande: Zurzeit sind in den 1.656 Kirchen der PROK gerade mal 79 ordinierte Frauen Leitende Pfarrerinnen. 66 arbeiten als Hilfspfarrerinnen, 51 in kirchlichen Einrichtungen, 13 sind als Missionarinnen im Ausland tätig und 87 üben aktuell kein geistliches Amt aus.

Die Ergebnisse einer Studie der „Vereinigung der Pfarrerinnen in der PROK“ aus dem Jahr 2013 belegt en détail, wie krass die Benachteiligung der ordinierten Frauen in der koreanischen Kirche ist: „Es gibt keine Gemeinde einer Leitenden Pfarrerin mit mehr als 100 Gemeindemitgliedern“, sagt Cheon. Die lukrativen Arbeitsstellen besetzen ausschließlich Männer. „Der Trend ist, dass Pfarrer finanziell instabile Gemeinden meiden. Und diese Kirchen mit einer schwierigen finanziellen Situation wenden sich dann gerne an alleinstehende Pfarrerinnen oder Pfarrerinnen mit berufstätigen Ehemännern.“ Eine späte Quittung für die häufig unterbezahlte Arbeit in den kleinen Gemeinden erhalten die Pfarrerinnen, wenn sie ins Rentenalter kommen. Viele sind nicht ausreichend finanziell abgesichert, weil es für sie unmöglich ist, von dem geringen Gehalt etwas für das Alter zurückzulegen.

In finanziell stabilen und gut ausgestatteten großen Gemeinden in Korea finden ordinierte Frauen höchstens als Hilfspfarrerinnen ein Auskommen. Ihr Aufgabenfeld ist durch eine stereotype Rollenverteilung geprägt: Typischerweise erledigen sie dort die geistliche Arbeit mit Kindern, sind für den Umgang mit neuen Mitgliedern und seelsorgerische Besuche verantwortlich. „Dabei sollten Pfarrerinnen gleichermaßen die Chance haben, zu predigen, den Segen zu sprechen und Zeremonien wie Abendmahl und Trauergottesdienste durchzuführen oder auch administrative Verantwortung zu übernehmen“, meint Reverend Cheon. Doch diese Tätigkeiten bleiben in den großen Gemeinden den Männern vorbehalten. Die Menschen nähmen einen Pfarrer als Führungsfigur wahr, „während sie ironischerweise eine Pfarrerin mehr als Gehilfin sehen“.

Deutliche Diskriminierung erleben ordinierte Frauen auch, wenn sie sich dazu entscheiden, einen Pfarrer zu heiraten und Kinder zu bekommen. So gelten Pfarrerinnen, die nach ihrer Heirat mit einem Pfarrer im Dienst bleiben, nicht als „offizielle“ Pfarrerinnen. Es ist ihnen nicht gestattet, im Presbyterium oder in der Generalversammlung aktiv zu werden. „Viele Pfarrerinnen geben ihr geistliches Amt aufgrund all der Hindernisse auf, die sich durch die Ehe ergeben“, erzählt die Theologin.

Ein Recht auf Mutterschutz haben Pfarrerinnen in Korea nicht. Im Gegenteil erfahren sie ausgerechnet dann besonderen Druck auf ihr Amt, wenn sie ein Kind erwarten. Min Heui Cheon ist darüber empört: „Wenn Gemeindemitglieder schwanger werden, erhalten sie nicht nur den Segen, sondern wir freuen uns auch gemeinsam. Das gilt aber nicht für Pfarrerinnen!“ Viele Frauen versuchten sogar, ihre Schwangerschaft möglichst lange zu verstecken, weil Gemeindeglieder ihnen oft zu verstehen gäben, dass Mütter keine gute Arbeit in der Gemeinde leisten könnten. Sogar erzwungene Rücktritte vom Amt seien keine Seltenheit. Da müsse dringend ein Bewusstseinswandel her, fordert Cheon.“

Die PROK müsse noch einen langen Weg gehen, um die Diskriminierung von Pfarrerinnen zu beenden, glaubt die Ökumene-Referentin. Der Umgang mit dieser Frage sei auch ein Lackmustest, inwiefern die Kirche insgesamt für Gerechtigkeit stehe und ob sie die Schwachen unterstütze. Die Vereinigung der Pfarrerinnen hat viele Ideen für eine Reform zusammengetragen – von der Forderung nach einer 30 Prozent-Quote für Frauen bei den Hilfspfarrerstellen bis hin zu Bildungskampagnen, die das Bild der Pfarrerin in der Gesellschaft verbessern sollen, oder einer faireren Altersversorgung. „Wir müssen uns in der Frage der Gendergerechtigkeit sehr anstrengen, denn die Rolle der Frau ist essenziell für unsere Kirche“, sagt Min Heui Cheon.

