Professor em. Dr. Ferdinand Hahn

München - zuletzt Holzkirchen

 

Symposium zu Ehren von Prof. Ferdinand Hahn
20. - 24. Februar 2006 in Bernried
"Jesus von Nazareth im Kontext der antiken und modernen Religionen"


Kurze Biographie

geboren 18. Januar 1926 in Kaiserslautern

1926-44 Oberschule in Kaiserslautern
1944-45 Militärdienst
1945-47 Amerikanische und französische Kriegsgefangenschaft
1948-53 Theologiestudium in Mainz, Göttingen und Heidelberg
1954-56 im kirchlichem Dienst in der Pfälzischen Landeskirche (Konken, Ebertsheim)
1956-62 wissenschaftlicher Assistent bei Prof. Dr. Günther BORNKAMM in Heidelberg
1961 Promotion
1963 Habilitation für das Fach Neues Testament und Privatdozent in Heidelberg
1963-64 Lehrstuhlvertretung in Göttingen
1964-1968 o. Professor für Neues Testament in Kiel
1968-76 in Mainz
1976-94 in München
1994 emeritiert. Lebt jetzt in Iffeldorf, Oberbayern.
1998-2001 Dozent am Theologischen Institut der lutherischen Kirche der Siebenbürger Sachsen in Klausenburg / Hermannstadt, Rumänien
Seit 1014 in Holzkirchen
Am 28. 07. 2015 verstorben.

Nachrufe:
Evang.-theologische Fakultät der Universität München
Deutsche Ostasienmission

An einem Tag im Februar  (2015)

13.9.-12.10.1967 Japanreise
1968-1988 Vorsitzender der Deutschen Ostasienmission
1988 Ehrenvorsitzender der DOAM

Schwerpunkte wissenschaftlicher Arbeit in der Theologie des Neuen Testaments, Geschichte und Überlieferung des Frühjudentums, Ökumene
Gesamtbibliographie in "Studien zum Neuen Testament", Band II

 

Wichtige Veröffentlichungen:

Christologische Hoheitstitel, Göttingen 1963, 31995
Das Verständnis der Mission im Neuen Testament, Neukirchen 1963
Exegetische Beiträge zum ökumenischen Gespräch, Göttingen 1986
Die Verwurzelung des Christentums im Judentum, Neukirchen 1996

NEU:

Theologie des Neuen Testatemts, 2 Bände, 2003
- Band I: Die Vielfalt des Neuen Testaments - Theologigeschichte des Urchristentums
- Band II: Die Einheit des Neuen Testaments
Studien zum Neuen Testament
- Band I: Grundfragen, Jesusforschung, Evangelien
- Band II: Bekenntnisbildung und Theologie in urchristlicher Zeit, Tübingen Februar 2006

Im Dezember 2006 erschien Teil I der Theologie des Neuen Testaments in japanischer Übersetzung, Verlag der Vereinigten Kirche Christi in Japan (Kyodan)

 

Laudatio - zum 80. Geburtatag
von Prof. Dr. Jörg Frey, München

Zum Werk von Ferdinand Hahn

Meine sehr verehrten Damen und Herren und vor allem: lieber Ferdinand,

Es ist nicht selbstverständlich, wenn ein Gelehrter seinen 80. Geburtstag bei guter Gesundheit begehen und unter Beteiligung von Kollegen, Weggefährten, Schülern auf eine wissenschaftliche Arbeit von über 50 Jahren und ein höchst eindrucksvolles Oeuvre zurückblicken kann. Ferdinand Hahn ist heute beides vergönnt - Gott sei Dank! Und wenn ich als einer, der erst spät Kollege, Weggenosse und Freund des Jubilars werden durfte, für die spreche, die mit ihm in der Fakultät oder im neutestamentlichen Kolloquium zu tun haben, dann kann ich nur die Bewunderung zum Ausdruck bringen über die Weite seines Horizonts, die Umsicht und Klarheit seiner Urteile, die Präzision seiner Äußerungen, die sich verbindet mit großer Freundlichkeit und Bescheidenheit. Und wenn sich über dem Ethos dessen; der lebenslang hart und diszipliniert gearbeitet hat, etwas vom Glanz der Freude am Leben zeigt, dann ist dies ein Stuck verkörpertes Evangelium und das ist auch bei Theologen keine Selbstverständlichkeit.