Cheon ist in vielen kirchlichen Bezügen die einzige Frau auf weiter Flur und pflegt viele internationale Kontakte. Als Vorbild für junge Christinnen sieht sie sich nicht. „Und wenn ich das doch bin, versuche ich mein Bestes“, lacht sie. Als sie den Posten der Ökumene-Referentin bei der PROK übernahm, meldeten sich die üblichen Bedenkenträger bei ihrem Chef: „Sie ist eine Frau und sie ist jung. Glaubst du, dass sie das überhaupt kann?“ Er habe geantwortet: „Gebt ihr Zeit und ihr werdet es sehen.“ Sie findet, das ist ein gutes Motto.

Carmen Molitor
hat als freie Journalistin im Oktober 2016 die Frauenkonsultation des Berliner Missionswerkes begleitet und dabei Dr. Min Heui Cheon kennengelernt.

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Info-Kasten Süd-Korea:   Enge Partnerschaft

Einwohner: 51 Millionen (Juli 2016, geschätzt)
Fläche: 100.284 km2 (etwas größer als Deutschland)
Religionen: 24 % Evangelische Christen, 7,6 % Katholische Christen, 24,2 % Buddhisten, ohne Angabe 44,2% (2010)
Nach der Neuorganisation der Zusammenarbeit zwischen der Deutschen Ostasienmission und dem Berliner Missionswerk im Jahr 1972 wurden die Kontakte nach Japan vertieft und zu Korea und Taiwan neu aufgenommen. Mit der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK) besteht seitdem eine enge Partnerschaft, die neben Besuchsreisen und Projektunterstützungen auch schon zu Freiwilligenentsendungen geführt hat. Die PROK setzte sich während der Militärdiktatur in ihrem Land besonders für Menschenrechte und Demokratisierung ein; die Wiedervereinigung des Landes ist ihr bis heute ein wichtiges Anliegen.












BMW

Berliner Missionswerk

Auf einen Blick

Das Berliner Missionswerk pflegt u.a. Beziehungen zu Christen und Kirchen in China, Japan, Korea und Taiwan. Mit der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea (PROK) wie auch mit der Presbyterianischen Kirche in Taiwan (PCT) bestehen allgemeine Partnerschaftsvereinbarungen, die einem Informations-und Personalaustausch, gegenseitige Besuche und Unterstützung bestimmter Projekte vorsehen. Mit der Vereinigten Kirche Christi in Japan sowie der Kirche Christi in China gibt es keine vertragliche Regelung der Beziehungen, auch wenn diese schon über Jahre vielfältig bestehen. Schon 1882 begann die Berliner Missionsgesellschaft die „China-Mission". Nach der Integration der Deutschen Ostasienmission in das Berliner Missionswerk 1972 wurden die Kontakte nach Japan vertieft, zu Korea und Taiwan neu aufgenommen und nach China, das sich erst 1980 wieder öffnete, allmählich wieder aufgebaut.

 

 

Wichtige Jahreszahlen

4. Juni 1884
Gründung des Allgemeinen Evangelisch-Protestantischen Missionsvereins in Weimar

1929
Offizielle Umbenennung in Ostasienmission (OAM). Dieser Name hatte schon seit 1921 als Untertitel Verwendung gefunden. Das sollte aber nicht bedeuten, dass der Verein für alle Zeiten sich auf Mission in Ostasien beschränken wollte...

1945
Trennung des schweizerischen Zweiges und Gründung der Schweizerischen Ostasien-Mission (SOAM)

1952
Gründung der Deutschen Ostasienmission (DOAM)

1972
Gründung des Evang. Missionswerkes in Südwestdeutschland EMS

1973
Gründung des Berliner Missionswerks BMW

1992
Vereinigung von OAM (im Bereich der ehemaligen DDR) und DOAM (im Bereich der ehemaligen BRD) zur Deutschen Ostasienmission DOAM.

2007
Letzte Satzungänderung