Wir feiern und ehren heute einen Gelehrten, der wesentlich zum guten internationalen Ruf der Münchener Evangelisch-theologischen Fakultät beigetragen und Generationen von Pfarrerinnen und Pfarrern geprägt hat, einen Wissenschaftler, dessen Arbeit auch für die Evangelische Kirche und für das Ökumenische Gespräch von wegweisender Bedeutung war und ist. Ferdinand Hahn vertritt eine Theologie, die konzentriert bei ihrer Sache. d. h. bei den biblischen Texten bleibt, aber zugleich stets die großen Zusammenhange im Blick behält, und er hat immer das Anliegen verfolgt, die am Text gewonnenen Einsichten über die Fachdiskussion hinaus für eine breitere theologische, kirchliche und gesellschaftliche Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Ferdinand Hahn wurde am 18. 1. 1926 in Kaiserslautern geboren. Schon durch seinen Konfirmator und durch eine kirchliche Jugendgruppe kam er. in Berührung mit der Theologie Karl Barths. Er hat dann - wie viele seines Jahrgangs noch ais Jugendlicher Krieg und Gefangenschaft erlebt und unter diesen Eindrücken in den ersten Nachkriegsjahren, von 1947-1953, in Mainz, Göttingen und Heidelberg evangelische Theologie studiert. Prägende Lehrer waren zunächst der vom Kirchenkampf her geprägte Ernst Käsemann in Mainz sowie dann sein Doktorvater, der gleichfalls der Bekennenden Kirche verbundene Günther Bornkamm in Heidelberg. Beide vertraten in je eigener Weise die Schule Rudolf Bultmanns, und auch Ferdinand Hahn begann seine Arbeit in ihren Bahnen, doch ließ er sich nie in eine ‚Schulorthodoxie’ zwängen, und schon seine Dissertation lieferte wesentliche Bausteine zur Überwindung des Marburger Geistes. Wesentlich dazu beigetragen hat wohl, dass Hahn von Anfang an auch von anders geprägten Theologen lernte. von Joachim Jeremias in Göttingen, den Alttestamentlern Walther Zimmerli und Gerhard von Rad, den Kirchenhistorikern Ernst Wolf und Hans von Campenhausen sowie den Systematikern Friedrich Gogarten und Edmund Schlink. Bei Gogarten hätte er beinahe promoviert, das systematische Interesse blieb dem Neutestamentler Ferdinand Hahn stets erhalten.

Nach zwei Jahren im kirchlichen Dienst war Ferdinand Hahn von 1956 bis 1961 Assistent am Lehrstuhl von Günther Bornkamm in Heidelberg, wo er 1961 mit seiner Arbeit über „Anfänge christologischer Traditionen“ promoviert wurde. Dieses Buch, erschienen unter dem Titel „Christologische Hoheitstitel", begründete seinen Ruf, wie wenige andere Dissertationen wurde es zu einem Standardwerk, das in 5 Auflagen gedruckt - Generationen von Studierenden ins Examen ‚verfolgt’ hat. Schon 1963 folgte die Habilitation über „Das Verständnis der Mission im Neuen Testament“. Beide Monographien wurden rasch ins Englische übersetzt und genießen in der Fachwelt hohes Ansehen. 1964 wurde Ferdinand Hahn auf den Lehrstuhl für Neues Testament an die Universität Kiel gerufen, 1968 folgte er einem Ruf an die Evangelisch-theologische Fakultät in Mainz, bevor er dann 1976 als Nachfolger von Leonhard Goppelt an die noch junge Evangelisch-theologische Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität kam. Hier wirkte er his zu seiner Emeritierung 1994. Vorlesungen hielt er noch lange über diese Zeit hinaus, und in Vorträgen oder im Seniorenstudium ist er his heute aktiv. Außerhalb der universitären Verpflichtungen hat Ferdinand Hahn in vielen kirchlichen und ökumenischen Gremien mitgewirkt und unter anderem wesentlich dazu beigetragen, dass die „Einheitsübersetzung“ der Bibel im Bereich des Neuen Testaments in ökumenischer Verantwortung erarbeitet werden konnte. Zwei Festschriften zum 65. und 75. Geburtstag dokumentierten die ihm von Kollegen und Schillern aus aller Welt entgegengebrachte Wertschatzung. Für seine Verdienste, nicht zuletzt um die Kontakte mit Exegeten jenseits des ‚eisernen Vorhangs’, erhielt er 1998 die Ehrendoktorwürde des Theologischen Instituts in Klausenburg und Herrmannstadt. Die Krönung seines Lebenswerks bildet die Anfang 2003 erschienene, jetzt bereits in zweiter Auflage vorliegende „Theologie des Neuen Testaments“, die in gut zwanzig Jahren stetiger wissenschaftlicher Arbeit gereift ist und die methodisch reflektierteste Summe der neutestamentlichen Wissenschaft des 20. Jahrhunderts darstellt. Für dieses Werk wurde er 2003 mit dem Forschungspreis der Eugen-Biser-Stiftung ausgezeichnet. Er ist der erste Träger dieses Preises der zweite, mit dem er seit seiner Mainzer Zeit eng verbunden ist, ist Kardinal Lehmann, der nachher den Festvortrag halten wird.

Lassen Sie mich nur einige Schlaglichter zur wissenschaftlichen Bedeutung des Oeuvres von Ferdinand Hahn benennen. Wie erwähnt, gründet sein Ruf in der großen Arbeit über die Christologischen Hoheitstitel. Darin hat er für die fünf im Markusevangelium prominenten Titel Jesu, nämlich Menschensohn, Kyrios, Christos, Davidssohn und Gottessohn, deren alttestamentlich-frühjüdische Vorgeschichte und die Wandlungen in ihrem frühchristlichen Gebrauch behandelt. Dabei sah er den religionsgeschichtlichen Hintergrund der Titel starker als bisher im Judentum und klammerte auch die mögliche vorösterliche Verwendung etwa von „Menschensohn“ oder „Kyrios“ nicht von vorneherein aus. Das hat ihm herbe Kritik von Vertretern einer „Bultmann-Orthodoxie“ eingetragen , aber in der Folgezeit den Weg bereitet für die Überwindung der religionsgeschichtlichen und theologischen Einseitigkeiten in der deutschen Exegese. Das christologische Interesse hat Hahn stets weiter gepflegt und nicht zufällig steht die erste, ihm gewidmete Festschrift unter dem Titel „Anfänge der Christologie“.

Das Thema der Habilitation, die Geschichte der urchristlichen Mission hat Hahn immer wieder bewegt, nicht nur wissenschaftlich, sondern auch in praktisch-institutioneller Verantwortung als langjähriger Vorsitzender der Deutschen Ostasienmission. Ein kleiner, 1998 erschienener Band fasst seine Studien zur „Mission in neutestamentlicher Sicht“ zusammen. Wissenschaftlich nicht weniger einflussreich war Hahns dritte Monographie, das kleine Büchlein zur Geschichte des urchristlichen Gottesdienstes, das auf einem quellenmäßig schwierigen und strittigen Feld grundlegende Klärungen brachte.

Als ein Charakteristikum einer entsagungsvollen Arbeit Hahns sind die vielen Herausgebertätigkeiten zu erwähnen, die er jahrzehntelang übernommen hat: Schon 1967 übernahm er die kleine Monographienreihe der Biblischen Studien, später Biblisch-theologische Studien, die er bis zum letzten Jahr, d. h. fast 40 Jahre lang mit geprägt hat; hinzu fast 30 Jahre lang die von seinem Lehrer Bornkamm mitbegründeten Wissenschaftlichen Monographien zum Alten und Neuen Testament. Für den neutestamentlichen Bereich der Zeitschriften „Evangelische Theologie“ und „Verkündigung und Forschung“ hat er ebenfalls gut 25 Jahre lang Verantwortung getragen. Außerdem war er von 1971 his 1997 Herausgeber der traditionsreichsten wissenschaftlichen Kommentarreihe, des „Kritisch-exegetischen Kommentars zum Neuen Testament“. Was all dies bedeutet, kann nur ermessen, wer ähnliche Verantwortung trägt. Dass darüber andere Projekte zurücktreten mussten, dass der Plan eines Johanneskommentars wieder aufgegeben werden musste und dass dann bis nach der Emeritierung keine größeren Monographien mehr erscheinen konnten, ist daher gut nachvollziehbar.

Stattdessen entstanden zahllose Aufsätze: Im Lauf seiner universitären Lehrtätigkeit hat Ferdinand Hahn praktisch alle Schriften des Neuen Testaments nicht nur durch Lehrveranstaltungen, sondern auch durch Publikationen intensiv bearbeitet. Jede Einschränkung auf ‚Lieblingsthemen’ lag ihm fern. Unzählige Beiträge erschienen in Festschriften für Kollegen und kirchliche Amtsträger darin spiegelt sich nicht nur die vielfältige wissenschaftliche und menschliche Wertschätzung, derer sich Ferdinand Hahn stets erfreute, sondern auch die Disziplin, mit der er die vielen Anfragen durch je thematisch präzise auf die Geehrten abgestimmte Beiträge wahrgenommen und so zugleich Grundfragen der neutestamentlichen Wissenschaft behandelt hat. Methodenfragen zur Formgeschichte oder zur Rückfrage nach Jesus, Fragen zur Überlieferung und Theologie des Markus- und des Johannesevangeliums, Beiträge zur frühen Bekenntnistradition und zur paulinischen und deuteropaulinischen Theologie, zu den katholischen Briefen und zur Johannesapokalypse alles findet sich gleichermaßen gründlich und luzide aufgearbeitet unter Ferdinand Hahns „Studien zum Neuen Testament“ und in all diesen kleineren Arbeiten stecken die Bausteine und Detailstudien zur großen Summe der Theologie erkennen.

Bevor ich auf diese zu sprechen komme, sind noch zwei Felder zu benennen, die Ferdinand Hahn von Anfang an wichtig waren and auf denen er sich besonders intensiv gemüht hat: das christlich-jüdische und das ökumenische Gespräch. „Die Verwurzelung des Christentums im Judentum“, so heißt ein Aufsatzband mit Arbeiten zum jüdisch-christlichen Gespräch, der vor zehn Jahren erschienen ist: Hier zeigt sich die wohltuende Nüchternheit der Theologie Hahns, die ohne das verbreitete Betroffenheitspathos über die Bedeutung der Theologie nach Auschwitz nachzudenken vermag, über das Verhältnis von Schabbat und Sonntag oder die Frage, „Warum die Christen nicht Juden geblieben sind“. Die Widmung an Schalom und Avital Ben-Chorin weist auf die langjährige Freundschaft mit dem in München geborenen jüdischen Religionsphilosophen hin, der zugleich zum Pionier christlich-jüdischer Dialoge in Deutschland wurde. Die Beiträge zeigen, wie christliches Verständnis für das Judentum und echter, respektvoller Dialog aus gelebten Beziehungen erwächst und gerade dann seine Tiefe gewinnt. wenn keine Seite ihre Identität preisgeben muss. Der andere Raum des Dialogs war für Ferdinand Hahn vielleicht noch zentraler: Ökumenische Weite und das gemeinsame Mühen um ein sachgemäßes, von der Schrift geprägtes Verstehen bestimmen seine Arbeit von Anfang an. Gerade nach dem Zweiten Vatikanum entwickelte sich ein intensiver Austausch zwischen evangelischen und römisch-katholischen Exegeten - genannt seien nur Rudolf Schnackenburg, Karl Kertelge und Joachim Gnilka. In zahlreichen Gremien arbeitete Hahn mit, nicht zuletzt im Ökumenischen Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen, dem ‚Pannenberg-Lehmann-Kreis’, dessen Stellungnahme zum Herrenmahl er mit erarbeitet hat. Die Erarbeitung der Einheitsübersetzung des Neuen Testaments hat er ganz wesentlich begleitet. Ich selbst erinnere mich dankbar an ein Seminar über das Herrenmahl, an dem ich 1987 im ökumenischen Studienjahr an der Dormitio-Abtei in Jerusalem teilnahm: Ökumenisches Verstehen konnte auch hier in alter Nüchternheit aus der wirkungsgeschichtlich reflektierten Analyse biblischer Texte entstehen. Dies dokumentiert ein Aufsatzband „Exegetische Beiträge zum ökumenischen Gespräch“, in dem Hahn grundlegende Studien zur Frage von Schrift und Tradition, zum Problem des ,Frühkatholizismus', zum Herrenmahl und zur Frage nach dem kirchlichen Amt vorgelegt und den „Beitrag der katholischen Exegese zur neutestamentlichen Forschung“ explizit gewürdigt hat.

Hahns Lebenswerk aber, das zeichnete sich schon früh sollte eine Theologie des Neuen Testaments sein, auf die er in immer wieder neuen Anläufen zielstrebig zusteuerte. In diesem monumentalen, zweibändigen Werk, das fast genau 50 Jahre nach der epochemachenden Theologie Rudolf Bultmanns und wie diese bei Mohr Siebeck in Tübingen erschienen ist, hat Ferdinand Hahn einen Weg beschritten, den vor ihm lange kein Neutestamentler mehr gewagt hat: Hatte die historisch-kritische Exegese Lange Zeit nur das Geschäft der Differenzierung betrieben, mit dem Ergebnis, dass mehr oder weniger viele neutestamentliche ,Theologien’ neben- oder gar gegeneinander standen, so hat sich Ferdinand Hahn auch der Aufgabe gestellt, über die Darstellung des Inhalts der einzelnen Schriften hinaus auch die "Einheit der verschiedenen ,Theologien` sichtbar zu machen" . Diese Forderung hatte schon 1957 der zum Katholizismus konvertierte Bultmann-Schüler Heinrich Schlier aufgestellt, und es sollte fast 50 Jahre dauern, bis diese Aufgabe in hinreichend differenzierter und reflektierter Weise bewältigt wurde. Die Lösung, die Ferdinand Hahn schließlich fand, war eine Anlage der neutestamentlichen Theologie in zwei komplementären Bänden und damit ein doppelter Durchgang durch das Material. Wahrend der erste Band in größerer Nähe zu anderen Theologien eine Nachzeichnung der urchristlichen Traditions- und Theologiegeschichte von der Verkündigung Jesu bis zu den Spätschriften des Neuen Testaments und den Apostolischen Vätern bietet, leistet der zweite Band eine systematische Zusammenschau, in dem das Material zu einzelnen thematisch-sachlichen Aspekten gesammelt und auf Konvergenzen und Differenzen hin befragt wird. Damit hat Hahn unternommen, was bislang unter Exegeten als zu stark systematisierend gemieden wurde aber er hat diese Aufgabe in einer historischen Differenziertheit gelöst, so dass er den Gefahren der Eintragung einer textfremden Systematik so weit wie möglich entgangen ist. Wenn er die Aussagen der Autoren des Neuen Testaments zu Themen wie z. B. der Taufe, dem Herrenmahl oder dem Geistverständnis präsentiert, dann werden diese differenziert nebeneinander gestellt, aufeinander bezogen und auf ihre Gemeinsamkeiten und Differenzen hin befragt. Wo Divergenzen bleiben, zeigt sich ein Hinweis "auf Probleme, die im Urchristentum noch keine eindeutige Lösung gefunden haben, aber das theologische Denken herausfordern" . Neutestamentliche Exegese erfüllt hier eine fundamentaltheologische Aufgabe, wenn sie über die Auslegung der einzelnen Zeugnisse hinaus nach ihrer Tragweite und Relevanz, ja nach ihrem Beitrag zur Wahrheit des Evangeliums fragt und damit Grundlegendes leistet für jede Theologie, die sich evangelisch nennen will. Eine solche Theologie bleibt nicht im Elfenbeinturm der Fachwelt, sondern bietet sich an zur Aufnahme und Weiterfahrung in der Systematischen und Praktischen Theologie, in der kirchlichen Praxis und ökumenischen Gespräch. Das Neue Testament zerfällt hier nicht in eine Vielzahl miteinander unvereinbarer ‚Theologien’. Seine Einheit ist nicht unmittelbar evident, aber sie ist auch kein bloßes Postulat. Wo man sich so umsichtig wie Ferdinand Hahn auf die Frage nach den sachlichen Zusammenhängen einlässt, lässt sie sich so weit irgend möglich - aufzeigen und zur Geltung bringen. In strenger Konzentration auf die Texte und die mit ihnen verbundenen theologisch relevanten Aspekte präsentiert sich dieses Werk zugleich in einer schnörkellosen und klaren, im besten Sinne allgemein verständlichen Sprache. Insofern hat Ferdinand Hahn mit seiner Theologie des Neuen Testaments ein Werk geschaffen, das für lange Zeit Maßstäbe setzen und Orientierung vermitteln wird. Hier zeigt sich eine Gelehrtenarbeit, die langsam gereift ist, in immer neuen Versuchen erprobt, mit Schülern diskutiert und wieder umgestaltet wurde - weitab von dem Jagen nach schnellen ,Ergebnissen’, das die Forschung heute oft bestimmt - und gerade darin liegt ihr bleibender Wert, ihre Exzellenz.

Von Ferdinand Hahns Lebenswerk, der in Jahrzehnten gewachsenen Theologie des Neuen Testaments muss die Rede sein. Doch ist es gerade eine Kernaussage des Neuen Testaments, dass niemand, auch kein Gelehrter, aus seinen Werken lebt. Wer so lange wie Ferdinand Hahn mit den neutestamentlichen Texten gerungen hat, weiß dies wohl. Datum soll am Ende von dem Menschen, dem Freund und Wegbegleiter die Rede sein, der er für seine Weggenossen und Schüler war und ist. „Was ihr auf dem Wege verhandelt habt“, so heißt - in biblischer Anspielung - die Festschrift, die ihm die Schiller unterschiedlicher Nationalität und Konfession zum 75. Geburtstag gewidmet haben. Die Metapher der Weggemeinschaft nimmt auf, was Ferdinand Hahn auszeichnet: das klare und begründete Urteil bei gleichzeitiger Offenheit zum Gespräch, das andere Sichtweisen ernst nimmt und respektiert, die Bereitschaft, auch die eigenen Ergebnisse und Entwürfe der Diskussion auszusetzen and sich zu korrigieren, wenn dies erforderlich erscheint, der Mut, immer wieder neu anzufangen, weil wir im Nachdenken der Offenbarung Gottes nie am Ende sind. Das hat Ferdinand Hahn seinen Weggefährten vorgeführt und mitgegeben - auch dem „adoptierten“ Schüler, der dies heute auszusprechen hat.

Danke, lieber Ferdinand. Wir sind dankbar für dein Werk und dass es dich gibt.

Prof. Dr. Jörg Frey lehrt Neues Testament an der Universität München

 

18. Januar 2006
80 Jahre

Am 18. Jan. 2006 wurde Prof. Dr. Ferdinand Hahn 80 Jahre alt.

Ferdinand Hahn ist Ehrenvorsitzender der Deutschen Ostasienmission und Mentor der jüngeren Generation.

Nachdem 1963 seine Habilitation "Das Verständnis der Mission im NT" erschienen war, wurde er bald als Berater in den Vorstand der DOAM berufen. 1968 übernahm er den Vorsitz und führte die DOAM zur Integration in die beiden Missionswerke in Stuttgart (EMS) und Berlin (BMW).

2002 erschien seine Theologie des Neuen Testaments in zwei Bänden, 2005 in zweiter Auflage. Mohr Siebeck, Tübingen.

Aus Anlass seines Geburtstages zitieren wir einige Abschnitte aus diesem Werk, die sich mit "Mission" befassen.

Band I

Aus § 17
Das Evangelium als Heilsbotschaft für die Welt
"Die Verkündigung des Evangeliums in der ganzen Welt"

 

Aus § 30
Das Matthäusevangelium
"Der Missionsauftrag"

Aus § 31
Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte
"Der missionarische Dienst"

Aus § 39
Die Glaubensgemeinschaft
"Die Sendung der Jünger"

Band II

Aus § 21
Die Verkündigung des Evangeliums unter Juden und Heiden
"Der bleibende Auftrag zur Heilsverkündigung"

 

Laudatio

als pdf-Datei hier

 

Rezensionen

PD: Dr. Thomas Knöppler
hier. Als pdf-Datei hier

Video: F. Enns

Evang. Landeskirche in Baden: Arbeitsstelle Frieden 
Voice for peace Nr. 6: Friedensfragen 
"Können wir unsere christliche Ethik bei Konflikten mit anderen Religionen zugrunde legen?" Diese Frage beantwortet Prof. Dr. Fernando Enns, Leiter der Arbeitsstelle „Theologie der Friedenskirchen“ Universität Hamburg & Vorstandsmitglied der DOAM. Link: 
https://youtu.be/_Js4f3seossMehr videoclips aus der Reihe "Voices for Peace: Friedensfragen" der Arbeitsstelle Frieden in der Evang. Landeskirche in Baden | YOUTUBE.COM